Grenzen

Über Mauern

Wenn Länder sich abschotten, werden Grenzen besonders gut sichtbar. Standpunkte von drei Haniel-Mitarbeitern und einer Stipendiatin des Social Impact Lab Duisburg

Brücken bauen in Israel

Wencke StegemannGenau genommen ist es nicht überall eine Mauer, meistens „nur“ ein Zaun, der Jerusalem vom Westjordanland trennt. Viel präsenter ist jedoch eine ganz andere Grenze: die im Kopf, im Stadtbild fast unsichtbar. Doch man spürt sie. Im Israel Museum in Jerusalem gibt es ein Kunstprojekt für Kinder. Es heißt Bridging the Gap – den Graben überbrücken. Hier kommen palästinensische Kinder aus Ostjerusalem mit jüdischen Kindern aus Westjerusalem für ein Kunstprojekt zusammen. Es ist unglaublich schön zu sehen, wie sie sich, meist ohne die Sprache des anderen zu sprechen, verstehen. Über den Graben schlagen die Kinder eine Brücke, über die auch ihre Eltern vielleicht gehen können.

Wencke Stegemann ist mit dem Projekt HEIMATSUCHER Stipendiatin im Social Impact Lab Duisburg am Franz-Haniel-Platz. Anhand persönlicher Erzählungen von Holocaust-Überlebenden macht HEIMATSUCHER Geschichte für Kinder begreifbar: www.heimatsucher.de


 

Sorgen um Großbritannien

Gerd DerieuwVor dem Referendum waren die meisten unserer Kunden im Vereinigten Königreich überzeugt, dass es gegen den Brexit ausfallen würde. Doch die Flüchtlingsdebatte hat die Diskussion in eine gegensätzliche Richtung gelenkt: Presse und einige Politiker propagierten den Brexit als Lösung, um die Grenzen zu schließen – nicht als die ökonomische Entscheidung, um die es eigentlich ging. Für Unternehmer sind nun viele Fragen offen. Zum Beispiel, ob sich die Güter und Rohstoffe, die importiert werden müssen, verteuern, wenn es kein Handelsabkommen mit der EU gibt. Oder ob sie weiter Mitarbeiter beschäftigen können, die zum Beispiel aus der EU kommen. Dazu kommt die Sorge, dass Nachwuchskräfte abwandern, wenn die großen IT-Firmen und Banken England als Standort aufgeben. Jetzt hat auch Schottland ein neues Referendum über den Austritt aus dem Vereinten Königreich angekündigt. Vor vielen Hundert Jahren trennte die beiden Länder der Hadrianswall – wird diese antike Mauer nun wieder aufgebaut?

Gerd Derieuw pendelt als Vertriebler für BekaertDeslee zwischen Belgien und UK. So kennt er die Diskussion um den Brexit von beiden Seiten.


 

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Was: Grenze zwischen Israel/Jerusalem und dem besetzten Westjordanland
Wann: Baubeginn am 16. Juni 2002
Länge: ca. 760 Kilometer; Höhe: 8 bis 9 Meter
Material: Beton, Metallzaun, Stacheldraht
Kosten: mindestens 180 Millionen Euro

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Was: EU-Austritt des Vereinigten Königreichs
Wann: Am 23. Juni 2016 stimmen 51,9 Prozent der Briten für den Austritt; 29. März 2017: Antrag beim Europarat eingereicht.
Wie: Allein über 20 000 Gesetze und Rechtsakte müssen geändert werden; mehrjährige, komplizierte Verhandlungen
Kosten: Niemand weiß es. Schätzungsweise 60 Milliarden Euro für die Briten.
Folgen: Preissteigerungen, Handelshindernisse, eingeschränkter Personenverkehr, Hunderttausende Arbeitsplätze sind in Gefahr, u.a. Deutschland muss mehr Geld an die EU zahlen.

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Was: Grenze zwischen BRD und DDR
Wann: vom 13. August 1961 bis zum 9. November 1989
Länge: 1400 Kilometer; Höhe: 3 Meter
Material: Beton, Metall, Stacheldraht, Selbstschussanlagen, Sperrgräben, Minenfelder
Kosten: geschätzte 500 Millionen DDR-Mark jährlich für Inspektion und Wartung
Opfer: zwischen 872 und 1393 Tote
Heute: längster Radweg Europas entlang des ehemaligen Grenzstreifens

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Was: Grenzzaun beziehungsweise -mauer zwischen den USA und Mexiko
Wann: Grenzverlauf existiert seit 1853; ab 1994 forcierte die Clinton-Regierung die Grenzsicherung; US-Präsident Trump will eine Mauer bauen.
Länge: 3144 Kilometer; Höhe: zwischen 5 und 9 Metern
Material: Beton, Stacheldraht
Kosten: voraussichtlich zwischen 12 und 38 Milliarden US-Dollar
Opfer: Von 1998 bis 2016 sind 6951 Menschen auf ihrem Weg in die USA gestorben, vor allem an Hitze, Kälte und Schussverletzungen.


 

Ostdeutsche Freiheitsliebe

Elke WiesnerWenn wir in Berlin vor der Mauer standen, fand ich sie einfach erdrückend mit den Wachtürmen und dem Stacheldraht. Sie machte mir Angst. Dort starben Menschen, die einfach nur frei sein wollten. Es ist ein schlimmes Gefühl, eingesperrt zu sein, nur weil man an einem bestimmten Ort geboren wurde. Wir waren jung, wollten unser Leben selbst gestalten und mehr von der Welt sehen. Jahrelang kämpften wir darum, ausreisen zu dürfen. Seit ich die ehemalige DDR verlassen habe, genieße ich meine Freiheit – egal wo man hinfährt, die EU macht das Reisen so unkompliziert. Jeder sollte das Recht haben, dort zu leben, wo er will.

Elke Wiesner arbeitet in der Haniel-Gastronomie in Duisburg. Geboren wurde sie in der DDR. Nach einem langen Kampf mit den Behörden erhielten sie, ihr Mann und ihr Sohn Mitte 1989 eine Ausreisegenehmigung – vier Wochen später fiel die Mauer.


 

US-Isolation? Nein danke!

Bart KohlerDie wirtschaftlichen Unsicherheiten haben viele Länder – inklusive der USA – dazu gebracht, wieder von der globalen Integration wegzugehen und sich auf sich selbst zu fokussieren. Während des Wahlkampfes hat Trump versprochen, eine Mauer zwischen den USA und Mexiko aufzubauen. Auf den ersten Blick kann man nichts dagegen einwenden, dass ein Land seine Grenzen absichert. Aber diese Absicherung führt dazu, dass Abschottung und Nationalismus in den Vordergrund treten. Das fördert Intoleranz und Vorurteile gegen Menschen, die anders aussehen, sprechen oder andere kulturelle Bräuche haben. Das ist ein großes Problem und wirklich traurig in einem Land, das aus Einwanderern entstanden ist und dessen Diversität heute eine seiner größten Stärken ist.

Bart Kohler verantwortet als President TAKKT AMERICAS das Nordamerika-Geschäft des Haniel-Geschäftsbereichs.