Grenzen

Kein Wohlstand ohne Zuwanderung

Deutschland ist ein Migrationsstaat, sagt der Politikwissenschaftler Andreas Blätte. Er plädiert für eine unaufgeregte Politik, die zwischen Flüchtlingen und Einwanderern differenziert

Bei der Fluchtmigration seit 2015 ist die öffentliche Meinung gespalten: Inwieweit ist sie gut oder schlecht für die Zukunft der Arbeit in Deutschland?

[ANDREAS BLÄTTE] Generell gilt erst einmal: Der in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg eta­blierte Wohlstand basiert auf Migration, das Wirtschaftswachstum ist abhängig von ihr. Geht es um die Verteilung der vorhandenen Arbeit, sind Aufstiegsmöglichkeiten für die angestammten Arbeitnehmer sogar höher, wenn neue Arbeitskräfte aus anderen Ländern hinzukommen. Wenn die Wirtschaft sta­gniert, ist dagegen die Gefahr der Arbeitslosigkeit für „Nichtdeutsche“ doppelt so hoch wie für Einheimische. Gleichzeitig steigt natürlich auch der Lohndruck, wenn Menschen auf den Arbeitsmarkt drängen, die auch bereit sind, für weniger Einkommen zu arbeiten.

Was ist dran an der Behauptung: „Zuwanderer unterwandern den Sozialstaat und nutzen ihn aus“?

[BLÄTTE] Das passiert – aber belastbare Statistiken zeigen, dass die Nettobilanz zugunsten eines Ziellandes wie Deutschland ausfällt: Den Schwachen, die von Sozialleistungen leben, stehen weitaus mehr Menschen gegenüber, die zum wirtschaftlichen Wohlstand beitragen, weil sie versicherungspflichtige Arbeitsplätze annehmen. Viele Kommunen wollen Zuwanderer, weil sie ansonsten schrumpfen würden.

Gilt das auch für Flüchtlinge?

[BLÄTTE] Flüchtlinge aus Krisengebieten kommen vor allem deswegen zu uns, weil ihre physische Existenz bedroht ist. Sie finden leider nicht unmittelbar den Weg auf den Arbeitsmarkt, wobei Arbeit wegen der finanziellen Eigenständigkeit und des kulturellen Eingewöhnens der beste Integrationsfaktor wäre. Die Dauer ihres Aufenthalts ist aber ungewiss, und sie wollen ihre Rückkehrperspektive auch nicht sofort aufgeben. Außerdem sorgt die aktuelle Flüchtlingspolitik derzeit dafür, dass die Asylverfahren sehr lange in der Schwebe sind – und so lange sie nicht abgeschlossen sind, finden die Menschen keinen Arbeitgeber oder können nicht einmal Sprachkenntnisse erwerben, die dafür unabdingbar wären.

Wie könnte man das ändern?

[BLÄTTE] Indem man zum Beispiel die schematische Verteilung der Menschen nach dem „Königsteiner Schlüssel“ modifiziert. Er richtet sich nicht nach Arbeitsmarktgesichtspunkten. So leben viele Flüchtlinge in Regionen, in denen sie keine Jobs finden. Sie sind dadurch gezwungen, Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen. Man darf dabei zudem nicht vergessen, dass bei den Menschen, die ein Jahr in der Flüchtlingsunterkunft leben, trotz großen Potenzials auch eine gewisse Apathie einsetzen kann, wenn ihnen zu lang der Weg in den Arbeitsmarkt versperrt bleibt.

Wie müsste der ideale politische Raum gestaltet sein, um das Thema „Migra­tion und Arbeitsmarkt“ besser in den Griff zu bekommen?

[BLÄTTE] Es darf nicht das Bild entstehen, dass eine große Gruppe aus dem Ausland kommt und im Gegensatz zu unseren Interessen steht. Wir müssen auf den Einzelnen schauen. Wenn es um die wirtschaftlichen Belange geht, benötigen wir eine gezielte Zuwanderung von Arbeitskräften, bei der Branchen und Berufe definiert werden und dafür gut qualifizierte Menschen angeworben werden. Bei den Flüchtlingen dagegen steht nicht die wirtschaftliche Steuerung im Vordergrund – wir haben hier ganz einfach eine humanitäre Aufgabe. Erst wenn das gesichert ist, können wir mittels einer guten individuellen Analyse der individuellen Fähigkeiten den Arbeitsmarkt in den Blick nehmen.


INTEGRATION DANK FORSCHUNG UND FÖRDERUNG

Die Haniel Stiftung trägt konstruktiv zu den mit der Einwanderung verbundenen Herausforderungen und Chancen bei, indem sie sich seit Langem für die Verbesserung von Bildungschancen einsetzt. Mit ihrem Kooperationsprojekt „Bildung als Chance“ vereint die Stiftung drei gemeinnützige Organisa­tionen, die verschiedene Probleme von Schülern – darunter auch zunehmend Flüchtlinge – fokussieren.

Neben der Bildungsförderung setzt die Stiftung einen Schwerpunkt im Bereich Führungsnachwuchs. Aus diesem Grund unterstützt sie seit Februar 2017 das neu gegründete Interdisziplinäre Zentrum für Integrations- und Migra­tionsforschung (InZentIM) an der Universität Duisburg-Essen mit der Finanzierung einer Stiftungsprofessur. Mehr als 60 Wissenschaftler verschiedener Disziplinen befassen sich am InZentIM mit den Bedingungen, Prozessen und Folgen von Integration und Migration.

Rupert Antes, Geschäftsführer der Haniel Stiftung, zu den Hintergründen der Unterstützung: „Die Haniel Stiftung fördert eine Juniorprofessur zu ‚Entrepreneurship und Migration‘, die sich mit den Management- und Gründungsaktivitäten von Einwande­rern befasst. Wir sind davon überzeugt, dass langfristig wissenschaftlich untersucht werden sollte, wie Menschen mit Zuwanderungshintergrund mit ihrer besonderen unternehmerischen Haltung und mit ihrer Internationalität unsere Wirtschaftsentwicklung in Deutschland und international bereichern und verändern.“


andreas_blaette_150x150Prof. Dr. Andreas Blätte ist im Vorstand des Interdisziplinären Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (InZentIM) der Universität Duisburg-Essen, in dem die Haniel Stiftung eine Professur finanziert.