Kooperation

Auf einer Wellenlänge

Autor: Liane Rapp |
Foto: Michael Hudler
In Neuss hat die RFID-Technik ein Zuhause: Mitten im Gewerbegebiet befindet sich das europaweit wichtigste Forschungszentrum für Auto-Identifikation, das EECC. Aber ohne die Kooperation mit Anwenderfirmen wären die Experten aufgeschmissen. Auch Haniel-Unternehmen sind Teil des Netzwerks.

Unspektakulär sehen die dreistöckigen Bürobauten im Gewerbegebiet Neuss-Norf gleich neben einem riesigen Lagerkomplex der Metro aus. Vor dem Eingang ein paar Raucher im Gespräch, das Treppenhaus großflächig weiß und graurot gestrichen, das Schild, das auf das European EPC Competence Center (EECC) hinweist, ist in dezentem Weiß und Blau gehalten.

Was sich hier quasi als unauffälliges Hinterhofbüro gibt, ist die europäische Keimzelle für eine höchst innovative Technologie: Die Radio Frequency Identification (kurz: RFID) und der Elektronische Produktcode (EPC) machen es möglich, den Weg von Waren lückenlos per Funk zu verfolgen. Im EECC, das Testlabors und Showräume vereint, sitzen Wissenschaftler unterschiedlicher Diszi­plinen und IT-Experten Schreibtisch an Schreibtisch. Von den 18 Mitarbeitern sind die Hälfte diplomierte Naturwissenschaftler, die andere Hälfte Studenten. Noch einmal ebenso viele Experten arbeiten bei den Unternehmen Metro Systems und IBM an dem Projekt. Und alle haben nur das eine Ziel: RFID voranzutreiben.

Conrad von Bonin, 42, ist Diplom-Physiker und leitet seit fünf Jahren das EECC: „Das ist eine unglaublich tolle Spielwiese hier, und es rechnet sich. Manchmal vergeht zwar eine lange Zeit, bis die Projekte in die Tat umgesetzt werden, aber wir haben einen langen Atem und glauben an die RFID-Technik.“ Das EECC ging 2007 offiziell an den Start. Es waren die Unternehmen GS1 Germany, Deutsche Post World Net, Karstadt Warenhaus GmbH und die Metro Group, die sich damals an einen Tisch setzten und Geld bereitstellten, um mit dem EECC einen Ort zu schaffen, an dem sich Experten austauschen können. Gemeinsam sollten sie an neuen, noch nicht da gewesenen Einfallsschneisen für RFID in Industrie und Handel tüfteln, um RFID schlussendlich als branchenübergreifenden Standard in Europa zu etablieren.

Die Gesellschafter schrieben dem Forschungszentrum damals drei zentrale Aufgaben ins Auftragsbuch: realisiert er­folgreiche RFID-Projekte, gewinnt weitere RFID-Nutzer und sorgt für Transparenz im Markt. „Und das tun wir, indem wir Schulungen anbieten, Besucher durchs Labor führen, Benchmarkstudien herausgeben und die Leistungsfähigkeit der RFID-Technologie-Nutzer zertifizieren“, erläutert von Bonin. „Wir lotsen die Unternehmen quasi auf den richtigen Pfad. Und gerade deshalb liebe ich meinen Job so sehr –  weil wir ständig etwas Neues machen, weil wir uns ausleben dürfen und täglich Unterstützer für unsere Ideen gewinnen.“

Mit GS1 Germany hatte einer der Partner bereits vor 40 Jahren mit der Einführung des Barcodes die Grundlage für die Identifizierung von Waren gelegt. Durch ihn lässt sich jedoch nur feststellen, um was für ein Produkt es sich handelt, etwa „frischer Fisch“. Der elektronische Barcode kann aber mehr: Er zeigt an, um welche Kiste Fisch es sich genau handelt, wann sie das Werk verließ, wo sie Zwischenstation machte und wo sie verkauft wurde. Ein ganzer Lkw voller Produkte kann mit RFID so in wenigen Sekunden gelesen und erkannt werden. Möglich machen das Funkchips, die auf der Frequenz von Mobiltelefonen mit einer Reichweite von maximal zehn Metern senden. Sie kosten nur fünf bis zehn Cent und können so klein wie ein Reiskorn sein. Um den Funkchip ansprechen zu können, ist lediglich eine Antenne nötig, die ihn mit Energie speist.

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Besonders interessant ist RFID daher für Logistikfirmen und den Handel, weil die Technologie ihnen hilft, die Warenketten effizienter und transparenter zu gestalten. „Insgesamt arbeiten wir mit 500 Partnerunternehmen zusammen – 250 davon sind Kunden, 100 sind Technologiepartner und etliche andere sind Universitäten und Fakultäten“, erzählt von Bonin. „In der RFID-Branche herrscht ein großes Nehmen und Geben, und wir sind der größte europäische Knotenpunkt dafür. Wobei eigentlich kein Unternehmen auf uns zukommt und sagt: ,Macht das mal für mich.‘ Meistens müssen wir mit unseren konkreten Ideen auf die anderen zugehen und sie Step by Step überzeugen.“ Dafür braucht von Bonin Mitarbeiter, die die Vorteile der Technologie gut transportieren können – so wie Falk Habrichs, 31, Betriebswirt und Pilot. Ihn reizte das Thema RFID so sehr, dass er vor zweieinhalb Jahren von der Fliegerei nach Neuss wechselte. „Wir sitzen hier an der Schnittstelle zwischen Technikern und Anwendern und müssen stets die richtige Sprache sprechen, damit die Vorteile von RFID auch deutlich werden. Denn eins ist sicher: Das ist eine Win-win-Situation, man muss es nur erkennen“, so der Projektmanager und Leiter der hauseigenen Akademie. Habrichs ist es auch, der durch die 2000 Quadratmeter Versuchsflächen führt. Besucher gehen hier unter anderem durch einen nachgebauten Metro-Store mit Regalwänden und Kühltheken voller Gemüse, Obst und Koteletts – alles Plastikattrappen. Mittendrin: ein knallroter Einkaufswagen mit integriertem Kindersitz. „Den hat schon Frau Merkel damals auf der CeBIT in Händen gehalten, als dort die Metro Group Future Store Initiative präsentiert wurde“, erklärt Habrichs stolz und demonstriert mithilfe einer Antenne, wie RFID etwa bei einer Inventur helfen kann: „Wenn ich bei ganz vielen Produkten auf einmal erkennen kann, ob auch alle tatsächlich vorliegen, spare ich das aufwendige Zählen von einzelnen Posten.“ Automatisch wird der Bestand abgeglichen, so dass Habrichs innerhalb von Sekunden weiß, welches Produkt fehlt – und wo es sein könnte. In diesem Fall etwa im Lager. Textilhersteller wie Gerry Weber, Marc O’ Polo, Adidas Neo und Adler nutzen das System bereits, die 20 größten Filialen von C&A befinden sich gerade in der Rollout-Phase. „Es ist beispielsweise gewährleistet, dass Artikel wie weiße T-Shirts, die stets vorrätig sein sollten, nie out of stock sind. Das hat bei einigen Unternehmen zu Umsatzsteigerungen von bis zu 30 Prozent geführt“, erläutert Habrichs.

Im nächsten Raum zeigt er eine Versuchsreihe des Haniel-Tochterunternehmens CWS-boco, das Berufskleidung vermietet. Bei den Tests geht es um die Sortierung nach der Wäsche. „Wir sind gerade dabei, für CWS-boco ein Problem zu lösen. Zu diesem Zweck überwachen wir mit sogenannten Tracks die Wäsche“, sagt Habrichs. Als Projekt Manager des Unternehmens aus Duisburg hat sich Benedikt Rogmann schon öfters bei den Experten in Neuss umgeschaut: „In den Seminaren und Workshops, die dort stattfinden, geht es immer um Wissenstransfer zwischen den beteiligten Unternehmen.“ Etwa bei der Auswahl geeigneter Partner: Ein Geschäftszweig von CWS-boco ist die Vermietung und Reinigung von hochwertigen Fußmatten. Diese sollen nun mit Transpondern ausgestattet werden, um sie den richtigen Unternehmen zuordnen zu können. Durch das EECC ließ Rogmann eine Bewertung der verschiedenen am Markt erhältlichen Funkchips durchführen und konnte so die Spreu vom Weizen trennen. „So ein Transponder muss ja über 100 Mal durch die Waschstraße, er sollte einiges aushalten und trotzdem 100-prozentig funktionieren. Also haben die Experten die Chips hier auf Herz und Nieren getestet, weswegen wir dank der Empfehlung des EECC die für uns am besten geeigneten herausfiltern konnten“, sagt Rogmann.

Als EECC-Geschäftsführer wünscht sich Conrad von Bonin mehr solche Kooperationen: „Meine Vision ist, dass alle Unternehmen in Deutschland beim EECC mitmachen und alle nur geringe Beträge für weitere Forschungsprojekte zahlen müssten, die dann jedem zugute kämen.“ Um zu zeigen, wie groß der Alltagsnutzen der Technologie sein könnte, hat sein Team eine Glasvitrine mit zahlreichen Beispielen bestückt: etwa ein paar Laufschuhen, an denen der RFID-Chip an den Schnürsenkeln befestigt ist, um beim Zieleinlauf die genaue Zeit erfassen zu können. Auch Skipässe sind ausgestellt, die bei der Durchfahrt am Lift automatisch gelesen werden. Und Jetons aus Casinos, die mit RFID schneller sortiert und auf ihre Echtheit überprüft werden könnten. In den 1990ern kam die RFID-Technik in den USA verbreitet für Mautsysteme  zum Einsatz. Es folgten neue Systeme für Zutrittskontrollen, bargeldloses Zahlen, Tankkarten oder Wegfahrsperren. Seit 2010 sind alle deutschen Personalausweise für mehr Sicherheit mit einem RFID-Chip ausgestattet. „Vom Einzelhandel über die Pharmaindustrie bis zum Flugzeugbau – immer mehr Unternehmen nutzen die zukunftsweisende Technologie“, fasst es Falk Habrichs zusammen und zeigt auf zwei Paletten mit Pappkartons. „Das ist unser derzeit größtes Projekt. Es wird von der EU gefördert, und auch Metro, Mars, ESM und der Verpackungshersteller Mondi beteiligen sich daran.“ Um es kurz zu machen, denn es ist etwas komplizierter: Mit diesem Projekt, das sich „Smart. NRW“ nennt, soll eine automatische Echtzeitüberwachung realer Lagerbestände ermöglicht werden, die die Warenverfügbarkeit im Großhandel sicherstellt. Mitte 2014 soll das Großprojekt abgeschlossen sein.

„Eine der größten Hoffnungen, die ich habe, ist, dass bald in der EU ein einheitliches Mautsystem etabliert wird. Und wenn es uns gelänge, dieses System auf RFID einzuführen, dann gäbe es hier Champagner“, meint Conrad von Bonin lachend. Mittelfristig will er aus dem EECC einen 100-Mann-Betrieb machen. Denn RFID sagt er große Fortschritte voraus: „Der Informationsgehalt wird sich weiter erhöhen, sich um Neigungs-, Temperatur- und Erschütterungsdaten erweitern, die Reichweite wird weiter steigen, sodass wir noch komplexere Steue­rungssysteme aufbauen können. Viel bessere, als wir uns heute vielleicht vorstellen können.“


Ein RFID-System besteht aus drei Komponenten: Einem RFID-Lesegerät (Reader), das je nach verwendeter Frequenz und Leistungsfähigkeit Radiowellen in Reichweiten von einem Zentimeter bis zu 30 Metern oder mehr sendet. Einer RFID-Antenne aus Metall, die aus einer speziell entworfenen Struktur und einem Anpassungsnetzwerk besteht. Sie strahlt die elektromagnetischen Wellen aus, die das Lesegerät erzeugt, und empfängt die Funksignale vom RFID-Transponder (Tag), der mit eindeutigen Daten elektronisch programmiert wurde und einen Mikrochip enthält. Das offizielle Zertifikat erhält nur die Technologie, die vorher hinreichend geprüft wurde.