Grenzen

Mittel zu Exklusion und Diskriminierung

Autor: Isabelle Hartmann
Beim Thema Grenzen und Flüchtlinge sprechen viele über Afrika. Wir sprechen mit Afrika. Der preisgekrönte Karikaturist Hamidou Zoetaba aus Burkina Faso und Ambroise Tine, langjähriger Direktor der Caritas im Senegal, erläutern die afrikanische Perspektive auf das Thema. Ihr Fazit: Es tobt ein Kampf um die Grenzen

Als der preisgekrönte Karikaturist Hamidou Zoetaba ein neues Visum für Frankreich beantragt, um an Festivals und Messen teilzunehmen, zu denen er eingeladen ist, fällt er aus allen Wolken. Bisher hatte er stets die Erlaubnis bekommen, bis zu fünf Jahre in Europa zu bleiben – letztes Jahr gewährte ihm die französische Botschaft in Burkina Faso ein Visum für einen einzigen Monat. „Ich habe den Eindruck, plötzlich Bürger zweiter Klasse zu sein“, sagt er. „Ich bin noch nie länger als drei Wochen am Stück in Europa geblieben. Was glauben die denn?“

„Viele wollen nach Europa – alle wollen zurück“

Die – das sind nicht nur die französischen Angestellten der Botschaft in Ouagadougou, der Hauptstadt des Landes. Es sind auch die Staaten der Europäischen Union und ihre Politiker. In der europäischen Politik sei man offenbar der Ansicht, sagt Zoetaba, „dass Menschen aus Afrika nur nach Europa reisen, um dortzubleiben“. Populisten ergänzen dann gerne, „und um vom Sozialstaat zu leben“. Doch der Künstler stellt klar: „Das ist nicht wahr. Die meisten wollen zwar in die USA oder nach Europa, sie wollen aber alle wieder zurück. Die Familienbande sind bei uns sehr stark. Und diejenigen, die Geld in Europa verdienen, kehren zurück, sobald sie genug haben, um in ihrer Heimat eine kleine Firma zu gründen.“ Das wisse man auch in Europa. Und doch: Die Grenzen bleiben zu.

Hamidou Zoetaba

„Ich will damit einen Zustand anprangern und den Zuschauer schockieren“

Hamidou Zoetaba

Die Waffen, die Zoetaba gegen diese Ungerechtigkeit in Stellung bringt, sind zum einen seine Empörung: „Tausende Afrikaner verlieren jährlich ihr Leben beim Versuch, auf Behelfsbooten nach Europa zu gelangen. Und ich habe die Chance, einfach ein Visum zu besorgen und hin- und herzufliegen. Das ist unfair.“ Und zum anderen seine Kunst. Der 39-Jährige wurde für seine Zeichnungen und Illustrationen schon mehrfach ausgezeichnet, er erhielt internationale Preise. Wenn er sich in Ouagadougou an eine Illustration macht, die Migration oder Flucht zum Thema hat, verschwindet jeder Humor aus seinen Werken. „Das sind zu ernste Themen. Ich will damit einen Zustand anprangern und den Zuschauer schockieren. Ich möchte, dass er sich der Situation bewusst wird, die ich anspreche.“ Aufrütteln statt weglächeln – das ist seine Devise.

In den 1970er-Jahren war es für Malier, Senegalesen oder Burkiner noch nicht nötig, ein Visum für die Reise nach Frankreich zu beantragen. Sie konnten ein- und ausreisen, wie sie wollten. Das hat sich geändert. Heute stellen die Außengrenzen Afrikas nicht mehr nur die Begrenzung eines Kontinents dar – sie sind zu einer Gefängnismauer geworden. „Grenzen sind heute Mittel zur Exklusion und Diskriminierung“, stellt Ambroise Tine fest. Der Pater aus dem Senegal kennt die Problematik sehr gut. Er war lange Jahre Direktor der Caritas für sein Heimatland und damit täglich mit den Konsequenzen der Armut und der Ausweglosigkeit konfrontiert. „Die Grenzen sind zu Kampfgebieten geworden“, sagt er. Dort tobe die Schlacht zwischen den Starken, den Stabilen, denen, die Komfort, Sicherheit und materiellen Wohlstand haben, und einer fragilen Bevölkerung, die von gewalttätigen Konflikten, Hunger, Arbeitslosigkeit und Dürre bedroht sei. Das stehe nicht nur in krassem Gegensatz zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1949. Es widerspricht auch dem Gesetz der Nächstenliebe, findet der Geistliche.

Ambroise Tine

„Grenzen sind heute Mittel zur Exklusion und Diskriminierung“

Ambroise Tine

Wirtschaftliche und gesellschaftliche Neuorientierung

Was aber ist zu tun? Sollen reiche Staaten ihre Grenzen gänzlich öffnen – wie viele linke Aktivisten fordern? Nein, antwortet Hamidou Zoetaba. In den heutigen Zeiten, die von Terrorismus geprägt sind, sei das unverantwortlich. Kontrollen seien notwendig, damit die Länder wüssten, wer in ihr Land komme. Der Künstler plädiert aber für Lockerungen.

Ambroise Tine geht in seinen Forderungen weiter: Er sieht nur eine langfristige politische und gesellschaftliche Neuorientierung als Ausweg. „Wir brauchen eine Wirtschaftspolitik, die auf das Wohlbefinden jedes einzelnen Menschen ausgerichtet ist“ – sowohl in Afrika als auch in der westlichen Welt. Die Staaten des Westens müssten sich endlich ihrer globalen Verantwortung bewusst werden.

Wer sich abschottet, der vergibt Chancen

Immer höhere Mauern und engmaschigere Zäune zu errichten, bringe dagegen nichts, sagt Ambroise Tine. Die Tausenden Toten, die die EU in den letzten Jahren an ihren Außengrenzen schulterzuckend hingenommen hat, hielten keinen einzigen Menschen vom Auswandern ab. „Migranten werden Grenzen immer überwinden, weil es für sie ums große Ganze geht: um ihr Überleben, ihre Sicherheit.“ Hamidou Zoetaba appelliert an die Offenheit des Westens: „Wer Grenzen dichtmacht und dicht hält, der schottet sich freiwillig von der Welt ab, von Chancen, von Freundschaften, von Hilfestellungen. Man kann nicht ohne die anderen leben. Die Türe verriegeln heißt Selbstmord begehen.“

 


ALLE IN EINEM BOOT – KARIKATUREN AUS AFRIKA UND EUROPA

Hamidou Zoetaba ist einer der Künstler, die gegenwärtig an der Ausstellung „Alle in einem Boot“ arbeiten. Afrikanische und europäische Karikaturisten nähern sich den Themen Flucht und Vertreibung, Asyl und Entwicklungspolitik aus unterschiedlichen Perspektiven und kommen zu interessanten und spannenden Ergebnissen (Auszüge in der Bildergalerie).

 

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Migration auf dem Mittelmeer

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Sie hätten studieren sollen… Hätte ich bloß nicht studiert…

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Nicht-Afrikaner // Afrikaner

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Ich wollte nur eine Hin- und Rückfahrt ohne Rückfahrt… Es wird eine Hin- und Rückfahrt ohne Hinfahrt…

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Die Ausstellung wurde im Jahr 2011 von missio München und dem Erzbistum Bamberg ins Leben gerufen und wird im Herbst dieses Jahres – um Werke aus Burkina Faso erweitert – wieder zu sehen sein. Voraussichtlicher Termin der Vernissage ist der 13. Oktober 2017, Ort der Ausstellung ist das Caritas-Pirckheimer-Haus in Nürnberg.

Kontakt:
Erzbischöfliches Ordinariat Bamberg
E-Mail: projekte@erzbistum-bamberg.de
(dort kann auch der Katalog erworben werden)