Kapitalismus

Was ist Kapitalismus?

Autor: Lea-Marie Kenzler
Für manche garantiert er Wohlstand und Fortschritt, für andere verkörpert er Ausbeutung und Unterdrückung. Wie auch immer man den Kapitalismus bewertet: Er ist DAS bestimmende Wirtschaftssystem unseres Planeten und er hat viele Facetten. Eine Annäherung in zehn Begriffen

KAPITALISMUS: Wirtschaftsordnung, die durch privaten Besitz, Unternehmertum, Gewinnmaximierung und Lohnarbeit gekennzeichnet ist. Unternehmen benötigen Produktionsmittel, wie zum Beispiel Gebäude, technische Anlagen, Maschinen, Computer und Werkzeuge, um Güter zu erzeugen und Dienstleistungen anzubieten.

Im Kapitalismus befinden sich die Produktionsmittel in PRIVATBESITZ: Sie gehören zum Beispiel einem Unternehmer, den Anteilseignern oder einem bzw. mehreren Investoren. Die Kapitalbesitzer erzielen Gewinne und Verluste, für die sie (im Regelfall) geradestehen müssen.

ALS MARKT bezeichnet man das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. Dieser Mechanismus entscheidet über die Art, die Anzahl und den Preis von Produkten und Dienstleistungen. Damit Märkte funktionieren, muss der Staat weitgehende Freiheiten in den Bereichen Informationsaustausch, Preisbildung, Wettbewerb und Berufswahl gewähren. Es existieren Finanzmärkte – dort finden sich Anleger und Kapitalgeber – und Gütermärkte, in denen produzierende Unternehmen agieren.

DIE SOZIALE MARKTWIRTSCHAFT ist eine gemäßigte Form des Kapitalismus, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland entwickelt wurde. In ihr schafft der Staat Rahmenbedingungen für wirtschaftliches Handeln und mildert Härten durch ein soziales Sicherungssystem und gezielte Eingriffe ab. Kennzeichen sind u.a. das Arbeits- und Tarifrecht, die Kooperation zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverbänden, betriebliche Mitbestimmung und das Streben nach einem stabilen Preisniveau. Monopole gilt es zu verhindern.

RHEINISCHER KAPITALISMUS: Begriff, der 1991 vom französischen Wirtschaftswissenschaftler Michel Albert geprägt wurde. Er spielt auf den alten Regierungssitz der BRD in Bonn am Rhein an. Rheinischer Kapitalismus ist nahezu gleichbedeutend mit Sozialer Marktwirtschaft.

DER OLIGARCHISCHE KAPITALISMUS (Oligarchie: „Herrschaft der Wenigen“) ist in Teilen Lateinamerikas, des Nahen Ostens und Afrikas verbreitet. Wenige Clans und Unternehmen kontrollieren große Teile der Volkswirtschaft. Einkommen und Reichtum sind meist extrem ungleich verteilt. Die Justiz kann nur selten unabhängig agieren.

IM ANGELSÄCHSISCHEN KAPITALISMUS in England und den USA erbringt der Staat deutlich weniger Dienstleistungen als in der Sozialen Marktwirtschaft. Die Regulierungs- und Steuerniveaus sind niedriger. Charakteristisch sind besonders starke private Eigentumsrechte und niedrige Handelshemmnisse. Seit den 1980er Jahren prägen Aktienmärkte, Investmentfonds, Analysten und Rating-Agenturen das wirtschaftliche Geschehen. Der Finanzsektor ist tonangebend, während die Realwirtschaft an Einfluss verloren hat.

Der Kapitalismus ist anfällig: Zwischen 1970 und 2007 wurden 124 BANKENKRISEN, 326 Währungskrisen und 64 Staatsverschuldungskrisen gezählt. Die globale Finanzkrise, die 2007 als Immobilienkrise in den USA begann, führte fast überall auf der Welt zu einem deutlich abgeschwächten Wirtschaftswachstum, teilweise zur Rezession, zu einem reduzierten Welthandel und einer stark gestiegenen Staatsverschuldung. Dies wiederum führte in vielen Ländern zu politischen Krisen.

IN CHINA gibt es Börsen, Banken, extremen Wettbewerb und wirtschaftliches Wachstum, jedoch keine freie oder Soziale Marktwirtschaft. Die Kommunistische Partei und ihr Apparat kontrollieren weite Teile der Ökonomie. Große Konzerne sind in Staatshand und werden von Funktionären gelenkt. Die Chefs der wichtigsten Banken stehen im Rang von Vizeministern und entscheiden über die Vergabe von Krediten. Unabhängige Gewerkschaften sind verboten. Arbeiter haben wenig Rechte. Wirtschaftlichen Erfolg haben meist nur Unternehmer mit guten Beziehungen zu Funktionären. Ausländische Firmen dürfen bislang nur aktiv werden, wenn sie ein Gemeinschaftsunternehmen mit einer chinesischen Firma gründen.

Seit den späten 1990er Jahren haben Unternehmen immer mehr Geschäftsmodelle entwickelt, die auf DATEN basieren; ein Kapitalismus ohne Big Data ist kaum noch denkbar. Wer seine persönlichen oder betrieblichen Daten freigibt, erhält Suchergebnisse, Medien, Waren und Dienstleistungen und zahlt dafür zum Teil weniger oder kein Geld. Die Sicherheit von Daten sowie ihre Transparenz und Kontrolle sind große offene Fragen.