Kapitalismus

Funktioniert fairer Handel?

Autor: Katharina Habon |
Foto: Stephan Brendgen
Zwei identische Hosen. Eine wurde weitgehend unter fairen Arbeitsbedingungen hergestellt. Wo und wie die andere produziert wurde, lässt sich nicht zurückverfolgen. Der Preis ist vergleichbar. Welche Hose kaufen Sie?

CWS-boco hat seinen Kunden bei 160.000 Berufskleidungsstücken diese Entscheidung abgenommen und vier Kollektionen für Handwerk und Industrie komplett auf Fairtrade-Baumwolle umgestellt. In dieser Größenordnung war das Haniel-Unternehmen 2017 in Deutschland Spitzenreiter seiner Branche. Dirk Baykal hat erheblichen Anteil daran. „Wir glauben an die Philosophie der langen Lebensdauer, sowohl, was unsere Produkte als auch, was unsere Geschäftsbeziehungen angeht“, sagt der CSR-Koordinator in der Beschaffungseinheit CWS-boco Supply Chain Management. „Daher passt das Fairtrade-Zertifizierungssystem sehr gut zu uns.“

Die Mission seiner Nichtregierungsorganisation (NGO) beschreibt Dieter Overath, CEO von Fairtrade Deutschland, selbstbewusst als „Revolution des Sektors“. Warum sollten westliche Standards in Sachen Arbeitsbedingungen und Umweltschutz nicht auch in Entwicklungsländern gelten? Dafür gibt es moralische, aber auch handfeste ökonomische Gründe. „Wenn wir so weitermachen, werden wir in zehn Jahren Probleme haben, Rohstoffe in ausreichenden Mengen zu bekommen.“ Er untermauert seine Prognose mit einer Studie, für die 5.000 Kinder in Entwicklungsländern nach ihren Berufsträumen befragt wurden.

Fast 99 Prozent hätten geantwortet, nicht in die Fußstapfen ihrer Eltern treten zu wollen. „Früher war das Baumwollfeld quasi ein geschlossener Kosmos. Heute gibt es auch dort Internet, das den Kindern Perspektiven eröffnet“, erklärt Overath. Nur, wer soll in Zukunft die Baumwolle herstellen, wenn der Kleinbauern-Nachwuchs das Dorf verlässt? Eine existenzielle Frage, nicht nur für die Baumwollbauern, sondern auch für die weiterverarbeitenden Produzenten – und am Ende auch für CWS-boco. Dirk Baykal beobachtet einen ähnlichen „Schneeballeffekt“ in südosteuropäischen Ländern wie Bulgarien, Rumänien und Mazedonien, wo sich häufig Konfektionsbetriebe der Textilindustrie befinden. „Die Menschen im erwerbsfähigen Alter wandern zum Beispiel nach Spanien aus, weil sie dort selbst als ungelernte Kräfte mehr verdienen als in der Heimat. Zurück bleiben nur die Alten und Kinder.“

Die abgelegene Baumwollkooperative der Bauern ist nur mit dem Kleinbus erreichbar.

Foto: Stephan Brendgen

Einfache Verhältnisse – vor der Kleinfabrik…

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…und in ihrem Innern.

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Dirk Baykal lässt sich erklären, wie die Bauern auf gefährliche Pestizide verzichten und stattdessen natürliche Stoffe einsetzen.

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Festanstellung statt Leiharbeitsstatus, mehr Gehalt und kürzere Arbeitszeiten – die von den Mitarbeitern entgegengebrachte Dankbarkeit hat Dirk Baykal sehr bewegt.

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Einer für alle: Von der Fairtrade-Prämie kauften die Bauern einen Traktor, der die Ernte und den Baumwolltransport zur Spinnerei erleichtert.

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Der Preis ist relativ

Nur, wie geht es dann weiter? „Wir bei Fairtrade versuchen, die Endprodukte in den Kontext der globalisierten Beschaffung zu stellen und alle Beteiligten in der Lieferkette aus der Anonymität herauszuholen“, sagt Overath. So kann der Träger den Fairtrade-Code im eingenähten Etikett auf der Website der NGO eingeben und erfährt, dass eine Kooperative in Balangir/Ostindien vom Verkauf der Baumwolle für seine Arbeitsjacke profitiert – inklusive Fotos der Bauern und ihrer Familien. Welche emotionale Wirkung eine derartige Transparenz erzielen kann, hat Dirk Baykal hautnah erlebt. Durch seine Forderungen im Namen von CWS-boco wurden die Arbeits- und Lebensbedingungen der Mitarbeiter in einer pakistanischen Fabrik erheblich verbessert: Festanstellung statt Leiharbeitsstatus, mehr Gehalt und kürzere Arbeitszeiten sowie Unterkünfte im Stadtzentrum anstatt auf dem Produktionsgelände. „Als wir nach einigen Monaten zur Kontrolle in den Betrieb kamen, war es wirklich bewegend, wie dankbar die Mitarbeiter vor Ort waren“, erinnert er sich.

Der CSR-Koordinator wünscht sich, „dass Nachhaltigkeit und Menschlichkeit in allen Geschäftsentscheidungen berücksichtigt werden“. Damit steht er bei CWS-boco „zum Glück“ nicht allein. Dennoch wäre es geschönt zu behaupten, er habe mit dem Thema Fairtrade von Anfang an überall im Unternehmen offene Türen eingerannt. „Ich musste Überzeugungsarbeit leisten.“ Schließlich war jedem klar, dass fair gehandelte Rohbaumwolle im Einkauf teurer sein würde als die konventionell angebaute. Denn in den Lizenzgebühren für das Fairtrade-Siegel sind nicht nur die Kosten für „Aufklärungskampagnen“ enthalten.

Zudem fordern die Standards von den jeweiligen Vertragspartnern, einen Mindestpreis zu zahlen, der die durchschnittlichen Produktionsausgaben der Bauern deckt, unabhängig von Rohstoffspekulationen und Börsenpreisschwankungen. Zusätzlich erhalten sie eine Prämie für Soziales, Infrastruktur und Bildung, die zum Beispiel den Bau von Schulen ermöglicht. „Damit die Kinder ihrer Gemeinschaft nicht aus Perspektivlosigkeit den Rücken kehren, sondern sich zum Beispiel zu Agraringenieuren ausbilden lassen, die Staudämme bauen können, um Überschwemmungen vorzubeugen und so größere Ernteerträge zu ermöglichen“, hofft Overath.

Zusätzlicher Aufwand entstand bei CWS-boco auch dadurch, dass das Unternehmen bei allen Schritten der Weiterverarbeitung die Wahrung der Rechte der Beschäftigten sicherstellen musste. Dazu zählen unter anderem das Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit, ein gesetzlicher Mindestlohn sowie gleicher Lohn für gleiche Arbeit von Männern und Frauen oder gewerkschaftliche Organisationsfreiheit. Es galt, entsprechende Nachweise von allen Produktionsstätten vorzulegen – angefangen bei Spinnereien über Färbereien und Webereien bis hin zur Konfektionierung. „Dennoch relativieren sich die Mehrkosten für die Umstellung auf Fairtrade in unserer Kalkulation, im Unterschied zur Modeindustrie, über die lange Mietdauer der Berufskleidung“, erläutert Baykal den Punkt, mit dem er insbesondere die Skeptiker im eigenen Haus auf seine Seite ziehen konnte.


Nachhaltigkeit in der Lieferkette

2016 brachte CWS-boco seine erste Berufskleidungs-Kollektion mit Fairtrade-zertifizierter Baumwolle auf den Markt. Um sich ein Bild davon zu machen, was Fairtrade vor Ort bewirken kann, reiste Dirk Baykal nach Indien.


Pragmatisch, nicht idealistisch

Anfang 2016 waren die ersten Arbeitshosen, -jacken und -westen mit Fairtrade-Baumwoll-Etikett bei CWS-boco erhältlich. „In unserer Branche waren wir damit der Zeit voraus. Heute können wir im Wettbewerb um Aufträge von Kommunalbetrieben gewinnen, weil wir diese Produkte im Portfolio haben“, umreißt Baykal den Sinneswandel, der sich seitdem vollzieht.
Umdenken musste auch die NGO bei der Zusammenarbeit mit CWS-boco. Um das Label tragen zu dürfen, muss ein Kleidungsstück aus Mischgewebe einen Baumwollanteil von mindestens 50 Prozent aufweisen. Diese Baumwolle wiederum muss zu 100 Prozent fair gehandelt sein. „Wegen der speziellen Anforderungen an Berufsbekleidung liegt der Mindestanteil für Baumwolle hier bei 30 Prozent“, sagt Dieter Overath. Warum das? „Weil Baumwollgewebe bei jeder Wäsche dünner wird, dadurch relativ schnell reißt und viele Knötchen bildet“, erklärt Baykal. Daher handelt es sich bei den Kollektionen von CWS-boco meist um einen Material-Mix mit höherem Polyester-Anteil. „Mehr Baumwolle würde sich negativ auf die Langlebigkeit der Kleidung auswirken und nicht ressourcenschonend sein.“
Die Annäherung beider Seiten wird von Kritikern ketzerisch oft als „Kniefall von Fairtrade vor der Wirtschaft“ bezeichnet. Doch Overath ist zu sehr Pragmatiker, um sich in entwicklungspolitischen Grundsatzdiskussionen zu verlieren. Sein Ziel ist nicht der Idealzustand. „Es nützt eben nichts, Vorgaben jenseits der Markterfordernisse zu machen. Wenn sich das Produkt am Ende nicht verkauft und wir keine positive Wirkung im globalen Süden erzielen, können wir unser Label in die Tonne hauen.“

Regelmässige Kontrollen

Weltweit sind etwa 100 Millionen Haushalte in 70 Ländern an der Produktion von Baumwolle beteiligt, besonders in West- und Zentralafrika, in Indien, Pakistan und Zentralasien. Für jene 46.300 Bauern, die Fairtrade-Baumwolle anbauen, ist der Einsatz von gentechnisch verändertem Saatgut, gefährlichen Chemikalien und künstlicher Bewässerung verboten. Die Einhaltung der Standards für Umweltschutz und Arbeitsbedingungen in der gesamten Lieferkette wird von der unabhängigen Zertifizierungsgesellschaft FLO-CERT überprüft.