Kapitalismus

Junge, bist du schon wieder gewachsen?

Autor: André Boße |
Foto: Getty Images
Die Digitalisierung hat aus winzigen Hinterhof-Firmen mächtige Konzerne gemacht, die den Wettbewerb verzerren und den politischen Diskurs entfesseln. Der Ruf nach Sozialer Marktwirtschaft wirkt dagegen kraftlos. Aber das muss er nicht sein

Das Jahr 1957: Ludwig Erhard hält sein Buch „Wohlstand für alle“ in Händen. In Ortschaften darf man nicht mehr 80, sondern nur noch 50 fahren. Die Sowjetunion schießt den ersten Satelliten ins All. Und der deutsche Physiker Lorenz Hanewinkel stellt den Z22 fertig: Deutschlands ersten Röhrencomputer, ein verkabelter Aktenschrank, Speicherkapazität: die dreifache Buchstabenmenge dieses Beitrags. Um die Maschine zu kühlen, legt man einen Wasseranschluss. Der Z22 war ein Meilenstein auf dem langen Weg zur Digitalisierung, die heute die Idee der Sozialen Marktwirtschaft erschüttert. So sehr, dass Ludwig Erhard Buch und berühmte Zigarre aus den Händen fallen würden.

Flink, entschlossen, zügellos

Google-Gründer Larry Page

Die Soziale Marktwirtschaft ist einer der Gründungsmythen der Bundesrepublik Deutschland und ein Kompromiss, den Achim Wambach, Ökonom und Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsordnung (ZEW), so erklärt: „Hinter der Sozialen Marktwirtschaft stand die Überzeugung, dass der Markt der beste Mechanismus ist, um Menschen und Produkte und Angebote zusammenzubringen und wirtschaftliche Dynamik zu entfachen.“ Der Politik sei aber auch bewusst gewesen, dass der Markt in manchen Situationen versagt und Ergebnisse hervorbringt, die der Gesellschaft nicht gut bekommen. „Deshalb wurde er ordnungspolitisch eingehegt.“ Dazu zählen das Verbot von Kartellen, um Monopole zu vermeiden, aber auch die Sozialpolitik, die verhindert, dass kranke, alte oder wenig erfolgreiche Menschen in Not und bitterer Armut enden. Kurzum: Der Markt ist frei, solange er sich beherrscht. Seine Zügel werden erst sichtbar, wenn er versucht, sie abzustreifen.

Im analogen Zeitalter lief das – Probleme und Rückschläge eingeschlossen – ganz gut, bis um das Jahr 2002 die digitale Epoche begann. Und heute? Sind Konzerne wie Amazon, Facebook, Apple und Google nicht vor allem eins: zügellos? Monopolisten möchten sie sein, teilweise haben sie es bereits geschafft. Sie wachsen und wachsen, schaffen aber verhältnismäßig wenig neue Arbeitsplätze. Sie tricksen bei den Steuern, reagieren aggressiv auf Konkurrenz und hintergehen ihre Nutzer, indem sie ihnen Daten wegnehmen und nicht verraten, was sie damit anstellen. Was wir mittlerweile wissen: Ihre Produkte, Software, Suchmaschinen, Produktrankings und Postings manipulieren uns subversiv und nachhaltig. Informationen, Angebote, Preise, ja sogar Emotionen werden gesteuert – vor unseren Augen und zugleich hinter unserem Rücken. Das torpediert den freien Markt und die Demokratie.

Man kann alle Gesellschaftsformen digital neu erfinden – vom digitalen Faschismus über einen digitalen Kommunismus bis hin zum digitalen Feudalismus

Wie konnte es so weit kommen? Achim Wambach verweist auf die historische Besonderheit der Digitalwirtschaft: „Sie zeichnet sich durch Plattform- und Datenökonomie aus.“ Erfolgreich ist nicht mehr, wer das meiste Kapital und die meisten Produktionsmittel besitzt. Erfolg hat, auf wessen Plattform sich die meisten Nutzer versammeln und wer sich auf diese Weise die meisten Daten sichert. Hinzu kommt, dass die Tech-Giganten global und rasend schnell operieren. So umfassend und flink, dass die für Marktregulierungen zuständigen Institutionen in den Nationalstaaten nicht hinterherkommen. „Man gewinnt den Eindruck, dass diese Unternehmen lange in einem relativ ungeregelten, anarchischen Markt agieren konnten“, sagt Achim Wambach. „Alles war neu und ohne historisches Beispiel. Ohne große Gegenwehr von Behörden und Parlamenten schufen sie Fakten.“

Gefällt’s euch, ihr Lemminge?

Angenommen, ein deutscher Autobauer hätte zu Zeiten Ludwig Erhards vermurkste Fahrzeuge produziert – stinkende Karren, mit denen man kaum heil von A nach B kommt. Wie seltsam wäre es gewesen, wenn die Konsumenten gegen die miese Qualität dieser Autos protestiert hätten, indem sie sich ausgerechnet diese Wagen anschaffen, sich hineinsetzen und hupend durch die Innenstadt fahren? Nein, die Kunden hätten diese Autos natürlich links liegen lassen.

Google-Gründer Sergey Brin

Die Plattformökonomie der digitalen Welt stellt diese Selbstverständlichkeit auf den Kopf. Beispiel Facebook im Frühling 2018: Mark Zuckerbergs
Konzern saugt Daten und gibt sie hinter vorgehaltener Hand weiter, an hinterlistige Einflussnehmer, die mit den Daten Wahlen manipulieren. Das ist erstens Datenraub und zweitens ein Angriff auf die Demokratie. Und was machen die Facebook-Nutzer? Protestieren auf ebendieser Plattform, dass ihre Praktiken nicht länger tragbar seien. Einige drohen damit, die Community zu verlassen – nicht ohne stündlich zu checken, wie viele Likes ihnen diese Ankündigung bringt. Einer von diesen Leuten war: der Autor dieser Zeilen selbst.

Schnell fragte ich mich, warum mache ich so einen Quatsch? Sind mir Datenraub und Manipulation eigentlich schnuppe? Oder bin ich abhängig? „Es ist sicher nicht so, dass es den Menschen egal ist, was bei Facebook passiert ist“, sagt der Ökonom Hans Christian Müller, der zusammen mit Achim Wambach das Buch „Digitaler Wohlstand für alle“ geschrieben hat. „Ihnen bleibt nur nichts anderes übrig, als zu bleiben, wenn sie nicht darauf verzichten möchten zu erfahren, was ihre engen und entfernten Freunde gerade so treiben.“

Für Werbekunden gelte dasselbe: „Wo sonst können sie so viele junge Konsumenten erreichen wie bei Facebook?“ Ja, wir sind abhängig. Anders gesagt: Viele Bereiche der digitalen Ökonomie besitzen nicht die „Demokratie des Marktes“, die von den Vordenkern der Sozialen Marktwirtschaft als Prämisse formuliert wurde. So schrieb der einflussreiche Ökonom Wilhelm Röpke in den 1950er Jahren, die Demokratie des Marktes sei die einzige Möglichkeit, „die Konsumenten, für die produziert wird, zum Herrscher der Produktion zu machen“. Mit der individuellen Kaufentscheidung komme jeder Stimmzettel zur Geltung. „Wir erhalten damit eine Marktdemokratie, die an geräuschloser Exaktheit die vollkommenste politische Demokratie übertrifft.“

Dezentrale Entscheidungen sicherstellen, die Macht der Datenmonopole brechen!

Facebook-Chef Mark Zuckerberg

„Wir erhalten damit eine Marktdemokratie, die an geräuschloser Exaktheit die vollkommenste politische Demokratie übertrifft.“ Geräuschlos – ein gutes Stichwort. Vor einiger Zeit hat Dirk Helbing die düsteren Klassiker „1984“ und „Fahrenheit 451“ aus dem Bücherschrank geholt. „Man kann sie wahlweise als Warnungen oder Gebrauchsanweisungen lesen“, sagt der Professor für Computational Social Science an der ETH Zürich. Als Physiker und Mathematiker ist er Pragmatiker und sieht es so: „Es ist ein Fehler, zu glauben, dass die digitale Gesellschaft per se demokratisch geprägt sein muss.“ Im Grunde kann man alle Gesellschaftsformen digital neu erfinden – vom digitalen Faschismus über einen digitalen Kommunismus bis hin zum digitalen Feudalismus, in dem weite Teile der Gesellschaft ihre Freiheiten abtreten an eine neue herrschende Klasse, die ihre Position durch den Besitz von Daten, Kapital und Macht absichert. „Was Demokratie und Soziale Marktwirtschaft daher brauchen, ist ein digitales Update“, sagt Helbing. Sonst besteht die Gefahr, dass beide nicht mehr funktionieren. Wie ein uralter Laptop, dessen Betriebssystem seit Jahren niemand mehr aktualisiert hat – und der nicht mehr weiß, was er mit der ganzen neuen Software anfangen soll.

Soziale Marktwirtschaft Reloaded

Als Angela Merkel Ende August den „Digitalrat der Bundesregierung“ ins Leben rief, war Viktor Mayer- Schönberger einer der zehn Experten dieses Gremiums. Der Jurist ist Professor für Internet Governance & Regulation in Oxford, mit 19 gründete er sein erstes Softwareunternehmen. Wenn der 52-Jährige auf den digitalen Markt blickt, wird ihm eigentlich nicht schummrig. Als „datenreich“ bezeichnet er ihn. Prinzipiell sei das für alle Teilnehmer ein Segen. „Mithilfe von Daten und deren Analyse lassen sich generell bessere Entscheidungen treffen“, sagt er. „Der Markt ist effizienter in der Lage, Angebot und Nachfrage zueinander zu führen.“ Für uns Kunden sei das aber eine Herausforderung, weil wir die vielen Marktinformationen erst einmal verarbeiten müssen. „Helfen könnten uns digitale Assistenten, die für uns aus den Daten lernen.“

Seine Vision: Jedes Produkt, jede Dienstleistung wird transparent, der Kunde kann alle möglichen Daten einsehen, den CO2-Abdruck oder die für die Produktion benötigte Menge Wasser. Einen Zugang zu diesen Daten und die Hoheit über sie zu besitzen und sich auf dieser Grundlage dezentral zu entscheiden – das ist für Mayer-Schönberger Marktdemokratie im besten Sinne. Er ist daher überzeugt, dass die Digitalisierung auch weiterhin das Potenzial besitzt, Demokratie und Markt robuster zu machen.

Wenn da nur nicht diese ärgerliche Neigung zur Monopolbildung wäre, durch die Informationsflüsse gesteuert und zentral Entscheidungen beeinflusst werden.

Wir müssen auch in Zukunft alle auffangen, die fallen!

Apple-Boss Tim Cooke

„Lassen wir das zu, ersetzen wir die Marktwirtschaft durch eine zentral gesteuerte Planwirtschaft. Und dann werden Facebook, Amazon, Google & Co. zu den zentralen Institutionen, die den Informationsstrom vorgeben.“ Gibt es dagegen ein Mittel? Ja, sagt Viktor Mayer-Schönberger: „Dezentrale Entscheidungen sicherstellen, die Macht der Datenmonopole brechen!“ Klingt kämpferisch. Steckt dahinter eine Aufspaltung der digitalen Superstars? Vielleicht sogar deren Verstaatlichung? „Nein, es reicht, wenn wir die zentrale Ressource ihrer Macht breiter streuen – nämlich die Daten.“ „Datenteilungspflicht“ nennt er sein Konzept: Die großen Konzerne werden verpflichtet, die gesammelten Daten auch anderen Akteuren zur Verfügung zu stellen. Dadurch haben die Konzerne zwar nicht weniger davon, aber die anderen wieder eine Chance im Wettbewerb.

Ende der Arbeit oder ohne Ende Arbeit?

Aber selbst wenn das gelänge, bleiben andere Fragezeichen. „Die Meisterung der Hochkonjunktur“ heißt ein wichtiges Kapitel in Ludwig Erhards Buch, und man denkt sich: Na, die hatten Probleme damals! Dort steht: „Der Tatbestand der Sozialen Marktwirtschaft ist (…) nur dann als voll erfüllt anzusehen, wenn (…) echte Reallohnsteigerungen möglich werden.“ Wie kann das in Zukunft gehen, wenn künstliche Intelligenz einen Großteil der Click-Routine-Jobs wegrationalisiert?

Die Autoren Hans Christian Müller und Achim Wambach sehen nicht schwarz: „Grundsätzlich gehen wir nicht davon aus, dass uns die Arbeit ausgeht.“ Maschinen und Algorithmen, die stumpfe Aufgaben erledigen, könnten den Menschen Zeit schenken. „Und die Geschichte der Menschheit zeigt, dass uns immer dann tolle Gedanken gekommen sind, wenn wir mal Zeit dafür hatten.“ Gut, aber was macht jemand, der viel Zeit für eine gute Idee hat, weil sein Arbeitgeber ihm gekündigt hat? Der Optimist Viktor Mayer-Schönberger verweist noch einmal auf das große Potenzial des Daten-Reichtums: Noch bedeute Arbeit für die meisten eine Vollzeitbeschäftigung bei einem Arbeitgeber – „ein festes Bündel an Pflichten für einen monatlichen Lohn“. Mayer-Schönberger fordert nun die „Entbündelung“ der Arbeit: „Der datenreiche Arbeitsmarkt führt passgenau Angebot und Nachfrage zusammen.

Wir arbeiten dann nicht nur für einen, sondern für zwei oder drei Arbeitgeber.“ Nicht, weil wir nur so über die Runden kommen – dafür könnte eine Art Grundeinkommen sorgen. „Sondern um aus der Kombination der Arbeit und ihrer Vielfalt mehr Freude zu schöpfen.“ Aber haben solche Utopien heute überhaupt eine Chance? Unmut, Kränkung und Verbitterung scheinen positive Zukunftsentwürfe unterzubuttern. Die westlichen Demokratien befinden sich in einer Krise, weil immer größere Gruppen das Gefühl haben, nutz- und wertlos zu sein: wirtschaftlich, kulturell.

Amazon-Chef Jeff Bezos

Ist in dieser Gemengelage ein Slogan wie „Wohlstand für alle“ überhaupt noch umsetzbar? „Die Gefahr ist, dass sich die Gesellschaft polarisiert“, sagt Achim Wambach. In der einen Liga diejenigen, die weiter mitspielen. In der anderen alle, deren Fähigkeiten kaum noch gebraucht werden. „In den vergangenen Jahrzehnten wuchsen die Einkommen der Gutqualifizierten besonders stark, die der anderen wenig“, so Wambach. Gerade die Mittelschicht habe zu kämpfen. Nicht wenige sagen, sie breche langsam weg.

Die Lösung? „Wir müssen auch in Zukunft alle auffangen, die fallen. Besonders aber müssen wir dafür sorgen, dass die Menschen schnell die nötigen Qualifikationen erlangen“, sagt der Autor. Sozialpolitik! Bildungspolitik! Echte politische Klassiker! Die analoge Wirtschaftswunder-Bundesrepublik ist Geschichte. Aber der starke Wunsch, Demokratie und Gesellschaft so zu gestalten, dass es gleichermaßen frei und gerecht zugeht, ist aktuell. Dem würde gewiss auch Ludwig Erhard zustimmen.


Im Bild: Die Garage, in der Bill Gates mit 19 Jahren den Grundstein für sein Technologie-Imperium Microsoft legte.