Kapitalismus

Pffffff… Geht dem Wachstum die Luft aus?

Autor: Christoph Koch |
Foto: Nishant Choksi
Wachstumsfreunde und -kritiker stehen einander unversöhnlich gegenüber. Warum eigentlich? Die wichtigsten Thesen und Argumente im Überblick

„Wirtschaftswachstum in Gefahr“, „Wirtschaft verliert an Schwung“: Solche Schlagzeilen verbreiten unter Politikern, Leitartiklern und Unternehmern Angst und Schrecken. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) muss nicht einmal schrumpfen – es reicht schon, wenn es weniger stark wächst als im Vorjahr. Dann macht sich Unruhe breit. Es liege in der Natur des Menschen, sich zu verbessern, und oft gelingt das auch, sagen die einen. Sie verweisen auf historische Fakten: Dank Wachstumsbeschleunigern wie der Industrialisierung geht es uns heute besser als je zuvor. Wir sind gesünder, gebildeter, in den allermeisten Fällen wohlhabender. Wir werden älter und müssen für einen höheren Lebensstandard weitaus weniger und weniger hart arbeiten als unsere Vorfahren.

Schönfärberei, sagen die anderen. Außerdem könne Wachstum nicht ewig anhalten. Sie weisen darauf hin, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert. Und dass dieses „Mehr“ nicht zuletzt auf der Ausbeutung endlicher Ressourcen und der Zerstörung von Lebensräumen basiert. Die Postwachstums- oder Degrowth-Bewegung ist medial präsenter denn je und weist sogar verschiedene Unterströmungen auf. Gleichzeitig stehen Wachstumskritiker und -befürworter einander meist unversöhnlich gegenüber, kopfschüttelnd über die Uneinsichtigkeit des jeweils anderen. Wir haben die Argumente beider Seiten zusammengetragen.

Plastikbecher zu Parkbänken!

Wegen der zunehmenden Zahl an Kutschen werden die Straßen New Yorks spätestens 1910 unter meterhohem Pferdemist begraben sein. So lautete um 1850 die Prognose der Stadtplaner. Es kam bekanntlich anders. Und genau hier setzt ein zentrales Argument der Wachstumsbefürworter an: Probleme, die durch Wachstum entstehen können, lassen sich am besten durch Innovationen lösen, die eben dieses Wachstum hervorbringt. Autos statt Kutschen, Elektroautos statt Benzinern, Parkbänke aus alten Joghurtbechern oder energieeffiziente Häuser – es gibt zahllose Beispiele dafür, dass Wachstum nicht nur „mehr“ bedeutet, sondern „besser mit weniger“.

Die Wachstumskritiker kontern dieses Argument mit dem sogenannten Rebound-Effekt: Häufig steige der Konsum im gleichen Maße, in dem die Kosten oder der Ressourcenaufwand sinken. So sei zwar durch Dämmung und andere Maßnahmen der Energiebedarf fürs Heizen eines Quadratmeters Wohnfläche tatsächlich gesunken – allerdings wohnten die Menschen dafür in immer größeren Häusern und Wohnungen. Und ein Kleinwagen, der vor 50 Jahren 4,5 Liter Sprit auf 100 Kilometer verbrauchte, benötigt heute dieselbe Menge. Er verfügt zwar über einen viel sparsameren Motor, wiegt aber mehr als doppelt so viel wie das alte Modell. Einsparungen durch technischen Fortschritt würden somit regelmäßig wieder zunichtegemacht – auch weil sich die effizientere Produktion oft in günstigeren Preisen niederschlägt, die bei gleichem Einkommen mehr Konsum erlauben.

Gärtnern, Reparieren, Lächeln

Nur durch beständiges Wachstum lasse sich Massenarbeitslosigkeit verhindern, so die Befürworter. Das leuchtet ein: Durch technischen Fortschritt, ob Bagger oder 3D-Drucker, können weniger Menschen in kürzerer Zeit mehr produzieren. Wirtschaftliche Stagnation würde also fast automatisch Entlassungen bedeuten. Die Wachstumskritiker argumentieren genau andersherum: Warum nicht die Produktivitätsgewinne nutzen, um die Arbeitszeiten flächendeckend zu reduzieren? Wer nur 20 statt 40 Stunden arbeitet, habe zudem mehr Zeit, sich mit einem Gemüsegarten teilweise selbst zu versorgen oder seine Besitztümer zu reparieren, müsse also automatisch weniger konsumieren.

Somit wären sogar stagnierende oder schrumpfende Einkommen zu verkraften. Auch das bedingungslose Grundeinkommen findet in Degrowth-Kreisen großen Anklang: Mit ihm könne die steigende Effizienz durch technischen Fortschritt für eine Reduzierung der Arbeitszeiten genutzt werden, ohne dass damit Verelendung einhergehen muss. Wachstumsbefürworter belächeln eine Welt der gärtnernden Selbstversorger, die eine Fahrradreparatur gegen Computermitbenutzung tauschen, als weltfremd und rückschrittlich.

Glücklicher mit weniger

Wachstum wird häufig auf gesellschaftlicher Ebene diskutiert, es gibt aber auch eine psychologische. Eine prosperierende Wirtschaft sorge für steigende Einkommen, einen höheren Lebensstandard und: eine größere Lebenszufriedenheit, so die Argumentationskette der Pro-Wachstums-Fraktion. Die Kritiker entgegnen: Zum einen hätten diverse Studien gezeigt, dass die individuelle Zufriedenheit mit einem steigenden Wohlstand nur bis zu einem gewissen Plateau „mitwächst“. Wenn alle wichtigen Bedürfnisse gestillt sind (in den USA haben Forscher 75.000 US-Dollar Jahresgehalt als grobe Grenze ausgemacht), führe selbst eine satte Gehaltserhöhung nur noch zu minimalen Zuwächsen an empfundenem Glück. Hinzu komme der „Relativeinkommen-Effekt“: Wenn alle Einkommen gleich stark wachsen (was in einer prosperierenden Wirtschaft idealerweise der Fall wäre), erzielt niemand einen Zuwachs an Status. Wenn sich das Einkommen des Nachbarn ebenfalls erhöht, er sich also immer noch mehr leisten kann als man selbst, nimmt die Lebenszufriedenheit nicht zu. Oder wie es der US-Schriftsteller H.L. Mencken einmal formuliert hat: „Reich ist der Mann, der 100 Dollar im Jahr mehr verdient als der Mann der Schwester seiner Frau.“

Cola gegen Armut

„Die Institution, die am meisten zur Ausrottung der Armut in Afrika getan hat, ist keine Nichtregierungsorganisation“, sagt der spanische Ökonom und erklärte Wachstumsfan Xavier Sala-i-Martin. „Es ist Coca-Cola mit Zehntausenden von geschaffenen Arbeitsplätzen.“ Auch Uno und Weltbank sehen ökonomisches Wachstum als exzellentes Werkzeug gegen die Armut: Während 1990 noch rund zwei Milliarden Menschen unter der offiziellen Weltbank- Armutsgrenze von 1,90 US-Dollar pro Tag lebten, waren es 2015 700 Millionen – und das bei einer kontinuierlich steigenden Gesamtbevölkerung der Erde. Wachstum besiegt die Armut, so die These.

Doch genau daran haben die Wachstumskritiker ihre Zweifel. So hätte sich das Einkommen des reichsten Zehntels der Weltbevölkerung zwischen 1820 und 1992 verzehnfacht, während das der ärmsten 20 Prozent sich lediglich verdreifacht hätte. Auch von einem größeren Kuchen kämen also immer nur die kleineren Stücke bei den Armen an. Wachstum beseitigt die relative Armut nicht, im Gegenteil – so die Gegenthese.

Gewinnt am Ende immer der Stärkere?

Gemach, Alter!

Der demografische Wandel ist ein wichtiger Pfeil im Argumente-Köcher der Wachstumsbefürworter. Da aufgrund der steigenden Lebenserwartung zumindest in vielen westlichen Gesellschaften immer weniger Beitragszahler auf immer mehr Rentenempfänger kommen, könne diese Last nur durch solides Wirtschaftswachstum bewältigt werden.

Die Wachstumsskeptiker halten dies für Wunschdenken: Zum einen sei über die Rentenformel zumindest in Deutschland gesetzlich festgeschrieben, dass die Renten direkt an das Lohn- und Gehaltsniveau gekoppelt sein müssen. Führt mehr Wachstum also zu steigenden Einkommen, steigen auch die Renten – es wird somit nicht leichter, diese aufzubringen. Bei der privaten Altersvorsorge sei es ähnlich: Steigt durch kontinuierliches Wachstum der Lebensstandard, muss umso mehr fürs Alter zurückgelegt werden, um diesen Standard aufrechtzuerhalten. Statt sich auf ewige Steigerungen zu verlassen, solle man lieber darüber nachdenken, Altenbetreuung wieder stärker im privaten Umfeld der Familie zu verankern. Die dafür nötige Zeit könne durch die bereits erwähnten Arbeitszeitverkürzungen gewonnen werden.

Wer nicht wächst, fällt zurück?

Die Angst vor einem ausbleibenden Wirtschaftswachstum rührt auch daher, dass damit ein Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit drohe. Deutschlands Rolle als Exportnation hänge von solidem Wachstum ab. Neben den ökonomischen seien dabei auch politische Dimensionen wichtig: Ein hohes BIP garantiert auf internationalem Parkett normalerweise eine gewisse Macht und gute Verhandlungspositionen in bi- und multilateralen Gesprächen. Beides, Exporteinnahmen und diplomatische Autorität, gerieten in Gefahr, sobald die Wirtschaft nicht mehr wächst.

Die Gegenseite sieht Deutschlands Rolle als Exportnation nicht an Wachstum, sondern an Innovationskraft gekoppelt. Würde man beispielsweise Effizienzgewinne zur Arbeitszeitverkürzung nutzen, hätte das keinen negativen Einfluss auf die Qualität der in Deutschland hergestellten Ware und auf das Interesse im Ausland. Auch den weltpolitischen Faktor dürfe man nicht überschätzen. Ähnlich wie bei den individuellen Einkommen auch handle es sich am Ende um ein Nullsummenspiel: Wenn alle Länder wachsen, ändert sich an ihrer relativen Position im Machtgefüge am Ende nichts. Wenn die Wirtschaft in allen Ländern stagniert, ebenso wenig. Kann Degrowth am Ende also nur funktionieren, wenn alle mitmachen?

Grün ist nicht gleich grün

Wer bei Wirtschaftswachstum nur an immer stärker qualmende Fabrikschlote denkt, hat es nicht begriffen – sagen manche. Statt um ein reines „Mehr“ gehe es viel häufiger um ein „Besser“: qualitatives statt quantitatives Wachstum. Und zu diesem würden Unternehmen durch die Aussicht motiviert, Umsätze und Gewinne zu steigern. So entstünden Innovationen. Außerdem verschiebe sich der Konsum mehr und mehr von Produkten hin zu Dienstleistungen. Diese seien in der Regel ressourcenschonender als die Herstellung von Produkten. So lasse sich beispielsweise schrittweise die CO2-Intensität des Bruttoinlandsprodukts (BIP) verringern, also die Menge ausgestoßener Treibhausgase pro Euro des BIP. Wachstum, so die Argumentation, kann sehr wohl ressourcenschonend vonstattengehen.

Die Degrowth-Bewegung ist in dieser Frage gespalten: Während einige Vertreter einem „grünen Wachstum“ – also beispielsweise im Bereich regenerativer Energien zugunsten einer insgesamt günstigeren Klimabilanz – durchaus aufgeschlossen gegenüberstehen, sehen andere das kritisch. Zudem basiere ein Großteil des wirtschaftlichen Wachstums auf der Ausbeutung unwiederbringlicher Bodenschätze und Energieträger. Es sei letztlich kein wirklich dauerhaftes Einkommen, sondern gleiche eher einem Verkauf von Vermögenswerten. Und so wie das Verscherbeln von geerbtem Tafelsilber keine dauerhafte Erlösstrategie sei, komme auch jenes Wachstum, das auf dem Abbau von Ölreserven und dem Abholzen von Waldbeständen beruhe, automatisch irgendwann an sein Ende.