Grenzen

Das Geheimnis

Autor: Christoph Koch |
Foto: Morrigan McCarthy
Die Mexikanerin Julissa Arce verstößt fast 20 Jahre lang gegen US-Gesetze und macht trotzdem Karriere an der Wall Street. Die Angst, entdeckt zu werden, mindert das nicht. Im Gegenteil

Am 8. November 2016 steht Julissa Arce um sieben Uhr morgens vor einem Wahl­lokal und freut sich auf einen schönen, feierlichen Tag. Es ist die erste US-Wahl, an der sie teilnehmen darf. Als Donald Trump 13 Stunden später den Bundesstaat Pennsylvania gewinnt, geht die gebürtige Mexikanerin von der Wahlparty, auf der sie zu Gast war, schweigend nach Hause. Sie will alleine sein mit ihrer Enttäuschung über den Ausgang der Abstimmung. Inzwischen ist sie zwar offiziell US-Bürgerin, und Trumps Ankündigungen, Millionen von Mexikanern ohne Papiere abzuschieben, können ihr nichts mehr anhaben. Aber sie hat Freunde und Familienmitglieder, die davon betroffen sein könnten. Sie weiß nur zu gut, was das bedeutet und wie es sich anfühlt. Die US-amerikanische Staatsangehörigkeit hat sie sich nicht nur über Jahre hart erarbeitet. Sie hat auch auf viel verzichtet.

Niemand soll Fragen stellen

Kaum eine Episode verdeutlicht das besser als der Tag, an dem sie erfährt, dass ihr Vater im Sterben liegt. Julissa erhebt sich mit ausdruckslosem Gesicht von ihrem Schreibtisch, durchquert langsam das Büro der Investmentbank Goldman Sachs, bei der sie arbeitet, und versteckt sich auf der Toilette im 40. Stock. Erst dort weint sie. Keiner ihrer Kollegen soll sie sehen. Niemand soll Fragen stellen. Ihr Vater lebt in Mexiko, und sie weiß, dass sie ihn vor seinem Tod nicht mehr sehen kann. Nach Mexiko auszureisen wäre vielleicht noch möglich. In ihr Wall-Street-Leben danach zurückzukehren jedoch nicht. Denn die Bankerin lebt ohne Papiere in den USA. Als ihre Tränen getrocknet sind, geht sie wieder an ihren Schreibtisch, an dem sie zum damaligen Zeitpunkt rund 340 000 Dollar pro Jahr verdient.

Ein Leben, zwei Dokumente: Julissas US-amerikanischer und mexika­nischer Pass

Ein Leben, zwei Dokumente: Julissas US-amerikanischer
und mexika­nischer Pass

Statt an der Wall Street arbeitet Arce heute für die Organisation „Define American“. „Ich wusste, dass es Millionen von Menschen in den USA gibt, die mein Schicksal teilen“, sagt die 34-Jährige. „Ihnen zu helfen, wurde mir irgendwann ein Bedürfnis.“ Für die NGO kämpft sie für die Rechte von Einwanderern und organisiert Stipendien für Migranten ohne Papiere. Eines ihrer großen Projekte: Sie will mehr Bundesstaaten davon überzeugen, dieselbe Regelung zu verabschieden, die ihr einst in Texas das Studium ohne Visum ermöglicht hat. Und ihr somit überhaupt erst die Türen öffnete, ihren eigenen amerikanischen Traum zu leben.

Nicht auf Kosten des Staates

Die Geschichte der meisten nicht do­kumentierten mexikanischen Einwan­derer beginnt mit einer nächtlichen Flucht über die US-Grenze. Beginnt mit Schleppern, Lkw-Ladeflächen oder durchschwommenen Flüssen. Julissa Arces Weg in die USA verlief anders: Sie wächst in Taxco auf, einem kleinen Städtchen etwa eine Stunde südlich von Mexico City. Ihre Eltern verkaufen damals, Mitte der Achtzigerjahre, Silberschmuck an kleine Läden in den USA und leben mit einem Businessvisum mal in Taxco, mal in Texas. Arce wohnt bei ihren Großeltern in Mexiko. Als sie elf  Jahre alt ist, holen ihre Eltern sie dauerhaft nach Texas und schicken sie auf eine Privatschule. „Die Kosten trugen meine Eltern komplett selbst, ich bin dem Staat also nicht auf der Tasche gelegen“, sagt Arce rückblickend. Es ist ihr wichtig, das festzuhalten.

Statt eines Schülervisums besitzt sie jedoch nur ein Touristenvisum. Und als das drei Jahre später abläuft, befindet sich Arce illegal in den USA. Eine Ausreise ist nun nicht mehr ohne schwerwiegende Konsequenzen möglich: Das überzogene Visum würde ihr für mindestens zehn Jahre die Rückkehr in die USA unmöglich machen. Sie durfte nicht in den USA sein und war gleichzeitig dort gefangen.

Julissa strahlt ihren jüngeren Bruder an, nachdem sie US-Bürgerin geworden ist

Julissa strahlt ihren jüngeren Bruder an, nachdem sie US-Bürgerin geworden ist

Rucksack voller Ein-Dollar-Scheine

Als eine der Jahrgangsbesten schließt die Mexikanerin 2001 die Highschool ab. Sie will BWL studieren. Ausgerechnet der konservative Bundesstaat Texas hat kurz zuvor ein Gesetz eingeführt, das ein Studium ohne Visum oder Aufenthaltsgenehmigung erlaubt. Bezahlen muss Arce die Hochschulgebühren dennoch. Jedes Wochenende fährt sie also mit dem Bus von ihrer Uni in Austin ins 130 Kilometer entfernte San Antonio und backt dort „Funnel Cakes“, eine Art Schmalzgebäck, das sie aus der Luke eines saunaheißen Food-Trucks verkauft. Es ist der Stand ihrer Eltern. Deren Silbergeschäft ist den Bach runtergegangen, und sie sind inzwischen nach Mexiko zurückgekehrt. „Jeden Sonntagabend fuhr ich mit einem Rucksack voller Ein-Dollar-Scheinen wieder zurück zum Campus, versteckte das Geld unter meiner Ma­tratze und bezahlte damit meine Uni­gebühren. Als meine Mitbewohnerin einmal die ganzen Dollarnoten sah, muss sie gedacht haben, ich würde als Stripperin arbeiten. Dabei konnte ich ohne Papiere damals einfach nur kein Konto eröffnen.“

Alles tun, um Steuern zahlen zu dürfen

Während ihre Kommilitonen feiern gehen, lernt Arce alles über Finanzmärkte. Wenn unter Freunden ein Joint kreist, verschwindet sie – denn jeder Kontakt mit der Polizei wäre eine Katastrophe. Sie sei in ihrem ganzen Leben kein einziges Mal abgebogen, ohne korrekt den Blinker zu setzen, sagt sie, und sei niemals auch nur eine einzige Meile pro Stunde schneller gefahren als erlaubt. Ihr Studium an einer der fünf besten Wirtschaftsfakultäten der USA schließt sie „cum laude“ ab. In den
Semesterferien zuvor hat sie bereits ein Praktikum bei Goldman Sachs gemacht.  „Ich war morgens die Erste im Büro und abends die Letzte“, erinnert sie sich an diese Zeit. „Aber ich wollte unbedingt Karriere an der Wall Street machen, unbedingt ein Vermögen verdienen.“ Es ist der Glaube an das Geld, der sie all diese Jahre antreibt. Der Glaube, dass es alle Probleme löst

Fragt man Julissa Arce, woher dieser Glaube kommt, gerät die sonst in rasendem Tempo erzählende Frau zum ersten Mal während des Gesprächs ins Nachdenken. „Alle Probleme meiner Eltern schienen mit Geld zu tun zu haben“, sagt sie schließlich. „Und als Kind dachte ich wirklich, wenn nur genug davon da wäre, würden meine Eltern nicht mehr streiten. Auch aus meinem Schicksal als ‚Illegal Alien‘ erschien mir Reichtum stets als der einzige Ausweg.“

Mit gefälschter Green Card nach New York

Tränen der Rührung am Tag der Einbürgerung

Tränen der Rührung am Tag der Einbürgerung

Also beginnt Julissa Arce, Geld zu verdienen. Goldman Sachs bietet ihr eine Stelle als Analystin an. Sie zieht nach New York. Eine gefälschte Green Card und eine falsche Sozialversicherungsnummer hatte sie sich einige Jahre vorher besorgt, um während des Studiums in einem Callcenter jobben zu können. „Das war überraschend einfach. Ein paar Hundert Dollar, eine Frau in einem schäbigen Apartment. So stelle ich mir einen Drogendeal vor.“ Bei Goldman Sachs seien diese Unterlagen zwar verlangt, aber noch nicht digital erfasst und abgeglichen worden. „Heute würde man damit vermutlich nicht mehr so einfach durchkommen.“ An der Wall Street arbeitet sie anfangs 80 Stunden pro Woche, ist meist bis zwei Uhr morgens im Büro. Sie wird Associate, Jahresgehalt 120 000 Dollar. Für jeden Dollar, den sie verdient, führt ihr Arbeitgeber Steuern und Sozialabgaben ab.

Über zehn Milliarden Dollar landen jedes Jahr durch Migranten, die mit falschen Papieren arbeiten, im US-Sozialsystem. Arce weiß, dass sie weder wäh­len darf, um mitzuentscheiden, wie ihre Steuern ausgegeben werden, noch jemals von ihren Sozialbeiträgen wird profitieren können. „Für mich war das immer der Preis, den ich zu zahlen hatte“, sagt sie schulterzuckend. „Was mich mehr stört, ist die Behauptung, Immi­granten seien darauf aus, Sozialleistungen abzugreifen. Ich habe in manchen Jahren über 50 000 Dollar Steuern gezahlt – und ich habe mir den Arsch aufgerissen, um das tun zu dürfen.“

Aus dem Familienalbum

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Ballettstunde in Mexiko

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BBQ mit der Familie in der Highschool-Zeit

Julissa (Mitte) und zwei Freundinnen, mit denen sie gemeinsam im Food-Truck ihrer Eltern arbeitete

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Aushändigung der Examensurkunde an der Universität von Texas

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Mit ihrem Freund in der U-Bahn

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Gemeinsam mit Freunden feiert Julissa die neue Staatsangehörigkeit

Demütigende Erpressung

Arce steigt weiter auf und verdient schließlich im Privatkundenbereich mehrere Hunderttausend Dollar pro Jahr. Aber die Angst, entdeckt zu werden, wird nicht kleiner. Eine Reise in die Londoner Zweigstelle von Goldman Sachs sagt sie unter dem Vorwand ab, unter Flugangst zu leiden. Geht sie mit Kollegen in eine Bar, betet sie, dass dem Türsteher nicht auffällt, das sich in ihrem mexikanischen Pass kein gültiges Visum befindet. Und als sie ihren damaligen Partner beim Fremdgehen erwischt, droht er, die Einwanderungsbehörde zu verständigen, sollte sie ihm eine Szene machen oder die andere Frau kontaktieren. Ein fehlendes Stück Papier bestimmte über ihre Gefühle: „Ich durfte nicht ausrasten, sondern musste mich zusammenreißen und brav nach Hause gehen. Eine unfass­bare Demütigung.“

In einer späteren Beziehung hat Arce mehr Glück. Durch die Heirat mit einem US-Amerikaner – „definitiv keine Scheinehe!“ – bekam sie nach rund 20 Jahren im Land die amerikanische Staatsbürgerschaft. Einfach war auch das nicht: Die Gültigkeit der Ehe wurde über­prüft. Und in einem teuren Verfahren musste sie erklären, was sie in all den Jahren seit ihrem Kinder-Touristenvisum getan hatte. Und das Geld, an das sie stets so fest geglaubt hatte, half ihr tatsächlich, um sich einen guten recht­lichen Beistand leisten zu können. Ihre Stelle bei Goldman Sachs hat sie dennoch vor einigen Jahren gekündigt. Ihre Kollegen wussten bis zum Schluss nichts von Arces fehlenden Papieren. „Ich habe erst nach meiner Kündigung allen Kollegen, mit denen ich zu tun hatte, davon erzählt. Bis auf einen oder zwei hatten alle Respekt für das, was ich getan hatte.“

An ihrem amerikanischen Traum hält sie noch immer unbeirrt fest, auch wenn sich durch Trumps Wahlkampf und seine Rhetorik als Präsident das Klima in den USA extrem verschärft hat. „Ich werde in den sozialen Medien öfter angegriffen und beschimpft. Leute schreiben, ich solle wieder dahin gehen, wo ich herkomme.“ Doch das kommt für Arce nicht infrage, darüber denke sie keine Sekunde nach. „Die USA sind mein Land, mein Zuhause.“