Grenzen

Ein Traum aus Schaum

Autor: Katharina Habon |
Foto: Max Brunnert
Ein Eigenheim mit einer abschließbaren Tür und einem wasserdichten Dach ist für Millionen Flüchtlinge oder Menschen in Katastrophengebieten nur eine Wunschvorstellung. Andreas Mohr arbeitet daran, sie zu verwirklichen
Von der Hülle zur Wand: Andreas Mohr begutachtet ein Hauselement, das mit Bauschaum gefüllt wird

Von der Hülle zur Wand: Andreas Mohr begutachtet ein Hauselement, das mit Bauschaum gefüllt wird

„Im Radio liefen gerade Nachrichten über ein Erdbeben in der Türkei, bei dem Hunderttausende ihr Zuhause verloren hatten“, erinnert sich Andreas Mohr an den Nachmittag im Jahr 1999, an dem er im Keller seines Hauses stand und ein Fenster abdichtete. Er hörte zunächst nur mit halbem Ohr zu, während er Bauschaum aus einer Tube in eine Wandlücke spritzte. Als dieser aufging wie ein Hefeteig und fest wurde, machte es in seinem Kopf „klick!“ Wie wäre es, wenn man mit dem Material billig und schnell Häuser errichten könnte, die Erschütterungen, Regen und Sturm standhielten?

Der Manager, der damals in einem großen Konzern arbeitete, spielte Szena­rien durch, überlegte, wie er seine Idee umsetzen könnte. Allein, die Zeit fehlte, um das Ganze professionell anzu­gehen. Bis zu einem Tag im Jahr 2015, als Andreas Mohr mit Mitte 50 erfuhr, dass eines der Personalabbauprogramme diesmal auch ihn „erwischen“ würde. Der erste Schreck hielt jedoch – auch in Anbetracht der Abfindung – nicht lange an. Im Nachhinein bezeichnet er seine Entlassung sogar als „Geschenk des Schicksals“. Bot sie doch die lange erwartete Gelegenheit, sein Projekt in die Tat umzusetzen und damit Menschen in Not ein „Dach über dem Kopf“ zu geben – nicht nur als bessere Unterbringung, sondern auch als Chance, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Und er nutzte den Moment: Mit seiner Firma PMFHousing steht er nun kurz davor, ein schnell aufbau­bares, haltbares und günstiges Haus auf der Grundlage von, eben, Bauschaum auf den Markt zu bringen.

Mit dem Kopf durch die Wand

Bis hierhin musste der schon etwas ältere Jungunternehmer allerdings viel Überzeugungsarbeit leisten. Dabei klingt seine Idee bestechend. „Bei fast jeder humanitären Katastrophe, ob durch Natur oder Menschenhand verursacht, wird neben Gebäuden auch das Verkehrsnetz zerstört. Der Transport von gutem Baumaterial wird dadurch schwierig, langwierig und teuer“, sagt Mohr. Die Menschen müssen also mit vorhandenen Rohstoffen wie Lehmziegeln auskommen, die bei der nächsten Katastrophe wieder zerbröseln. Oder sie leben in improvisierten Zeltstädten. Flüchtlinge tun das im Schnitt mehr als elf Jahre!

Mohrs Konzept soll Abhilfe schaffen: Die Hilfsbedürftigen sollen vorgefertigte Textilhüllen – ähnlich einer Luftmatratze – mit Bauschaum füllen und die Elemente anschließend zu vier Wänden und einem Dach verbinden können. Das Gesamtgewicht der einzelnen Bauteile dürfte bei 1500 Kilogramm für ein Haus für eine Familie liegen, insgesamt rund 240 Quadratmeter Wohnraum sollten damit in einen 20-Fuß-Container passen.

Andreas Mohr hatte allerdings nicht mit den vielen Fallstricken gerechnet, die seiner Vision im Weg lagen. Obwohl er sich endlich Vollzeit mit seinem Projekt beschäftigen konnte und überzeugt von der Machbarkeit war, entpuppte sich das Interesse von Unternehmen, sich zu engagieren, doch als geringer als erhofft – es gab einige „höfliche Absagen“, selbst von Her­stellern des Bauschaum-Materials Polyurethan. Ein Konzern war äußerst skeptisch, was die technische Lösbarkeit anging. „Und die Experten hatten recht“, sieht Mohr heute ein. „Ich wollte wohl mit dem Kopf durch die Wand. Ich habe nicht erkannt, dass das Verfahren in der damals erdachten Form nicht funktionieren konnte.“

Alleine geht es nicht

Wie beim Bier – wenn man zu viel einfüllt, schäumt's über

Wie beim Bier – wenn man zu viel einfüllt, schäumt’s über

Als Maschinenbau-Ingenieur ist der Erfinder zwar technisch versiert, aber das allein reichte nicht aus. So machte er sich auf den Weg, besuchte das „StartupDorf“, eine Initiative, die sich für die Vernetzung und Förderung von Unternehmensgründern in Düsseldorf einsetzt, las Fachliteratur und traf auf der weltweit größten IT-Messe CeBIT in Hannover Menschen, die vor ähnlichen Herausforderungen standen oder stehen.

Der erfahrene Manager begriff allmählich, dass die klassischen Leistungskennzahlen nicht für Start-ups gelten. Dort gebe es zwei wesentliche Erfolgsfaktoren: den langen Atem bei den Finanzen und die Reaktionszeit: Wie lange brauchst du, um deine Idee zu verändern, wenn etwas nicht funktioniert? „Als Einzelkämpfer bin ich zu langsam in der Problemlösung“, musste sich Mohr eingestehen. Er suchte nach Hilfe. „Dabei ist es enorm wichtig, anderen von meiner Geschäftsidee zu erzählen, auch auf die Gefahr hin, dass sie mir geklaut wird.“

Diesen Vorsatz befolgte er auch bei einem Treffen der „McCloys“. Mohr hatte Ende der Achtzigerjahre als Stipendiat des gleichnamigen Programms den Master of Public Administration in Harvard gemacht. Er kam mit Rupert Antes ins Gespräch, dem Geschäftsführer der Haniel Stiftung. So erfuhr er vom Social Impact Lab Duisburg, einem Gründungslabor für Sozialunternehmer. Dort könne er sein Konzept in einen Businessplan überführen, bekäme Beratung sowie Kontakte zu potenziellen finanziellen und ideellen Unterstützern – eine erfolgreiche Bewerbung vorausgesetzt.

Im September 2016 hatte es Andreas Mohr mit seiner Firma PMFHousing – die Abkürzung steht für PolyMer Foam, also Polymerschaum – in das Qualifizierungsprogramm geschafft. Sein Unternehmen ist zwar immer noch eine „One Man Show“, aber er steht längst nicht mehr allein. Inzwischen unterstützt ihn der Chemiekonzern, der ganz am Anfang zwar Interesse gezeigt hatte, aber nicht investieren wollte. Das Unternehmen stellt teilweise einen Mitarbeiter frei und Polyurethan-Fässer zur Verfügung. Mit dem Mate­rial experimentieren Wissenschaftler der RWTH Aachen, um das „Geheimnis der richtigen Technik“ für die Füllung der Textilhüllen zu lüften.

Vorfreude bei Andreas Mohr: Bald entsteht der erste Prototyp seines Hauses

Vorfreude bei Andreas Mohr: Bald entsteht der erste Prototyp seines Hauses

Das Ziel: komplette Städte

„Alle glauben daran, dass es bald möglich sein wird, damit innerhalb einiger Stunden ein sechs mal sechs Meter großes Haus zu errichten“, sagt Mohr, der auf seine Erfindung ein Patent angemeldet hat: Bodenplatte aus Holz, Schaum oder Beton herstellen, darauf ein Fachwerk aus Stahlprofilen oder Kanthölzern aufbauen, die Elemente mit dem Fachwerk verkleben und ausschäumen – und fertig ist das Grundmodul. Es kombiniert die Vorteile eines Zelts (kurze Bauzeit, niedrige Baukosten und einfache Materiallogistik) mit den Stärken eines festen Hauses, das in puncto Wetterfestigkeit, Haltbarkeit, Designflexibilität und vor allem Lebensqualität überlegen ist. Zudem ist es gut recyclingfähig.

Aber Mohr denkt noch viel weiter: „Vor dem Krieg gab es zum Beispiel in Syrien ein ordentliches Bildungsniveau. Wenn jemand in Aleppo gelernt hat, Schuhe zu reparieren oder Zähne zu behandeln, möchte er das auch weiterhin tun. Dafür braucht er aber eine Werkstatt oder eine Praxis.“ Auch an dieser Stelle hakt PMFHousing ein: Neben einzelnen Häusern sollen Siedlungen aus Wohnhäusern und gewerblichen sowie öffentlichen Gebäuden entstehen. Rund 30 verschiedene Einzelteile sieht Mohrs Konzept vor, mit denen sich das Grundmodul wie mit einem Baukasten variieren oder erweitern lässt.

Damit nimmt der Gründer neben dem Hilfsgütermarkt auch den Markt für Entwicklungsprojekte ins Visier. „Für viele Menschen zum Beispiel in Afrika, Teilen Asiens und auch Südosteuropa würde dies einen großen Fortschritt bei relativ geringen Kosten bedeuten.“ Mit 200 bis 300 Euro pro Quadratmeter kalkuliert er den Kaufpreis. Mindestens zehn Jahre sollen die Häuser halten, bei guter Wartung viel länger.

Soweit die Theorie – und die Praxis? „Im Sommer dieses Jahres bauen wir den ersten Prototyp am Franz-Haniel-Platz auf“, freut sich Andreas Mohr. Neben der Überprüfung der Idee an der Wirklichkeit ist sein Ziel, eine deutsche Musterzulassung als Wohnhaus für das Grundmodul zu bekommen. Das Zertifikat ist ihm wichtig, selbst wenn das Haus hierzulande nicht zum Einsatz kommen wird. „Das spielt für mich aber keine Rolle: Ein Menschenleben ist überall auf der Welt gleich viel wert.“

 


GRÜNDER GESUCHT

Das Social Impact Lab Duisburg unterstützt Sozialunternehmer mit einem achtmonatigen Förderprogramm bei Entwicklung und Umsetzung ihrer Geschäftsidee. Ziel ist es, ein regionales Netzwerk aufzubauen und Veranstaltungen sowie Qualifizierungsmaßnahmen anzubieten, um so die Entwicklung sozialer Innovationen in der Region Rhein-Ruhr nachhaltig zu verbessern. Interessierte können sich mit ihrem Gründungsvorhaben bewerben, alle drei Monate werden neue Teams in einem öffentlichen Pitch ausgewählt. Initiiert wurde das Lab von Haniel, der KfW Stiftung und der Prof. Otto Beisheim-Stiftung sowie der Social Impact gGmbH.