Grenzen

Der Neue

Autor: Janina Groffmann |
Foto: Bettina Engel-Albustin
Im Januar kam Thomas Schmidt als drittes Vorstandsmitglied zu Haniel. Doch dies ist nicht seine einzige Heraus­forderung: Sobald der Zusammenschluss von CWS-boco und Konkurrent Initial vollzogen ist, wird Schmidt zusätzlich CEO der CWS-boco. Hier erzählt er, warum es sich manchmal lohnt, Grenzen zu überschreiten

Eine Kaffeetasse mit dem Aufdruck seines früheren Wohnortes „Darmstadt“ auf dem Schreibtisch, in der Ecke zwei unan­gerührte Umzugskartons – ansonsten verrät nichts, dass Thomas Schmidt längst angekommen ist am Franz-Haniel-Platz. Kein Papier liegt herum, keine Akten stapeln sich auf dem Schreibtisch. Wovon viele sprechen, Schmidt macht es: Er arbeitet rein digital. „Ich kann nicht Digitalisierung einfordern und dann die Wälder abholzen, um drucken zu können. Außerdem kann ich so viel Papier gar nicht tragen, wie ich auf dem Tablet an Informationen dabei habe.“ Denn der Mittvierziger mit dem offenen Lächeln und dem leichten fränkischen Dialekt hat momentan nicht nur viele Informationen zu verarbeiten, sondern ist auch ständig auf Achse: Privat pendelt er jedes Wochenende zu Frau und Tochter in der Nähe von Nürnberg. Und seine erste große Aufgabe wird es sein, zwei Unternehmen zusammenzubringen: Im Dezember haben die Duisburger mit dem britischen Konzern Rentokil Initial eine Vereinbarung über die Bildung eines Joint Venture zwischen dem Haniel-Geschäftsbereich CWS-boco und dem Bereich Initial unterzeichnet. Wenn die Kartellbehörden zustimmen, können beide Unternehmen ihr kontinentaleuropäisches Waschraum- und Berufskleidungsgeschäft zusammenbringen.

Unterwegs mit dem Servicefahrer von CWS-boco

Sobald der Deal abgeschlossen ist, tritt CWS-boco-CEO Maximilian Teichner aus persön­lichen Gründen ab – und Schmidt folgt. Damit verantwortet er nicht nur die Integration, sondern auch das Geschäft in einem neuen Terrain: Handtuchspender, die digital ihren Füllstand mitteilen, und Berufskleidung im Mietservice. Um diese neue Welt kennenzulernen, hat er nicht nur die Zentrale besucht, sondern auch die Perspektive gewechselt. Er ist mit einem Servicefahrer von CWS-boco auf Auslieferungstour gefahren und hat Wartungstechnikern über die Schulter geschaut. „Sich dafür Zeit zu nehmen, war erst mal wichtiger, als bei allen Entscheidungen dabei zu sein“, erzählt Schmidt, während er entspannt auf dem Sofa in seinem Büro sitzt. Denn er will verstehen, wie das Geschäft in der Praxis läuft; welche Rädchen gedreht werden müssen, damit am Ende der Profit stimmt – um dann die richtigen Weichen zu stellen. Und wenigstens der Weg von einem Vorstandsbüro ins andere ist kurz: CWS-boco International sitzt im Gebäude auf der anderen Seite des Franz-Haniel-Platzes.

Thomas Schmidt ist seit Januar 2017 Vorstand bei Haniel

Thomas Schmidt, seit Januar im Haniel-Vorstand

Dass Schmidt es einmal in eine solch verantwortungsvolle Position schafft, hätte in seiner Jugend wohl kaum jemand gedacht – und er am allerwenigsten. Mit 16 Jahren schmiss er die Schule, „weil ich in den Fremdsprachen nicht so gut war oder keine Lust hatte. Wie das halt so ist in dem Alter …“, schmunzelt Schmidt. In der Playmobil-Fabrik vor den Toren Nürnbergs fing er eine Ausbildung zum Kunststoffformgeber an. Eines Tages bot ihm sein Betriebsleiter an, für einige Monate nach Malta zu gehen und seine Ausbildung in der dortigen Produktion zu beenden – Zeit zum Nachdenken blieb nicht, der damals 18-Jährige musste sich sofort entscheiden. „Ich habe mich ins Auto gesetzt und bin losgefahren – ohne zu wissen, was mich erwartet, und ohne die Sprache zu sprechen.“ Die Spontanität zahlte sich aus: Er hatte eine tolle Zeit auf Malta, und auch mit dem Englischen klappte es. „Würde ich jedem empfehlen, so früh wie möglich eine Zeit im Ausland zu verbringen, sich da alleine durchzuschlagen und seine Grenzen auszutesten.“ Dort traf er auch die Entscheidung, dass er noch mehr sehen will von der Welt. Nach seiner Rückkehr holte er deshalb das Abitur nach und studierte an der Hochschule Würzburg Kunststofftechnik.

"Mir macht es Spaß zu gestalten, Ideen umzusetzen. Und zu sehen, ob diese in der Umsetzung erfolgreich sind."

Thomas Schmidt

Praktisch als Ingenieur in diesem Beruf gearbeitet hat er jedoch nie: Schon während des Studiums kam er über ein Praktikum zum US-Industriekonzern General Electric. Auch hier startete er mit einem Sprung ins kalte Wasser: „An meinem ersten Arbeitstag sagte mein damaliger Chef: ,Hier ist die Aufgabe, und hier ist das Ziel der Aufgabe. Mach mal‘ “, erinnert er sich. „Das war unheimlich spannend. Mir macht es Spaß zu gestalten, Ideen umzusetzen. Und zu sehen, ob diese in der Umsetzung erfolgreich sind. Deswegen war dann auch klar, dass ich breiter arbeiten wollte.“ Nach seinem Diplom nahm ihn General Electric direkt ins firmeneigene Führungskräfteprogramm auf – obwohl ein Bruch im Lebenslauf damals noch als hinderlich für eine Managerkarriere galt. Er durchlief verschiedene Stationen innerhalb des Konzerns, in Deutschland, England und den Niederlanden, und stieg schnell auf.

Schmidt hat Spuren hinterlassen

2008 wechselte er zu TE Connec­tivity, der Schweizer Konzern mit amerikanischen Wurzeln ist der weltgrößte Hersteller für Steckverbinder. „Er ist ein extrem gut strukturierter Stratege, der voll und ganz hinter seinem Team steht und dieses mit Mut und Leidenschaft für die Sache inspiriert“, erzählt Adriana Nuneva, Vice President Global Marketing. Unter seiner Führung entwickelte sich die Industriesparte von TE Connectivity von einem wenig bedeutenden Bereich zu einem der beiden Hauptstandbeine des Konzerns. Auch in der Unternehmenskultur von TE hat Schmidt Spuren hinterlassen: 2009 rief er ein firmeneigenes Frauennetzwerk ins Leben. „Am Anfang wurde ich sehr belächelt – aber inzwischen hat das Frauennetzwerk Tausende Mitglieder, und es gibt eine ganze Reihe von weiteren Netzwerken für verschiedene Interessengruppen im Konzern. Diversity ist heute eine der Kernstrategien bei TE.“

"Ich bin so aufgewachsen, dass man Leute mit einbezieht, unabhängig von Rang oder Schulterklappen."

Thomas Schmidt

Das Thema Diversity möchte Schmidt auch bei CWS-boco weiter ausbauen. Aber zunächst gilt es für ihn, sich mit einer völlig neuen Unternehmenskultur vertraut zu machen. Immerhin hat er in den vergangenen 20 Jahren ausschließlich in amerikanisch geprägten Unternehmen gearbeitet. Da ist der Wechsel zu Haniel durchaus als harter Bruch zu bezeichnen. Als er über einen Bekannten von dem Angebot hörte, wusste er „wenig bis gar nichts“ über das Duisburger Unternehmen und seine Beteiligungen.

Gespräche mit der Haniel-Familie geben den Ausschlag

Neben dem vielseitigen Portfolio und der Strategie als Family-Equity-Unternehmen gaben auch die Gespräche mit Mitgliedern aus der Familie den Ausschlag für die Entscheidung, zu Haniel zu gehen. Zum Beispiel mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Franz Markus Haniel, dessen Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater das Unternehmen vor zweieinhalb Jahrhunderten gründete: „In einem börsennotierten Konzern kennen die Manager die Eigentümer nicht. Ich fand es spannend, dass das hier anders ist.“ So sehr Schmidt Traditionen schätzt, hier und da will er sie auch aufbrechen: Um das bestmögliche Ergebnis zu erreichen, verlässt er gerne eingeübte Wege und überschreitet vermeintliche Grenzen. „Ich bin so auf­gewachsen, dass man Leute mit ein­bezieht, unabhängig von Rang oder Schulterklappen.“

Neue Ansätze finden und umsetzen

Schmidt freut sich auf das, was kommt: „CWS-boco hat in den letzten Jahren erfolgreich gearbeitet. Jetzt geht es darum, die Stärken beizubehalten.“ Damit meint er die nachhaltige und langfristige Ausrichtung des Unternehmens, aber auch den Mut, neue Investitionen einzugehen. In der Haniel-Gruppe sieht er – ebenso wie seine Vorstandskollegen – Schärfungspotenzial in der gemeinsamen Vision: „Damit alle wirklich wissen, wo wir hinlaufen wollen – in den Geschäftsbereichen ebenso wie in der Holding.“ Auch im Hinblick auf die Digitalisierung: „Es läuft gut, aber wir sollten uns auch genügend Zeit nehmen, um nachzudenken, wo neue Geschäftsmodelle und Ansatzmöglichkeiten sind und wie wir die umsetzen können.“ Völlig neu denken: Das reizt den 45-Jährigen. „Er hat diesen unermüdlichen Wunsch, das Geschäft in jeder Hinsicht zu verbessern. Wenn andere diese Leidenschaft und Dringlichkeit nicht teilen, frustriert ihn das“, sagt sein ehemaliger Kollege Al Ghelani, General Manager Rail bei TE Connec­tivity. „Gleichzeitig kann man viel von ihm lernen. Er legt viel Wert auf Ergebnisse – aber vergisst den Spaß auf dem Weg dahin nicht.“