Kapitalismus

Macht Haniel alles, was Profit verspricht?

Autor: Stephan Gemkow
Vorstandsvorsitzender Stephan Gemkow erklärt, nach welchen Kriterien Haniel investiert, wie das Unternehmen langfristiges Wachstum sichert und dabei auch den sozialen Frieden im Blick hat

Als Family-Equity-Unternehmen sind wir nicht nur dafür verantwortlich, der Familie Haniel eine angemessene laufende Rendite zu ermöglichen. Ebenso wichtig ist der Fortbestand des Unternehmens über Generationen hinweg. Das verstehen wir unter „enkelfähig“. Schon Franz Haniel hatte dies verinnerlicht: Er investierte mit Weitsicht in zukunftsweisende Geschäftsfelder und verstand es dabei, Geschäftssinn und Gemeinsinn miteinander zu verknüpfen. Auch damit verkörperte er den „Ehrbaren Kaufmann“. In der über 260-jährigen Geschichte hat sich das Unternehmen natürlich immer wieder stark veändert. Bei all dieser Dynamik sorgen fest verankerte Prinzipien dafür, dass wir in der richtigen Balance bleiben.

Unser Portfolio soll im Idealfall aus zehn mittelständischen, nicht synergetischen Unternehmen bestehen. Damit soll die Risikoposition unseres Unternehmens optimiert werden. Als ich vor sechs Jahren bei Haniel angefangen habe, verfügten wir nur über vier Geschäftsfelder. Inzwischen haben wir einiges geschafft: Mit BekaertDeslee, dem Hersteller von Matratzenbezugsstoffen, dem Verpackungsmaschinenproduzenten ROVEMA und Optimar, die automatisierte Fischverarbeitungssysteme produzieren, sind drei neue Geschäftsbereiche integriert. Neue Beteiligungen auf Holding-Ebene werden sehr wahrscheinlich aus anderen Branchen stammen.

Die richtige Balance für unser Portfolio im Auge haben

Bei der Portfoliodiversifikation spielen auch die Größe und der Reifegrad der Unternehmen eine Rolle. Um mehr Dynamik zu erreichen, haben wir mit ROVEMA und Optimar in wesentlich kleinere Unternehmen investiert, die starkes Wachstumspotenzial haben. Wir haben dabei gelernt, dass diese mehr Unterstützung von der Holding benötigen als die großen Geschäftsbereiche. Deshalb ist nach dem Erwerb der beiden kleinen Unternehmen ein Punkt erreicht, an dem wir aus Ressourcen-Gründen bevorzugt wieder nach Unternehmen in der Größenordnung von 300 bis 400 Millionen Euro Umsatz Ausschau halten. Aber auch solche Unternehmen im Portfolio sollen von einem nachhaltigen Trend profitieren, über einen langen Zeitraum wertschaffend wachsen können und so eine lange Zukunft vor sich haben. Wir müssen dabei eine Balance finden zwischen schnell wachsenden Unternehmen und größeren Geschäftsbereichen, die uns Stabilität bringen und über einen kontinuierlichen Erlösstrom auch das anorganische Wachstum der kleineren Unternehmen quasi mitfinanzieren können.

Stephan Gemkow

"Unsere ökonomischen Ziele wollen wir im Einklang mit ökologischen und gesellschaftlichen Aspekten erreichen"

Stephan Gemkow

Unsere ökonomischen Ziele wollen wir im Einklang mit ökologischen und gesellschaftlichen Aspekten erreichen. Dieser Ansatz gilt entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Investitionsphase über die Steuerung der Beteiligungen, temporäre Finanzanlagen bis hin zur Desinvestition. Bei der Prüfung von Akquisitionsmöglichkeiten werden entsprechend auch soziale und ökologische Kriterien beachtet. Das erwarten wir auch von den Geschäftsbereichen im laufenden Geschäft. Deshalb gibt es bei Haniel Verhaltensgrundsätze für die geschäftlichen Aktivitäten auf allen Ebenen. Mit dem Kodex bekennt sich Haniel unter anderem zum verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt, zum Einsatz für faire und sichere Arbeitsbedingungen, zur Bekämpfung von Korruption sowie zur Achtung der international anerkannten Menschenrechte.

Für unsere soziale Marktwirtschaft eintreten

Seit geraumer Zeit sehen wir mit Sorge Tendenzen einer Polarisierung der Gesellschaft. Und dies, obwohl wir in Deutschland gerade eine lange Phase des Wirtschaftswachstums erleben. Naturgemäß sind Wohlstandsgewinne, selbst, wenn sie allen zu Gute kommen, aufgrund unterschiedlicher Ausgangspositionen schon mathematisch ungleich verteilt. Auch statistisch erzeugt eine derartige Entwicklung aufgrund unseres relativen Armutsbegriffs immer mehr „Arme“ oder von der Armut Bedrohte, ohne dass sich ihre Situation absolut nachteilig entwickelt hätte. Das lässt Menschen zurück, erzeugt Verlierer oder vermittelt zumindest dieses Gefühl. Und dies wiederum schürt eine Stimmung, die den Falschen, den Bauernfängern, in die Karten spielt. Die dazu führt, dass Radikalismus, Protektionismus und Nationalismus sich ausbreiten, dass Schuldige gesucht werden. Dass der Tonfall sich verschärft, Argumente und Objektivität nicht mehr zählen, Polematisierung und vermeintlich einfache Lösungen die Oberhand gewinnen. Hier müssen wir gegenhalten. Vielleicht erklären wir zu wenig, vielleicht müssen wir wieder mehr miteinander als übereinander reden und die Vorzüge und Errungenschaften der Demokratie und unserer sozialen Marktwirtschaft aufzeigen. Auch ein Vergleich mit anderen Nationen hilft – wir klagen auf sehr hohem Niveau! Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, die nur Verlierer erzeugte, haben unsere Altvorderen mit dieser demokratisch-sozialwirtschaftlichen Ordnung wirklich etwas Großartiges geschaffen.

"Wir wollen nachhaltig wachsen und natürlich Gewinne erwirtschaften"

Stephan Gemkow

Im Gegensatz zu Private-Equity-Investoren halten wir unsere Unternehmen lange in unserem Portfolio. Wir wollen sie nachhaltig weiterentwickeln. Zum Kaufzeitpunkt darf es deshalb nichts geben, was die potenzielle Haltedauer von vornherein beeinträchtigt. Die Marktentwicklung und zugrunde liegende Megatrends müssen zeigen, dass das Unternehmen über einen langen Zeitraum nachhaltig wachsen kann. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite ist es natürlich so, dass wir das Portfolio aktiv managen. Wir prüfen jedes unserer Investments regelmäßig auf seine Sinnhaftigkeit. Dabei gibt es keine Tabus. Wenn wir zu dem Schluss kommen, dass ein anderer Eigentümer besser zu der künftigen Entwicklung beitragen kann, steigen wir aus. Deshalb haben wir zum Beispiel den Pharmahändler Celesio vor drei Jahren verkauft und unsere Anteile an der Finanzbeteiligung METRO immer weiter reduziert. Das tun wir aber nicht, weil wir mal etwas Gegenwind bekommen oder es gerade nicht so gut läuft, sondern nur als Ergebnis gruündlicher Analysen. Am Ende des Tages geht es darum, dass sich die positiven und negativen Entwicklungen insgesamt so überlagern, dass in der Summe Wert geschaffen wird.

Wir wollen nachhaltig wachsen und natürlich Gewinne erwirtschaften. Aber auch unseren Beitrag für eine weltoffene, demokratische und nachhaltige Gesellschaft leisten. Nur so ist es uns möglich, nicht nur die Geschäftsbereiche bei ihrer weiteren Entwicklung zu unterstützen, sondern auch unser gesellschaftliches Engagement mit den Schwerpunkten Bildungsförderung, Standortverantwortung und Mitarbeiterengagement fortzusetzen.

Sind wir perfekt? Machen wir alles richtig? Sicher nicht. Aber wir sind bereit, zu lernen und Erfahrungen zu teilen, Neues anzugehen. Da schließt sich der Bogen über 260 Jahre – ganz im Sinne unseres Gründers.