Grenzen

Die Grenze zwischen Gott und Allah

Autor: Isabelle Hartmann |
Foto: Isabelle Hartmann
Christen und Muslime leben friedlich miteinander? Unmöglich, behaupten viele: Beide Religionen stünden doch auf Kriegsfuß. Falsch, beweisen andere, die jeden Tag den Dialog zwischen den Religionen voranbringen.

Es ist halb vier an diesem Dienstag im Norden Münchens, der Tag ist trüb und kühl. Ein paar Jugendliche laufen in Grüppchen auf dem Bürgersteig, sie kommen aus der Schule und albern herum. An der kleinen, hell gestrichenen Kapelle biegen sie ab und verschwinden in dem zweistöckigen Gebäude. Doch die jungen Leute sind keine angehenden Mönche: Sie sind unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und wohnen im Alveni-Haus, einer Jugendhilfe-Einrichtung, die von dem katholischen Wohlfahrtsverband Caritas getragen wird. Knapp 60 Geflüchtete aus 14 Nationen leben hier unter einem Dach, alles junge Männer, fast alle Muslime. Eine Handvoll sind orthodoxe Christen, manche mischen ihren Glauben mit Elementen von Naturreligionen.

Neben der Kirche links vom Haupttor sehen die Flüchtlinge jeden Tag drei Kreuze auf dem Gelände, das auffälligste hängt unweit des Haupteingangs im Treppenhaus, zwischen dem ersten und dem zweiten Stock. Es ist ein bemaltes Kreuz mit viel Blau, gute zwei Meter hoch und eineinhalb Meter breit. „Es stammt noch aus der Zeit, als dieses Haus eine Suchtklinik war, und wurde von den damaligen Bewohnern bemalt“, erklärt Jürgen Keil, der jetzige Heimleiter.

Ein evident christliches Symbol in einem hauptsächlich von Muslimen bewohnten Haus: Birgt das nicht Konfliktpotenzial? Jürgen Keil schüttelt den Kopf. Probleme gibt es nicht. Er berichtet aber von Irritationen, die zwei Jugendliche beim Einzug vor einigen Jahren geäußert hatten. „Aber wir haben das Kreuz nicht heruntergehängt. Wer es nicht mag, soll woanders hin.“ Die Jugendlichen sind geblieben.

Muslimische Gebete in der Kirche

Und so leben die knapp 100 Betreuer und Bewohner zusammen: Christen, Muslime und Anhänger weiterer Religionen, friedlich und respektvoll. In der Adventszeit gibt es einen Tannenbaum am Eingang, und zu Heiligabend kochen die christlichen Betreuer für die Jugendlichen. Umgekehrt werden zu Ramadan die Hausregeln gelockert: Die Küchen bleiben nachts geöffnet, damit die praktizierenden Muslime ihr Fasten brechen können. Sogar die kleine Kapelle wird in schwierigen Zeiten zum Rückzugsort für die jungen Muslime, berichtet Heimleiter Jürgen Keil: „Wenn die Jugendlichen die Nachricht vom Tod eines Familienangehörigen bekommen, bieten wir ihnen an, zum Trauern und Beten in die Kirche zu gehen. Und manche nehmen es wahr, weil sie lieber in einem abgeschlossenen Gotteshaus sind als in einem Gruppenraum, wo jeder vorbeikommt.“ Gelebte Toleranz statt angeblich unüberwindbare religiöse Grenze. Ist das alles zu schön und zu glatt, um wahr zu sein?

Miteinander leben statt nebeneinander

Nein. Denn ein noch viel engeres Zusammenleben findet auf der Ebene ganzer Staaten statt: zum Beispiel in Burkina Faso. Im westafrikanischen Land, südlich der Sahara, sind die rund 20 Millionen Einwohner religiös sehr gemischt. Rund 60 Prozent sind Muslime, etwa 25 Prozent Christen, 15 Prozent Anhänger der traditionellen Religionen. Seit Jahrzehnten leben sie ohne Konflikte. Das, was in Deutschland umständlich „interreligiöser Dialog“ genannt wird, heißt dort nur „Lebensdialog“, weil die Menschen unterschiedlicher Religionen nicht nur nebeneinander, sondern wahrhaftig miteinander leben.

So wie Catherine und Boureima. Sie ist Katholikin, er Muslim. Seit mehr als 20 Jahren sind sie ein Ehepaar und leben in einem Dorf namens Imasgho, im Zentrum des Landes. „Das Wichtigste ist, dass wir uns lieben. Und dann soll jeder seinen Glauben ausüben können. Er soll kein Element sein, das uns auseinandertreibt oder für Streit sorgt. Es gibt so viele Schwierigkeiten im Leben.“

Aus diesem Verständnis heraus haben sie sich konsequent für religiöse Gleichheit in der Familie entschieden. Wenn die christliche Fastenzeit beginnt, kümmert sich Boureima um den Haushalt, damit Catherine mehr Raum bekommt. Umgekehrt funktioniert die Beziehung in der Zeit des Ramadan: Die drei Kinder des Paares tragen wie selbstverständlich einen muslimischen und einen katholischen Namen. Je nach Lust und Laune begleiten sie Papa in die Moschee oder Mama in die Kirche. Für sie sind Gott und Allah austauschbare Begriffe. „Wir zwingen ihnen nichts auf, sagt Boureima. Sie sind ja so klein. Wenn sie größer werden, sollen sie eigenständig entscheiden, welcher Religion sie angehören wollen.“

Islamunterricht am Priesterseminar

Diese Offenheit, beispielhaft für die der Bewohner des Landes, sorgt für erstaunliche Entwicklungen. So bekommen Muslime regelmäßige Livesendungen auf katholischen Wellen, um ihre Religion zu erklären. Außerdem gehört der Islam zum offiziellen Programm in allen katholischen Priesterseminaren Burkina Fasos. Eine Woche lang lernen die angehenden Priester, was der Islam ist, woher er kommt, was er seinen Gläubigen sagt. „Je tiefer man sich mit einer Religion auskennt, desto besser kann man den anderen helfen, diese auch zu verstehen und den Kern dieser Religion zu leben“, erklärt Gilles-Pascal Zabré, Leiter des größten Seminars des Landes, in der Hauptstadt Ouagadougou. „Der künftige Priester wird ein Vermittler sein in einer Gesellschaft, die nicht nur aus Christen beziehungsweise aus Katholiken besteht. Wir müssen daran arbeiten, mit all den Menschen um uns herum in einen Dialog zu treten. Wenn wir das schaffen, dann integrieren wir mehr, als dass wir auseinandertreiben.“

Den anderen verstehen, wertschätzen und akzeptieren: Die Botschaft ist nicht nur für die jungen Männer wichtig, die bald predigen werden – sondern für alle, die auf der ganzen Welt der terroristischen Bedrohung etwas entgegensetzen wollen. Wie kürzlich noch Deutschland, Frankreich oder Großbritannien ist auch Burkina Faso zur Zielscheibe von islamistischen Attentaten geworden, die die Offenheit des Landes zerstören wollen. Doch eine wichtige Bedingung muss berücksichtigt werden, damit der interreligiöse Dialog gelingt, weiß der Friedenspreisträger und katholische Bischof Joachim Ouédraogo: „Man darf den Dialog nicht führen, um den anderen zu bekehren. Wenn du so etwas im Kopf hast, geht alles den Bach runter. Man muss sich dem anderen zuwenden, weil er derjenige ist, der er ist, und weil er Werte mit sich trägt. Man muss es schaffen, die Werte der anderen Religionen zu akzeptieren.“

Wie der Katholik Jürgen Keil in München, der seinen Schützlingen in allen Lebenslagen unter die Arme greift, egal welcher Religion sie angehören; und auch wie die christlich-muslimische Familie von Catherine und Boureima. Sie alle haben die Worte des Bischofs schon vor Jahrzehnten intuitiv zu ihrem Lebensweg gemacht. „Wir sind alle gleich, sagt Boureima ganz ruhig. Alle beten zum Allmächtigen – und spätestens, wenn wir sterben, befinden wir uns alle ein paar Meter unter der Erde. Das Leben ist so einfach, wir machen es uns nur kompliziert.“