Kooperation

Eine für alle – alle für eine?

Autor: Marika Schaertl |
Foto: Frank von Grafenstein (Illustration)
Karrieren laufen über Netzwerke. Leider schanzen sich Männer immer noch untereinander die Jobs zu, während Frauen häufig nur zugucken. Aber auch in ihren eigenen Frauennetzwerken tun sie sich häufig sehr schwer.

Es ist noch früh am Morgen, als sich in der Münchner Innenstadt 20 Frauen zum Frühstück treffen. Es gibt Cappuccino, Butterbrezen und einen Vortrag zum Thema Social Networks. Alle Teilnehmerinnen sind gestandene Kommunikationsprofis – PR-Beraterinnen, Journalistinnen, Marketingmanagerinnen, Fotografinnen oder Medienanwältinnen. Und sie sind Mitglieder bei Nettwerk, einem über mehrere deutsche Großstädte agierenden Netzwerk für Frauen in Kommunikationsberufen. Denn sie organisieren sich lieber ohne Männer, erklärt die Stylistin Jasmin Leheta lächelnd, „weil Frauen ohne Männer einfach netter zueinander sind“.

Was bei Männern selbstverständlich ist, entdecken Frauen erst in den letzten Jahren: Wie sinnvoll es sein kann, eigene Netze für die Karriere auszuwerfen. Nach Schätzungen des Bundesministeriums für Frauen wird inzwischen jede zweite Stelle über Kontakte und Referenzen vergeben.

Lange genug hatten Frauen dabei aber das Nachsehen, wenn Männer beim Saunaabend, Golf oder abends in der Kneipe ganz nebenbei Seilschaften bildeten und ihre Kontakte pflegten.

Heute kann man sich in vielen deutschen Großstädten vor lauter Ladys-Lunch-Einladungen kaum mehr retten. Allein das Gründerinnenportal des Wirtschaftsministeriums listet 351 verschiedene Netzwerke auf, vom Verband selbständiger Frauen in Sachsen-Anhalt e. V. bis hin zu Wild & weiblich (ein bayerischer Unternehmerinnenverein). Und das ist ver­mutlich nur ein Teil aller Bündnisse, denn sie müssen sich schließlich nirgendwo registrieren. Auch das Nettwerk ist eines dieser nicht institutionalisierten Netzwerke. Gründerin Christiane Wolff hat Nettwerk vor 13 Jahren ganz eigennützig aus dem Boden gestampft, weil sie „frisch und ohne große Kontakte in München gelandet war“. Heute sind 400 Münchnerinnen, 80 Berlinerinnen und 80 Frankfurterinnen mit ihr Nettwerkerinnen. Ihr Ziel: sich gegenseitig unterstützen, Erfahrungen austauschen. Es gibt regelmäßige Vorträge mit namhaften Rednern zu Themen wie „Wie werde ich mutiger?“ oder „Wie vereinbart man Job und Familie?“ Man tauscht Artikel zum Thema Karriere aus oder auch Jobangebote. Christiane Wolff selbst verdankt ihre aktuelle Stelle als PR-Chefin beim Werberiesen Serviceplan einem Tipp aus ihrem Netzwerk. Die Mitgliedschaft ist kostenlos, gegen 100 Euro pro Jahr kann man allerdings Premiummitglied werden – und erhält Zugang zu exklusiven Veranstaltungen wie Ausflügen zu Gruner & Jahr oder Facebook – und vor allem zur Kontaktekartei.

Seltsamerweise wollen das aber offenbar gar nicht alle Mitglieder nutzen. Am Ende des Münchner Frühstücks zum Beispiel will eine Teilnehmerin Adressen austauschen und stellt perplex fest: „Ein halbes Dutzend Frauen hat ja gar keine Visitenkarten dabei. Warum sind die denn dann hier?“

Eine Ansicht, die Buchautorin Monika Scheddin („Erfolgsstrategie Networking“) teilt. Die Münchnerin, ehemals IBM-Managerin, heute selbstständig als Businesscoach, befindet pragmatisch: „Ein Netzwerk muss per se berechnend sein. Es geht um Input und Output.“ Wie viele Netzwerkerinnen ist sie in mehreren Organisationen vertreten, sowohl als Mitglied bei Nettwerk als auch als Chefin ihrer eigenen Netzwerke Woman’s Business Club und Gute-Leute-Mittagstisch.

Scheddins Erfahrung: „Frauen sind vorsichtig. Sie wollen erst mal viel miteinander reden, bevor sie Kontakte knüpfen.“ Frauen, so die Expertin, brauchen zwei Jahre, bis sie sieben Kontakte aufgebaut haben, aus denen sie auch einen beruflichen Nutzen ziehen würden. „Und dann empfehlen sie sich immer noch nicht weiter – gerade weil sie sich kennen“, denn eine solche Vorteilsnahme fänden sie häufig unprofessionell. Eine andere Netzwerkerin erzählt die Anekdote von einer Frau, die beim Netzwerkmeeting unbefangen fragte, ob es vielleicht jemanden unter den Anwesenden gäbe, der eine Modenschau für ihr Label sponsern könnte. Die Reaktion: eher verkniffen. Später musste die Arme auf der Toilette auch noch miterleben, wie sich drei, vier andere Damen im Waschraum entrüstet über ihr Ansinnen mokierten.

Schnelle Beute in einem Frauennetzwerk zu machen funktioniert also nicht, ganz anders als bei den Männern, die sich schon mal eben eine Tür öffnen. Und sich wenig darum scheren, was letztlich dahinter passiert.

Frauen ist das Netzwerken häufig unangenehm

Frauennetzwerke jedoch stoßen immer noch auf Vorurteile, weiß Katrin Pittius, Soziologieprofessorin und Netzwerkforscherin an der TU Dresden: „Manche stören sich schon am Wort Frauennetzwerk.“ Die Vorurteile ziehen sich bis in die Führungsetagen. Hat doch neulich erst Josef Ackermann bemerkt, dass Frauen in Vorständen das Leben dort ruhig „farbiger und schöner machen“ könnten. „Gegen solche Einstellungen“, seufzt Pittius, „können auch Frauennetzwerke nur bedingt etwas tun “.

Womöglich ist auch das Frauennetzwerk Xcellence an solchen Vorbehalten gescheitert. Im Frühsommer 2011 ist es mit 18 Frauen aus dem Konzern gestartet, die Teilnehmerinnen wurden von der Geschäftsleitung empfohlen. Das Ziel: mehr Frauen in Führungspositionen zu etablieren. Zwei Jahre später gibt es Xcellence nicht mehr. „Ressentiments zum Thema Frauennetzwerk im Unternehmen und überzogene Ziele waren sicher zwei Gründe, warum das Netzwerk nie so richtig Fahrt aufgenommen hat”, überlegt Uta Stein, Leiterin Holdingscontrolling und -bilanzierung bei Haniel. Ob es bald wieder ein Frauennetzwerk bei Haniel geben wird?

Immerhin unterstützt Haniel finanziell das wahrscheinlich erfolgreichste Frauennetzwerk Deutschlands namens Generation CEO. Gegründet hat es – ausgerechnet – ein Mann. Richtig so, sagt er, der Personalberater Heiner Thorborg, stolz: „Das macht das Netzwerk sehr glaubwürdig.“

140 Frauen vereint Generation CEO, knapp 30 bis Mitte 40 sind sie. Zu den prominentesten Karrierespringern zählen Gruner & Jahr-Chefin Julia Jäkel und Deutsche-Börse-CIO Hauke Stars. Sie werden auch von einem männlichen „Rat der Weisen“ unterstützt. Vor allem aber, betont Thorborg: „Zu 100 Prozent sind bei uns Frauen, die auch wirklich Vorstandschef werden wollen.“

Ein wichtiger Aspekt, an dem andere Frauennetzwerke womöglich oft scheitern. Als etwa in diesem Frühjahr die Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg bei einer Konferenz während ihres Vortrags ein paar Hundert Frauen – etliche davon Führungskräfte in großen Unternehmen – unvermittelt fragte: „Wer von Ihnen möchte eigentlich wirklich Vorstand werden?“, blickten sich einige Frauen um, die Hände blieben aber alle unten.

Tatsache ist, dass Frauen in den Führungspositionen der großen Unternehmen in Deutschland immer noch eine kleine Minderheit sind. In Aufsichtsräten sind sie durchschnittlich zu zwölf Prozent, in Vorständen zu nicht einmal fünf Prozent vertreten. Womöglich hat das übrigens auch damit zu tun, dass sich die Frauen in Sachen Quote ebenso uneins sind wie die politischen Parteien. Bei den interviewten Frauennetzwerkerinnen beharren Frauen wie Christiane Wolff vehement darauf: „Ohne Quote kommen wir nie weiter.“ Andere wie Uta Stein von Haniel haben ein eher ambivalentes Verhältnis zu diesem Thema: „Chancengleichheit”, fordert sie und ergänzt: „Sollten wir diese wirklich nur mittels einer Quote auf den Weg bringen können? Hoffentlich sind wir mutiger!“

Das Problem: Solange sich Frauen, sagt eine erfolgreiche Managerin und Netzwerkerin (die nicht genannt werden will), „meist nur in behaglicher Kaffeekränzchenatmosphäre treffen und über ihre Ungleichbehandlung jammern, passiert nichts für uns Frauen“. Anders, aber ebenso ernüchternd, drückt es die prominente Werberin Karen Heumann – Vorstand bei Think, Aufsichtsrätin bei großen Unternehmen und Generation-CEO-Beirätin – aus: „Frauennetzwerke“, befindet sie, „haben in Deutschland ein positives Grundrumoren verursacht. Aber es bildet sich bisher nichts, was unsere Gesellschaft wirklich verändert.“

Vielleicht ist alles aber auch einfach eine Generationenfrage?

Dennoch besteht Hoffnung, dass sich dies so oder so mit der Zeit erledigen wird: In Berlin gibt es etwa das Netzwerk Geekettes, bestehend aus etwa 500 Frauen, die sich meist in den Zwanzigern befinden und in der IT-Branche beschäftigt sind. Gegründet wurde Geekettes von der 29-jährigen Jess Erickson, die vor drei Jahren nach Jobs in Südkorea, London und New York die Start-up-Szene in Berlin entdeckte. „Warum“, fragte sie sich, „gibt es nicht genug Frauen in der Tech-Branche, nicht genug Gründerinnen?“ Lediglich 13 Prozent der IT-Firmen in Deutschland werden schließlich von Frauen gegründet.

Erickson startete mit ihrer Partnerin Denise Philipp die Geekettes, lud zu Workshops und Hackathons (Programmierwettbewerben) ein. Beim ersten Hackathon im vergangenen März kamen 150 junge Frauen aus ganz Deutschland zusammen. Statt Bier und Pizza gab es Biokost und einen Yoga-raum. Binnen 24 Stunden entstanden neue Webanwendungen und Apps. Außerdem gibt es ein Mentorenprogramm, in dessen Rahmen mehrere junge Mentees inzwischen ihre eigenen Start-up-Firmen wie Kiddify (Plattform für Kindervideos) gegründet haben.

Die Resonanz ist sehr positiv, auch bei der Medien- und Webindustrie. Giganten wie Google und die Telekom klopften bereits an und bieten sich als Sponsoren an. Damit konnte sich Erickson gerade selbstständig machen, um sich in Vollzeit ihrem Netzwerk zu widmen. Da kann sie auch einige Kritiker verschmerzen, die fragen, warum sich Frauen denn bloß von den Männern separieren wollten. „Die Kritiker sind immer ältere Kerle – so etwa Ende 30“, sagt Jess Erickson und lächelt.