Grenzen

Krisengebiet Küche

Autor: Jessica Braun |
Foto: Illustration: Rose Pistola
Liebe geht durch den Magen. Manchmal. Doch wenn ein Land dem anderen sein National­gericht streitig macht, werden die Messer gewetzt

Wer hat’s erfunden? Australien und Neuseeland streiten sich um den Nachtisch Pavlova

Die Pavlova-Posse
Das „Australische Wörterbuch“ führt das Dessert aus Baiser und Früchten als „berühmten australischen Nachtisch“. Die Australier nähmen den Mund da ganz schön voll, meinen jedoch die Neuseeländer und reklamieren die Kreation für sich. Die russische Ballerina, der zu Ehren sie während ihrer Welttournee in den Zwanzigern kreiert wurde, gastierte nämlich in beiden Ländern. Gegessen hat sie das Dessert jedoch wohl in keinem – die Figur!

 

Wer hat’s erfunden?Chile und Peru streiten sich um die Kartoffel

Der Kartoffel-Clash
Kartoffeln haben schon so manche Lebensmittelkrise verhindert. Für Chile und Peru sind sie jedoch Anlass zum Streit. „99 Prozent aller Kartoffeln lassen sich genetisch nach Chile zurückverfolgen“, verkündete Chiles Agrarministerin 2008 . „Jeder weiß, dass die Kartoffel aus Peru stammt und peruanische Kartoffeln einst Europa vor dem Hungertod retteten“, erwiderte Perus Außenminister. Spuren führen einerseits auf die chilenische Insel Chiloé. Andererseits zur peruanischen Seite des Titicacasees. Fest steht: Die Kartoffel ist älter als jene Nationen, die ihren Ursprung für sich beanspruchen.

Wer hat’s erfunden? Israel und der Libanon streiten sich um das Gericht Hummus

Das Hummus-Scharmützel
Ausgelöst im Jahr 2006 von einem US-amerikanisch-israelischen Hersteller, der sich mit einer 400-Kilo-Portion der „israelischen“ Paste ins Guinness-Buch der Rekorde matschte. Ein Affront für die Libanesen, die sagen, das Gericht sei ihr Verdienst. Sie konterten mit zwei Tonnen, 2010 sogar mit zehn Tonnen! Die Ursprungsfrage hat das nicht geklärt. Hummus bedeutet übrigens Kichererbse. Schließen wir in den Worten John Lennons: Give chickpeas a chance!

Wer hat’s erfunden? Die Türkei und Armenien streiten sich um das Gericht Kes¸kek

Das Keşkek-Komplott
Ein Ziel der UNESCO ist es, die Zusammenarbeit zwischen den Völkern zu fördern. Als sie 2011  das Eintopfgericht Keşkek zum Kulturerbe der Türkei erklärte, erreichte sie jedoch das Gegenteil. Die Entscheidung  sorgte in Armenien für solchen Unmut, dass NGOs und Jugendgruppen auf die Straße gingen, um sich gegen die „Verschwörung des unfreundlichen Nachbarn“ zu wehren. Ändern konnten sie daran aber nichts.

Wer hat’s erfunden? Griechenland, Dänemark und Deutschland streiten sich um den Feta

Die Feta-Verschwörung
Als Odysseus mit seiner Mannschaft die Insel der Zyklopen betritt, fallen ihm als Erstes die Schafe und Ziegen auf. Und dann die Körbe mit Käse. Feta!? Die Griechen beantragten 1994 für ihre Feta-Variante eine geschützte Ursprungsbezeichnung. Das sahen andere EU-Länder, die Feta meist aus Kuhmilch herstellten, nicht gerne. Vor allem Dänemark wollte den Namen nicht hergeben. Mit Deutschland bildete das Land eine Käseallianz. Die konnte sich jedoch nicht durchsetzen. Seit 2002 ist Feta, ein Käse aus Schafs- und Ziegenmilch, offiziell ein griechisches Produkt. Alles andere ist nur Salzlakenkäse.

Wer hat’s erfunden? Singapur und Indonesien streiten sich um das Gericht Nasi Goreng

Der Nasi-Goreng-Disput
Eigentlich hatte es der englische Ex-Fußballprofi Rio Ferdinand nur nett gemeint. 2016 twitterte er aus Singapur ein Selfie mit einem Teller Nasi Goreng und den Worten „Halte mich in Singapur an die regionale Küche“. Das nahmen die Indonesier ganz schön persönlich. Denn „nasi goreng“ heißt in Indonesien „gebratener Reis“. Singapurs Nachbarland reklamiert die Erfindung des Gerichts deswegen für sich. Der Twitter-Disput kochte derart hoch, dass sich Ferdinand zwei Tage später noch mal einschaltete. Diesmal, um seine Liebe zu Indonesien zu bekunden.

Wer hat’s erfunden? Südkorea und Japan streiten sich um das Gericht Kimchi

Die Kimchi-Petition
„Kimchi schmeckt wie die Fingerspitzen deiner Mutter“, sagt man in Südkorea. Knapp 35 Kilo des vergorenen Gemüses (meist Kohl) isst der durchschnittliche Südkoreaner pro Jahr. Auch die Japaner schätzen ihre Version: Kimuchi. 1996 flogen zwischen den Ländern die (Gemüse-)Fetzen. Japan versuchte, den Kohl als Nationalgericht einzuführen. Standards für die Zubereitung müssten her, forderte Südkorea darauf von den Vereinten Nationen. Die Petition hatte Erfolg: Seit 2013 gehört Kimjang, die traditionelle Kimchi-Herstellung der Südkoreaner, zum Weltkulturerbe.

Wer hat’s erfunden? China, Malaysia und Singapur streiten sich um das Gericht Yee-Sang

Das Yee-sang-Geplänkel
Die Karotte steht für Glück, der Acker-Rettich für ewige Jugend und die Erdnüsse für ein Haus voll Gold und Silber. Zum Neujahrsfest mischen Chinesen gemeinsam die 27 rohen Zutaten für Yee sang und beschwören dabei laut rufend das Glück. Vermutlich stammt das Rezept aus Guangzhou in China. Serviert wird es aber vor allem in Malaysia und Singapur (dort: Yusheng). Wer hat’s erfunden? Egal. Entscheidend ist doch die Tradition des Glückanrufens, die beide Länder verbindet, oder?