Kapitalismus

Müssen wir alles verpacken?

Autor: Alexandra Alferi |
Foto: Stephen Wilkes/Gallerystock, Steve Gallagher
Warum sind so viele Lebensmittel in Plastik eingehüllt? Und welche Auswirkungen hat das auf unsere Umwelt?

Es befinden sich kaum mehr als eine Handvoll Nüsse in dem Beutel aus stabilem Kunststoff, die Heidelbeeren liegen in einer harten Plastikschale neben der eingehüllten Gurke: Lebensmittel und Kunststoffverpackungen scheinen in den hiesigen Supermärkten unzertrennlich. Aber warum ist das so? Viele Verbraucher entwickeln derzeit eine Abneigung gegen die Kunststoff-Flut, nicht zuletzt wegen der erschreckenden Bilder verwesender Meerestiere, von Plastikteppichen an Stränden und auf offener See. Ergeben sich diese Müllberge tatsächlich aus unseren weggeworfenen Verpackungen? Und wofür sind die überhaupt gut? Antworten gibt der Verpackungsmaschinenhersteller ROVEMA, seit Oktober 2017 Teil der Haniel-Gruppe.

Der Maschinenbauer liefert im Jahr rund 350 Verpackungsanlagen in die ganze Welt aus. Die meisten der insgesamt rund 10.000 Kunden stammen aus der Lebensmittelindustrie. Und diese verpackt zu großen Teilen in Kunststoff. Das ist ein Grund, warum jeder Deutsche im Jahr rund 38 Kilogramm Plastikmüll produziert – damit liegen wir EU-weit auf Platz drei. Heute stammen ca. 15 Prozent des Plastikmülls im Meer von Verpackungen, der Rest unter anderem von Mikroplastik durch Autoreifenabrieb, von Kosmetikazusätzen, Textilienwaschrückständen und verloren gegangenen Fischfangnetzen. Zu viel – da scheinen sich Politik und Verbraucher einig. Peter Lökös, Business Development Manager bei ROVEMA, erklärt: „Natürlich befinden wir uns in dem Spannungsfeld der derzeitigen Diskussionen rund um die Reduzierung von Verpackungsmüll.“

Das Thema sei aber komplexer, als es auf den ersten Blick scheint: „Von dem in Europa produzierten Plastikmüll landet nicht viel im Meer“, sagt Lökös. In den meisten europäischen Industriestaaten ist die Verwertung von Müll schon sehr fortschrittlich. Problematisch werden die Plastikverpackungen besonders da, wo es keine funktionierenden Entsorgungssysteme gibt – gerade in asiatischen Entwicklungsländern. Eine Studie hat gezeigt: 90 Prozent der im Meer treibenden Müllberge werden durch nur zehn Flüsse dorthin getragen. Acht davon fließen durch asiatische Großstädte ohne funktionierende Entsorgungs- oder Recyclingsysteme. Trotzdem ist genau in diesen Entwicklungsländern der Kunststoff unersetzlich – ein Teufelskreis.

Sicher und haltbar

Verpackungen ermöglichen erst einen sicheren Transport von Lebensmitteln in Entwicklungsstaaten und Industrienationen. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Haltbarkeit des Nahrungsmittels und der Reduzierung der Verschwendung von Lebensmitteln. Matthias Mahr, Chefredakteur und Herausgeber des Magazins Packaging 360°, warnt gerade deshalb davor, Kunststoff generell zu verteufeln: „Die Folie um die Gurke mag für uns zunächst unsinnig erscheinen, verlängert aber ihre Haltbarkeit und macht die Handhabung hygienisch.“ Nur dadurch werden ein sicherer Transport und eine verlängerte Haltbarkeit gegenüber nicht verpackten Produkten gewährleistet. „Die Weltbevölkerung wächst rasant und die Lebenserwartung steigt, da kann der richtige Einsatz von Verpackungen eine bedeutende Hilfe sein, um Lebensmittel zu verteilen und zu lagern.“

Ist die Plastiktüte unersetzbar?

Doch gibt es nicht noch andere Verpackungen, die diese Leistung bringen, ohne als Mikroplastik wieder auf unseren Tellern zu landen? Lökös erklärt: „Kunststoffverpackungen haben das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis. Der Kostendruck im unteren Preissegment ist so hoch, dass die Verwendung von anderen Verpackungsmitteln zu Kostenerhöhungen führen würde, die an den Handel und den Endverbraucher oftmals nicht mehr weitergegeben werden können.“ Und was bleibt von der verpackten Gurke, nachdem sie verzehrt wurde? Laut den Experten weniger Umweltverschmutzung als durch die unverpackte Gurke, die leider schon vor dem Verzehr verdorben ist.

Die Herstellung von Lebensmittelverpackungen erzeugt deutlich weniger CO2 als die Herstellung und der Transport der Lebensmittel selbst. Betrachtet man die resultierende  Ökobilanz, kann man durch den Einsatz einer geringen Menge an CO2 den Verderb und damit noch höhere CO2-Emissionen vermeiden. Es scheint also sinnvoller, Lebensmittel zu verpacken, als zu riskieren, dass sie vor dem Verzehr verderben. Immerhin wandert schon rund ein Drittel unserer Lebensmittel nicht auf unsere Teller, sondern in den Müll. „Neben der Aufklärung und Sensibilisierung der Gesellschaft sind Technologien und Materialien erforderlich, die die notwendigen Leistungen bringen, um diese Lebensmittelverschwendung einzudämmen“, sagt Lökös. Für viele Produkte und die Versorgung von Menschen in ärmeren Ländern wird dieses Material voraussichtlich noch länger Plastik bleiben. Doch es gibt Hoffnung: In hiesigen Bio- oder Delikatessgeschäften finden die Kunden immer öfter alternativ verpackte Produkte – auch aus den Verpackungsmaschinen von ROVEMA.

Ready for Papiertüte

Dies Maschinen lassen sich ohne großen Aufwand von einer Kunststoffverpackung auf die Verarbeitung von Papierbeuteln umstellen. Das ist zwar längst nicht bei jedem Produkt sinnvoll, bei Nudeln zum Beispiel aber durchaus möglich. Denn es gibt im deutschen Einzelhandel bereits einen Hersteller, der auf Kunststoff als Verpackung verzichtet. Andere haben noch nicht nachgezogen. Der einzige Grund: Kunden sollen die Nudel durch das Plastikfenster sehen können und beim Anblick der hellgelb gefärbten und perfekt geformten Nudel rasenden Appetit bekommen, sodass sie gar nicht anders können, als zu kaufen.

Aber immer mehr Supermarktkunden haben eben auch verendete Vögel und Fische vor Augen. Laut einer Umfrage der Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers achten drei Viertel beim Einkauf darauf, Produkte mit so wenig Verpackung wie möglich zu kaufen. Fast jeder Dritte würde angeblich sogar auf ein Produkt verzichten, wenn es zu viel oder nicht nachhaltig verpackt sei. Eigentlich doch eine gute Basis für die Hersteller, etwas Neues auszuprobieren, oder? „Seitdem ein Nudelhersteller nun auf komplett undurchsichtige Papierverpackungen umgestellt hat, haben alle anderen Angst, diesen Zug zu verpassen“, sagt Lökös. Die recht plausible Annahme, der Verbraucher könne den Umweltaspekt schwerer gewichten als die Möglichkeit, die Nudeln vor dem Kauf zu sehen, erzeugt Druck auf die Hersteller. Bei ROVEMA können sie ausprobieren, ob die Endverbraucher ihr Versprechen halten.

„Kunden, die mit unseren Anlagen verpacken, brauchen normalerweise keine teuren Neuanschaffungen, um von Folie auf Papier umzustellen“, sagt Lökös. ROVEMA justiert die Anlagen so um, dass sie anstatt Folie Papier verarbeiten können. „So geben wir unseren Kunden die Möglichkeit, Akzeptanztests in ausgewählten Märkten durchzuführen, ohne ein finanzielles Risiko einzugehen. Mehrere unserer Kunden werden in Kürze mit Papierverpackungen auf den Markt gehen.“ Stelle sich heraus, dass die Verbraucher weiter zu den Nudeln in Kunststoff greifen, lasse sich die Verpackungsanlage leicht wieder umstellen. Doch auch für die Lebensmittel, für die eine Kunststoffverpackung technisch notwendig ist, sieht ROVEMA oft Optimierungsspielraum.

Die Anlagen von ROVEMA lassen sich zum Beispiel auf eine geringere Foliendicke umstellen. „Dafür müssen wir aber häufig Überzeugungsarbeit leisten. Unsere Kunden fürchten dadurch eine Beeinträchtigung der Schutzfunktion. Wir versuchen dann durch aufwendige Tests zu beweisen, dass das Produkt auch in der dünnen Folie sicher ist. Am Ende spart der Hersteller Kosten, da er weniger Material einkaufen muss“, erklärt Lökös. Er könne sein Produkt genauso günstig anbieten wie vorher und erlange durch eine nachhaltigere Verpackung einen Vorteil gegenüber den Konkurrenten. Auch für ROVEMA könnte das positiv sein. Denn dünne Folien zu verarbeiten ist für die Anlagen eine Herausforderung. „Wir haben gelernt, damit umzugehen. Das ist etwas, das uns unsere Konkurrenten erst einmal nachmachen müssen“, sagt Lökös.

Das Problem des Plastikmülls ist zu komplex, um es alleine von Verpackungsmaschinenherstellern wie ROVEMA lösen lassen zu wollen. Dennoch trägt das Unternehmen dazu bei, dass unsere Umwelt etwas sauberer wird – durch viel Überzeugungsarbeit und innovative Technologien. ROVEMA sei auf dem neuesten Stand der Technik, findet auch Verpackungsexperte Matthias Mahr. Bereits 1975 hatte das Unternehmen eine Maschine zur Herstellung von Papierbeuteln vorgestellt, die ihrer Zeit weit voraus war. Es sieht so aus, als sei die Zeit nun reif.


Plastic, Ade? Fünf Ideen

Die Firma Papacks verwendet als Verpackungsmaterial recyceltes Altpapier sowie Agrarabfälle und ersetzt Styropor durch Naturfasern.

Wildwaxtuch stellt Tücher mit Demeter-Wachs, Fichtenharz und Bio-Kokosfett her, in denen sich Lebensmittel frisch halten lassen. Ein Massenprodukt dürfte es aber wohl nicht werden, die verwendeten Rohstoffe sind zu wertvoll und zu teuer.

Leaf Republic produziert Verpackungen und Einwegteller aus Laubblättern.

Landpack stellt Isolierverpackungen aus reinem Stroh her, insbesondere für Lebensmittel-Versender. Die Boxen sind eine Alternative zu Styropor und zu 100 Prozent kompostierbar.

Das Bakterium Ideonella sakaiensis 201-F6 frisst die in PET-Flaschen enthaltene Verbindung Polyethylenterephthalat. Funktioniert bislang leider nur im Labor.