Kapitalismus

Alles im Griff, Mr. Fink?

Autor: Christian Fahrenbach |
Foto: Christoph Kienzle
Laurence Douglas Fink wirkt solide, ist erfolgreich und ermahnt andere Unternehmer zu verantwortlichem Wirtschaften. Stellt sich nur die Frage, ob er mit seiner Firma Blackrock ein unkontrollierbares Monster erschaffen hat

Hohe Stirn, randlose Brille, teurer Anzug: Männer wie Larry Fink sieht man zur Mittagszeit in Midtown Manhattan Dutzende auf den Straßen zwischen den riesigen Bürotürmen. Unauffällige, reserviert wirkende Typen. Intelligente Gesichtszüge, süffisante Art. Die vielleicht wie er um Viertel nach fünf aufgestanden sind, New York Times, Washington Post und Wall Street Journal überflogen haben und um sechs im Büro saßen, später am Morgen ein kurzes Telefonat mit der Ehefrau. So weit, so wenig aufregend. Wäre da nicht diese unfassbare Summe, die Larry Finks Firma verwaltet: 6.300.000.000.000 US-Dollar.

Blackrock ist in fast allen Ländern der Erde der größte Investor der Unternehmenswelt. 6,3 Billionen US-Dollar sind mehr, als jede andere Investmentbank stemmt, und so viel wie die jährlichen Staatsausgaben Japans, Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens zusammen. Nettogewinn 2017: gut 3,7 Milliarden US-Dollar, erwirtschaftet von ca. 14.000 Mitarbeitern. In Deutschland gehören dem Unternehmen rund sieben Prozent an der Deutschen Post, an der Allianz und an Bayer sowie etwa sechseinhalb Prozent an der Deutschen Bank – und noch einiges mehr.

Der Konzernriese investiert und kontrolliert: Für die EZB führt Blackrock Stresstests durch, die hauseigene Risikomanagement-Software wird von EZB und deren amerikanischem Pendant Fed gleichermaßen genutzt. Analysen zu faulen Krediten für die strauchelnden Zentralbanken in Irland und Griechenland gehörten genauso zu den Aufträgen wie das Consulting von nahezu allen großen Geldhäusern, die im vergangenen Jahrzehnt taumelten.

Wer ist Laurence Douglas Fink, der jeden Tag angeblich immer gleich beginnt? Was ist ihm wichtig? Und was will dieser Mann, der über sein Unternehmen mehr Einfluss auf Wirtschaft und Politik ausüben kann als die meisten Staatschefs? So viel steht fest: Fink hat einen Giganten geschaffen, den er trotz aller guten Absichten möglicherweise nicht mehr bändigen kann.

Superstar, Vollidiot, Paranoid

Der Mann, dessen Firma Monopoly mit der Welt spielt, stammt aus der Mittelschicht. Aufgewachsen an der Westküste, die Mutter Uni-Dozentin, der Vater Schuhverkäufer. Studium der Politikwissenschaften, später ein BWL-Master mit Schwerpunkt Immobilienwirtschaft. 1976 Umzug nach New York und mit 23 Jahren der Einstieg bei First Boston. „Ein L.A.-Kid mit Jadeschmuck und langen Haaren“, beschreibt er sich selbst. Seit Mitte der 1970er Jahre ist Fink verheiratet und hat drei Kinder.

Solide – so tritt auch Blackrock auf. Das Unternehmen verdient das Geld für seine Investoren vor allem mit ETFs, sturen Anlageformen, die Indizes wie den DAX oder den Dow Jones nachbilden. Programmiercode im Computer statt Instinkt lenkt die Geschicke. Denn das mit dem Instinkt ist bei Larry Fink schon einmal extrem schiefgegangen.

Mitte der Achtziger vertraute sein damaliger Arbeitgeber, die Bank First Boston, einem Gefühl des Wunderkindes: Bald würden die Zinsen steigen. Taten sie aber nicht, d das Unternehmen verlor rund 100 Millionen US-Dollar. „Über Nacht wurde ich vom Superstar zum Vollidioten“, sagt Fink dazu. „Niemand hat mich mit der Würde behandelt, die ich eigentlich erwartet hätte.“

Seitdem legt er Wert darauf, als extrem gewissenhafter Vermögensverwalter wahrgenommen zu werden. Sogar Gegner loben, wie Fink versucht, Blackrock auf den mutmaßlich objektiven Zahlen aus der Welt des Risikomanagements aufzubauen. Der Schock über die Verluste und die Erniedrigung von damals hätten ihn zu einem Besessenen gemacht, stets „angemessen paranoid“, wenn es darum gehe, alles zu verstehen, was falsch laufen könnte, sagt Konkurrent und Weggefährte Greg Fleming von Rockefeller Capital Management.

„What the fuck were you thinking?“

Abgehoben tritt Larry Fink nie auf – doch wie standhaft kann er sein Monster führen?

Um Blackrock voranzubringen, setzt der 65-Jährige heute auf persönliche Beziehungen. Mehr als die Hälfte seiner Zeit verbringt Fink damit, Staats- und Regierungschefs zu treffen. Vor der Wahl beim wichtigen US-Handelspartner in Mexiko im Frühjahr 2018 hat Fink gleich allen vier Kandidaten einen Besuch abgestattet. Berichte der Agentur Reuters gehen davon aus, dass es um geplante Großinvestitionen und die generelle Haltung der Politiker zur freien Marktwirtschaft gegangen sein dürfte. In vielen anderen Ländern weltweit hat der Finanzriese exzellent vernetzte Mitarbeiter angeheuert – in Deutschland beispielsweise den früheren Unions-Fraktionschef Friedrich Merz. Sie sorgen dafür, dass die Riesenmaschinerie Blackrock wächst und wächst, ein Unternehmen, das eben nicht nur investiert, sondern gleich auch noch die Regeln dafür mitschreibt.

Gleichzeitig bemüht sich Fink, übliche Vorurteile über Fondsmanager aus dem Weg zu räumen. Statt mit den traditionell wirtschaftsfreundlichen Republikanern zu paktieren, war er sein Leben lang Anhänger der US-Demokraten. Fink hat laut öffentlichen Terminkalendern auf dem Höhepunkt der Finanzkrise mehr als hundert Mal mit Obamas Finanzminister Timothy Geithner gesprochen und war unter einer möglichen Präsidentin Hillary Clinton selbst für den Posten im Gespräch.

Die Nähe zur Politik sucht, pflegt und genießt er. Schon vor einem Jahrzehnt gaben Wegbegleiter von ihm zu Protokoll, wie sehr sich Fink in der Rolle des „Wall Street Statesman“ gefalle. Gerne verbreite er an seinem Stammtisch im New Yorker Upperclass-Restaurant San Pietro mit Blick auf die Skyline der Stadt ein wenig gepflegten Tratsch oder lasse wendig einfließen, was er „neulich denen in Washington“ geraten hat. Der private Fink sei ein anderer als der in der Öffentlichkeit: Meinungsstark und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, habe er damals Goldman-Sachs-CEO Lloyd Bankfein zum Kauf fauler Kredite angeblafft: „What the fuck were you thinking?“

In der Öffentlichkeit tritt Fink ausgeglichen und moderat auf. Und er versucht, über Blackrock das Verhalten von Unternehmen zu beeinflussen. Er attackiert exorbitante Managergehälter, zwingt Firmen, ihre Klimarisiken offenzulegen, und übt Druck aus, damit Konzerne mehr Minderheitsvertreter in ihre Aufsichtsräte berufen. Zu Donald Trumps extrem unternehmerfreundlicher Steuerreform ließ Fink sich im Herbst 2017 gemeinsam mit Investorenlegende Warren Buffett zitieren: „Unnötig.“ Sie erhöhe lediglich die Defizite des Landes.

Der unberechenbare Elefant im Teich

Im Januar 2018 schrieb Fink einen Brief an einflussreiche Firmenlenker der Welt und rief sie zu einem ethisch einwandfreien Verhalten auf. „Unternehmen müssen sich fragen: Welche Rolle spielen wir in der Gesellschaft? Wie steuern wir unseren Einfluss auf die Umwelt? Arbeiten wir darauf hin, dass unsere Arbeitnehmerschaft die Gesellschaft abbildet?“, heißt es da. Firmen, die keine langfristigen Strategien zu diesen Fragen finden, drohte Fink mit dem Entzug der Zustimmung bei künftigen Hauptversammlungen. Der für seine Arbeit gegen Ungleichheit und Armut berühmte Wirtschaftsprofessor Joseph Stiglitz sagt über Fink: „Er kämpft für die richtige Sache.“

Aber heiligt der Zweck seine Mittel? Es gibt Kritiker, die Blackrock mit einem Kraken vergleichen und ein Unternehmen von dieser Größe grundsätzlich verurteilen: eine Schattenregierung, die sich zwar aktuell geduldig und ethisch gebe, aber hinter den Kulissen überall und jederzeit Druck ausüben könne, ohne demokratisch legitimiert zu sein. Sie fragen sich, welches Ziel ein Investor haben kann, der bei Fusionen wie etwa von Bayer und Monsanto große Anteile an beiden Firmen gleichzeitig hält – will er hohen Gewinn, oder bedenkt er auch das Wohl der Arbeitnehmer, die Risiken der Gentechnik, den Schutz der Umwelt?

Eine Studie von Wissenschaftlern aus Frankreich, Kanada und den Niederlanden kommt zu dem Ergebnis, dass jedes Unternehmen mit so viel Macht in der Lage ist, als „Elefant im Teich“ das „Boot zum Schaukeln“ zu bringen: sprich, die Weltwirtschaft zu erschüttern, einfach, weil so viele Anleger seinem Vorbild gefolgt sind. Das Argument: Je mehr sich Märkte konzentrierten, desto niedriger seien die Preise für die verbleibenden Aktienunternehmen, Liquidität nehme ab, Volatilität zu, die Anfälligkeit der Märkte steige.

Kritiker fürchten deshalb, dass die nächste Finanzkrise innerhalb der unzähligen Verflechtungen bei Blackrock für einen sich selbst verstärkenden Effekt sorgen und sich auf ganze Staaten ausweiten könnte. Denn Fink und seine Mitarbeiter haben nach den ETFs den nächsten Zukunftsmarkt fest im Blick: paneuropäische Pensionsfonds, in die Länder und Privatleute des ganzen Kontinents einzahlen – verwaltet von Blackrock. Sollte das irgendwann einmal schiefgehen, dürfte Larry Fink schlagartig so berühmt werden, dass er auf den Straßen von Manhattan sofort erkannt wird.