Grenzen

Dublette

Physisch oder virtuell, Bild oder Abbild: Diese Unterscheidungen werden bald nicht mehr bedeutsam sein. Aber wenn sich alte Grenzen auflösen, brauchen wir dann nicht ein paar neue?

2016 wurde die Welt zur digitalen Arena. Millionen Menschen suchten nach Fan­tasiewesen, die auf dem Display ihrer Smartphones erschienen, als wären sie Teil der realen Umgebung. Inzwischen ist der Hype um das Spiel Pokémon Go zwar wieder abgeflaut. Doch die Ruhe ist trügerisch. Das Game war nur ein Vorgeschmack auf das, was noch kommt.

Das Telefon hat vor langer Zeit unsere Kommunikation von ihrer Ortsabhängigkeit gelöst, das Smartphone hat sie innerhalb von einem Jahrzehnt allgegenwärtig gemacht. Mit der Augmented Reality wie bei Pokémon Go begeben wir uns in eine technologisch erweiterte Version unserer Realität. Die ersten Brillen, die kontextbezogene Informa­tionen in unser Sichtfeld projizieren können, sind auf dem Markt. Längst wurden Patente für smarte Kontaktlinsen angemeldet, die Ähnliches leisten. Virtual-Reality-Brillen machen es möglich, in komplett computergenerierte Umgebungen einzutauchen. Inzwischen gibt es VR-Adaptionen von Computerspielen, in denen sich ein unerhörtes Maß an Emotionen entfaltet. Die virtuell eingebetteten Spieler erleben echte Gefühle, durchlaufen Spannung, Freude, Angst. Sie sind Teil des Games – und das Game ist Teil ihrer Realität.

Transaktionen als Teil der Identität

Die Frage ist nicht mehr, ob, sondern nur noch wann solche Technologien unser Leben durchdringen werden. Und wie es unsere Gesellschaft verändert. Für künftige Generationen wird es keinen Unterschied machen, ob etwas physisch oder virtuell stattfindet. Beides wird normaler Bestandteil unserer Welt sein, und wir wer­den beides je nach Situation nutzen – oder gleichzeitig. Alles ist dann miteinander vernetzt: die uns umgebenden Geräte, Privatleben und Arbeitswelt, analoges und digitales Sein. Und wenn Mensch und Maschine auf diese Weise immer mehr verschmelzen, dann erleben wir einen Umbruch, der die heutige Digitalisierung als simples Vorspiel erscheinen lassen wird.

Ein Beispiel: Die Blockchain-Technologie und ihre Nachfolger werden unser bis­heriges Verständnis von Gesellschaft aus den Angeln heben. Mit der Idee einer auf Code basierenden Kryptowährung, wie heute schon der Bitcoin, werden Trans­aktionen untrennbar und dauerhaft nachvollziehbar mit ihren Besitzern verknüpft. Währung ist dann Teil unserer digitalen Identität, aus der eine Software Geld errechnet, wenn wir etwas kaufen.

Durch diese von traditionellen Regulierungen losgelöste Blockchain-Identität werden wir uns über bisherige staatliche Grenzen hinweg in neuen wirtschaft­lichen und politischen Ökosystemen organisieren. Das wird nicht das Ende von großen Konzernen und bestehenden Staaten sein, aber sie werden sich in der fortschreitenden Disruption der digitalen Globalisierung verändern – und mit mächtigen Gegenmodellen konfrontiert werden, die sich aus diesen neuen Möglichkeiten heraus bilden.

Digitale Souveränität!

Auf dem Weg in eine Gesellschaft, die sich atomisiert und neu zusammensetzt, werden wir viele Kämpfe austragen müssen, damit diese Entwicklung nicht in einer Dystopie mündet. Denn mit den Technologien der Zukunft werden die bisherigen Grenzen für den Umgang mit persönlichen, intimen Daten aufgehoben, wir werden gläsern, Privatsphäre nach unserem heutigen Verständnis gerät unter Druck. Wir werden diese Grenzen neu definieren und zum Teil verteidigen müssen, um nicht zum Spielball von ökonomischen oder politischen Interessen zu werden. Wir brauchen einen neuen Begriff von Politik und Wirtschaft. Einen, der sich durch die digitale Souveränität des Individuums definiert.

Wie begleiten wir den Übergang in diese neue Wirklichkeit, die das Leben unserer Enkel prägen wird? Indem wir uns neu justieren – uns und kommenden Generationen eine zukunftsweisende Medienkompetenz verschaffen. Wir werden lernen müssen, den digitalen Raum als zentralen Bestandteil unserer Gesellschaft zu akzeptieren. So wie unsere Vorfahren akzeptieren mussten, dass es plötzlich den Buchdruck oder die Elektrizität gab. Erst wenn wir dieses Grundverständnis als Messlatte für Gesetze und gesellschaftliche Normen begreifen, es in Lehrplänen, betrieblicher Ausbildung und Erziehung umsetzen, wird die neue Durchlässigkeit der alten analogen Grenzen zur Chance, unsere Welt klug zu verändern. Und mit etwas Glück sogar ein bisschen besser zu machen.

 


alexander-von-streit_150x150Alexander von Streit ist Gründer und Herausgeber des Webmagazins „Kraut­reporter“. Zuvor war er Chefredakteur der Technologiezeitschrift „Wired“ und Ressortleiter Digital bei „Focus online“.