Grenzen

Der Narzisst in uns

Autor: Peter Gaide / Illustration: Tyler Spangler
Wir leben im Zeitalter der Selbstsucht. Das sagen viele, aber der Psychiater Reinhard Haller kennt sich damit aus. Ein Gespräch über Egomanie in Unternehmen und auf der politischen Bühne

Freundlich, weißer Kittel mit Kugelschreiber in der Brusttasche, dunkelblaue Birkenstock-Sandalen: Reinhard Haller verkörpert den Arzt alter Schule. Seit 1983 leitet der Psychiater die Suchtklinik Maria Ebene in Frastanz in Österreich. Außerdem ist er Gerichtssachverständiger; mehr als 8000 Gutachten hat der 66-Jährige geschrieben. Seine Klientel: (Serien)mörder, Attentäter, „Euthanasieärzte“ und Kriegsverbrecher. Eine Welt voller Narzissmus, Kränkung, Gewalt, Wahn und Tod. Wie gut, dass über seinem schwarzen Ledersofa zwei Holzfiguren thronen: Cosmas und Damian, die Schutzheiligen der Mediziner.

 

Herr Haller, seit vielen Jahren schauen Sie Menschen in die Seele. Wir beide kennen uns wenige Minuten. Wie lange würden Sie brauchen, um bei mir eine psychische Störung oder Krankheit zu dia­gnostizieren?

[REINHARD HALLER] Besonders auffällig wirken Sie im Moment nicht, aber das muss nichts heißen, vielleicht halten Sie sich bewusst zurück und spielen die Rolle des höflichen Journalisten einfach gut. Ich praktiziere zwar schon lange als Psychologe und Psychiater, und ob ich will oder nicht, besitze ich eine gewisse Erfahrung – nur, einen Röntgenblick für Ihre Seele habe ich nicht.

Aber Übung und Instinkt.

[HALLER] Ein Gespür für bestimmte Störungen habe ich, was nicht heißt, dass ich nicht sehr gründliche Untersuchungen machen muss, um sicherzugehen. Es gibt ja viel mehr als den persönlichen Eindruck – psychologische Tests, Fragebögen, Zeugen­beobachtungen, auch die Art einer Straftat verrät viel über den Geisteszustand. Ich versuche immer, umfassend in alle Richtungen zu schauen. Vorurteile und Scheuklappen wären schlecht.

Was unterscheidet eine gesunde von einer kranken Persönlichkeit?

[HALLER] Zunächst: Persönlichkeitsstörungen wie Narzissmus sind keine psychischen Krankheiten wie Depression oder Schizophrenie, sondern extreme Ausführungen allgemeiner Charakterzüge. Die Grenze zwischen noch normal und bereits gestört – das ist die Ursprungsfrage der Psychiatrie. Wir haben keine Messmethoden, mit denen wir sagen können: Sie sind zu 65 Prozent narzisstisch, zu 34 Prozent traurig und zu einem Prozent fröhlich. Messen kann man Persönlichkeitseigenschaften nicht.

Wo setzen Sie an?

[HALLER] Beim Leiden. Und dabei spielt die Bewertung durch die Gesellschaft eine erhebliche Rolle. Wenn sich jemand obskur verhält, aber niemanden – sich selbst eingeschlossen – schädigt oder stört, dann ist die Störung auch kein Problem. Wenn jedoch ein Narzisst andere dauernd niedermacht oder entwertet, dann leiden die sehr wohl darunter. Wenn ein misstrauischer Mensch paranoid oder ein Stück weit wahnhaft wird, dann wird er sich wahrscheinlich im Lauf der Zeit verfolgt und benach­teiligt fühlen und darunter leiden. So werden Persönlichkeitsstörungen zum Problem.

„Der Narzissmus ist zu einem gesellschaftlichen Ideal geworden“

Reinhard Haller

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In Ihrem Buch „Die Narzissmus­falle“ skizzieren Sie dreizehn verschiedene Ausprägungen des Narzissmus. Eine erstaunliche Bandbreite.

[HALLER] Nicht alle diese Formen bereiten große Probleme. Beim Narzissmus kommt es auf die Dosis an. Ein bestimmtes Maß ist durchaus erforderlich. Wenn also jemand zu wenig Durchsetzungsvermögen hat, andere Menschen nicht ansprechen und begeistern kann, dann gilt er als ein neurotischer Mensch.

Und wenn er zu viel davon hat …

[HALLER] … sprechen wir von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Aber auch da ist die Form bedeutsam. Der übliche Narzisst ist vielleicht störend oder gar lächerlich, aber nicht wirklich gefährlich. Seine Prahlerei ärgert uns, ist aber nicht weiter schlimm. Oder nehmen Sie den demütigen Narzissten, der in seiner Bescheidenheit alle anderen aus­stechen will. Oder ein chronisch Beleidigter. Der leidet meistens selbst genug  darunter. Das alles ist nichts gegen den malignen, also bösartigen Narzissten. Wenn der zum Beispiel als Chef andere Menschen konti­nuierlich mobbt und niedermacht, dann ist das ein Problem.

Gibt es ihn häufig, den bösartigen Narzissten?

[HALLER] Verlässliche Zahlen existieren meines Wissens nicht, wie soll man die auch erheben? Wenn ich mir allerdings die Reaktionen mancher Leser auf mein Buch ansehe, scheint es ihn in Paarbeziehungen und vor allem am Arbeitsplatz deutlich häufiger zu geben, als man meint. Und der Anteil dürfte durchaus zunehmen. Der Narzissmus ist von allen Psycho­pathien die gegenwärtig relevanteste, weil er zu einem gesellschaftlichen Ideal geworden ist. Jeder will sich zeigen, darstellen, der ganzen Welt mitteilen, dass er auf einem Berg sitzt oder eine Fleischwurst isst. Das alles ist eindeutig narzisstisch. Der Narzissmus hat eine gewisse Demokratisierung erfahren.

Ist das nicht gut? Aufklärung und Liberalismus haben doch genau das versprochen: das Ich stärken, es von Kollektivismus und Überangepasstheit befreien.

[HALLER] Es ist ambivalent. Früher praktizierte nur eine kleine Minderheit, also der Adel, einen exzessiven Narzissmus. Heute leben wir ihn alle aus. Und wir haben ja auch allen Grund dazu: Wir fliegen durch die Lüfte, sterben nicht mehr im Kindsbett, essen gut, duschen warm, sind in weiten Teilen Herr und Frau über die Natur geworden. Das ist einerseits erfreulich. Andererseits führt es zu sozialer Kälte, Entsolidarisierung und Vereinsamung, je mehr ich zu sehr auf mich zentriert lebe.

„Bei Verfehlungen in der Wirtschaft sind häufig starke narzisstische Züge im Spiel“

Reinhard Haller

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Aber es gibt doch allerlei gegenläufige Tendenzen.

[HALLER] Das leugne ich nicht, aber die Narzissmus-Strömungen sind stark. Terror und Amokläufe sind sehr narzisstisch geprägt, sie dienen dem Abbau von Kränkungen, richten sich gegen die vermeintlich heile Welt. Die heutigen Drogen sind stark narzisstisch: Ecstasy, Ampheta­mine, Kokain. Auch die Bankenkrise war eine narzisstische Krise. Man hat Scheinwerte ohne Substanz aufgebaut. Der Narzisst ist innerlich schwach und hat wenig Selbstvertrauen, deshalb baut er eine grandiose Fassade auf.

Angeblich tritt psychopathisches Verhalten im oberen Management von Unternehmen besonders geballt auf. Der kanadische Kriminalpsychologe Robert Hare schrieb einmal: „Attraktive, intelligente und gebildete Psychopathen, die in einer wohlhabenden Familie groß geworden sind, rauben keine Bank aus, sie werden Bankvorstand.“

[HALLER] Keineswegs sind alle Führungskräfte oder Vorstände psychisch gestört – aber manche schon. An der Universität St. Gallen wurden wirtschaftspsychologische Untersuchungen gemacht, in denen die Profile von psychopathisch veranlagten Verbrechern und Börsen-Brokern verglichen wurden. Es fanden sich kaum Unterschiede. Beide Gruppen sind in einem überdurchschnittlichen Maß rücksichtslos, risikobereit, verantwortungslos, haben einen Mangel an Gefühlen, agieren manipulativ. Das brachte eine recht breite Forschung über Narzissmus und Führungsverhalten in Gang.

Was kam dabei heraus?

[HALLER] Narzissmus ist für die Karriere anfangs förderlich. Narzissten sind oft durchsetzungsstark, begeisterungsfähig, sehr strebsam, legen eine gewisse Rücksichtslosigkeit an den Tag, verfügen über manipulative Fähigkeiten, sind sehr neidisch. Das alles führt dazu, dass es aufwärts geht, übrigens auch für das Unternehmen. Aber im Laufe der Zeit kehrt sich diese Entwicklung um: Der Narzisst wird einsamer in seinen Entscheidungen, andere Meinungen empfindet er als Majestätsbeleidigung. Er lässt sich nicht mehr korrigieren und erden. Er entwickelt Allmachtsfantasien, etwa, dass Gesetze oder Steuervorschriften doch nur für die Dummen gelten, aber nicht für ihn. Bei der sogenannten Weißen-Kragen-Kriminalität, also Verfehlungen in der Wirtschaft, sind sehr häufig starke narzisstische Züge im Spiel.

Narzissten können demnach eine Zeit lang vorteilhaft für Unternehmen sein, nach ein paar Jahren sollte man sie aber lieber vor die Tür setzen?

[HALLER] So könnte man es fassen, wenn man es mit berechnendem Blick betrachtet. Aber leider ist der Narzisst dann so stark und furchteinflößend, dass ihm niemand mehr gewachsen ist und man ihn nicht mehr loswird. Insofern ist das ein eher theoretischer Vorschlag.

„Führungskräfte sparen zu sehr mit Lob“

Reinhard Haller

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Der Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm prägte die Formel vom „Narzissmus als Berufskrankheit und Berufskapital“. Darin steckt der Gedanke, dass der Narzissmus auch Vorteile hat. Welche sind das?

[HALLER] Narzissten – Männer wie Frauen – sind oft faszinierend und verführerisch. Sie wirken anziehend und attraktiv. Das muss nicht unbedingt sexuell sein. Trump zum Beispiel wurde ja nicht gewählt, obwohl er Narzisst ist, sondern weil. Ich glaube, Trump weiß das auch. Er wird psychologisch unterschätzt. Sein Gehabe und Getue spricht be­stimmte Leute an, die sich jemanden wünschen, der gewissermaßen dazwischenhaut, sich vermeintlich um nichts schert und mal so richtig aufräumt – etwas, das sie selbst in ihrem Leben wünschen, aber nicht können. Bei Erdogan ist es etwas anders, aber ähnlich.

Spitzen wir es zu: Wer zu empathisch und sozial ist, der wird nicht die Nummer eins in der Branche.

[HALLER] Na ja, Narzissmus ist schon ein mächtiger Motor, aber er dreht halt sehr hochtourig. Wenn man abhebt und die Bodenhaftung verliert, wird es schwierig, wenn die Allmacht Oberhand gewinnt. Ideal dagegen ist der Typus des Charismatikers, quasi als gutartige Form des Narzissten. Während der Charismatiker auch andere Meinungen und Götter neben sich duldet, ist der Narzisst ichsüchtig und entsprechend leicht kränkbar.

Was die Frage aufwirft, wie man einen krankhaften Narzissten umgehen sollte.

[HALLER] Einfach ist es nicht. Ich habe mir ein gewisses Maß an Humor antrainiert. Man darf einfach nicht alles so ernst nehmen, was solch ein Mensch von sich gibt. Aber das hilft natürlich nicht immer. Tritt ein Narzisst zu oft entwertend auf, hilft manchmal nur der eigene Rückzug. In Unternehmen sieht man das ja häufig, dass es irgendwann einsam wird um den Narzissten. Lob kann helfen, einen Zugang zum Narzissten zu bekommen. Er braucht ja extrem viel Lob, es ist nie genug. Aber ehrliches Lob kann ihn öffnen.

Sie, ich, alle Menschen brauchen Lob.

[HALLER] In der Tat. Jede Untersuchung über Zufriedenheit am Arbeitsplatz zeigt, dass gerechte Gratifikation weit vorne steht – und zwar nicht nur eine angemessene Bezahlung, sondern vor allem Anerkennung und Wertschätzung. Führungskräfte sparen zu sehr mit Lob. Hier in Voralberg sagt man: Nicht schimpfen ist loben genug. Das ist natürlich Quatsch und schon lerntheoretisch falsch. Nicht schimpfen ist Tadel genug, müsste man sagen. Aber Lob muss authentisch sein. Nicht antrainiert, nicht floskelhaft, sondern konkret und echt.

Am Ende von „Die Narzissmusfalle“ schreiben Sie: „Unsere Gesellschaft braucht mehr Anti-Narzissten, aber rasche Änderungen wird es nicht geben.“ Das klingt ernüchtert.

[HALLER] Als Pessimisten sehe ich mich eigentlich nicht, eher als Mahner. Der Physiker Stephen Hawking sagte einmal, das Überleben der Menschheit werde wesentlich davon abhängen, ob sie die gute Empathie retten kann – im Unterschied übrigens zur schlechten, sadistischen Empathie. Das zum Teil sehr ausgeprägte Einfühlungsvermögen eines Sadisten ist ja nur darauf gerichtet, möglichst große Qualen zu bereiten. Jedenfalls ist ein Mangel an guter Empathie – sich nicht einfühlen zu können in den anderen Menschen, seine Bedürfnisse und Empfindungen nicht ernst zu nehmen – ein wesentliches Kennzeichen des Narzissmus. Gute Empathie ist eine zutiefst anti-narzisstische Eigenschaft. Wir brauchen mehr von ihr.


reinhard_haller_150x150Prof. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut, Neurologe und Buchautor. Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Suchtforschung und -behandlung. Zuletzt erschien von ihm „Die Macht der Kränkung“.