Kooperation

Nein

Autor: Thomas Wagner |
Foto: Paul Smith
Wirtschaftswissenschaftler predigen – jeder sollte so viel mit anderen Zusammenarbeiten wie möglich. Was aber passiert, wenn der Preis der Kooperation zu hoch ist? Eine Bauerngemeinschaft in Kolumbien verweigerte sich allen Optionen und suchte den wirtschaftlichen Fortschritt im Experiment.

Hunderte Steine liegen aufgereiht im Gras hinter der kuppelförmigen Kapelle, in deren Ruinen sich eine Schafherde breitgemacht hat. Auf jeden einzelnen der Steine haben Jesús Emilio Tuberquia und die Bewohner von La Holandita einen Namen gepinselt. „Keine Ahnung, wie viele es sind. Vielleicht 300?“, sagt Tuberquia seltsam beiläufig.

256 Steine

Mit seinem sonnengebräunten Gesicht, den aufmerksam blickenden Augen und dem prächtigen Schnurrbart sieht Tuberquia aus wie viele andere Bauern in Kolumbien auch, doch er ist nicht einer von vielen. Bis vor Kurzem war er gesetzlicher Vertreter der Friedensgemeinde von San José de Apartadó. Das Dorf liegt im Norden Kolumbiens, nur einen Katzensprung von Panama entfernt. Fünf Mal wählten seine Nachbarn Tuberquia wieder. „Vermutlich mehr Amtsperioden als Fidel Castro in Kuba“, meint er lachend.

Tuberquia lacht sonst nicht oft. Sein Name steht in einigen der sechs oder mehr Resolutionen, die der Interamerikanische Gerichtshof in Costa Rica seit 1997 zum Schutz der Friedensgemeinde erlassen hat. Fünf Anschläge habe er überlebt, den letzten im Februar 2012 in der Kreisstadt Apartadó.  Zwei Männer in Zivilkleidung, „Paramilitärs“, schossen auf ihn. Die Kugeln schlugen in das Blech seines Motorrads ein. 256 Angehörige, Freunde und Kollegen hat der 50-Jährige in den vergangenen 16 Jahren zu Grabe getragen. Von Kugeln niedergestreckt, von Macheten zerhackt. Die Täter waren Soldaten der Regierungsarmee, Paramilitärs und Kämpfer der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC). Es sind ihre Namen, die auf den genau 256 Steinen stehen.

Wirtschaftlicher Stillstand auf dem Land

Von La Holandita ist es ein bequemer Spaziergang von zehn Minuten bis ins Zentrum von San José de Apartadó. Er wolle einen Freund besuchen, hatte Tuberquia angekündigt. San José ist das Dorf, in dem 1300 Bauern am 23. März 1997 die Friedensgemeinde ausriefen. Hoffnungsfroh waren sie damals. Heute aber ist Tuberquia so angespannt, als ob er in Feindesland einmarschiere. So oft sie können, begleiten ihn Freiwillige der Menschenrechtsorganisationen Peace Brigades, Fellowship of Reconciliation und Palomas de Paz bei diesen Ausflügen. Heute ist er allein. Das macht ihn nervös. „Ohne den internationalen Schutz hätte uns der Staat schon ausgelöscht“, sagt er lakonisch.

Tuberquia ignoriert die Soldaten, die an den Straßenecken stehen, die Galil-Maschinengewehre schussbereit in den Händen. Am Ortsausgang überspannt eine kleine Brücke den Apartadó-Fluss. Auf einem Hügel jenseits des Wassers hat sich die 17. Heeresbrigade in einer Basis eingeigelt. Das Haus daneben ist ein Trümmerhaufen. „Die FARC zündeten hier vor zwei Wochen einen Sprengsatz, als eine Armeepatrouille vorbeikam“, sagt Tuberquia.

Er bestellt sich bei seinem Kumpel Mauricio Castaño in dessen kleinem Laden in Sichtweite der Brücke eine Pony Malta, die kolumbianische Antwort auf Vitamalz. „Die Sekunden nach der Explosion hörte ich gar nichts mehr, nur so ein Pfeifen wie beim Tinnitus“, sagt der Mittvierziger. „Dann sah ich, wie vier verwundete Soldaten weggetragen wurden.“

In der Wohnung hinter seinem Verkaufsstand zeigt Castaño eine längliche Öffnung im Dach. Resultat eines Schusses, abgefeuert von dem Militärstützpunkt. Im November tötete ein Querschläger einen Mann im Dorf. „Der war aus seinem Haus rausgerannt, um seine Kinder in Sicherheit zu bringen.“ Castaño hat seine Familie längst ins sichere, ins boomende Medellin geschickt. Denn die kolumbianische Wirtschaft hat die weltweite Bankenkrise unbeschadet überstanden, befeuert von den Auslandsinvestitionen im Bergbau und in der Ölindustrie. Von 2010 bis 2012 wuchs das Bruttoinlandsprodukt jährlich mindestens um vier Prozent. Im noblen Norden Bogotás zahlen Immobilienkäufer heute Spitzenpreise von umgerechnet bis zu 2700 Euro pro Quadratmeter. Bogotá ist mittlerweile die fünftteuerste Metropole Südamerikas, heißt es in einer Studie des Beratungsunternehmens Mercer.

Kolumbiens Landbevölkerung lebt unterdessen weiter in der Dritten Welt. Fast jeder zweite Kolumbianer auf dem Land ist arm, in den Städten ist es nur jeder fünfte, besagen die Zahlen des Agrarministeriums. Wie in San José tragen überall die Bauern die Hauptlast des bewaffneten Konfliktes. Denn alle Regierungen haben sich vor allem um die nationalen und internationalen Agrarriesen gekümmert, die Kleinbauern aber links liegen gelassen. Mit ihren unproduktiven Ein-Mann-Betrieben können viele Landwirte nicht einmal mehr ihre eigenen Familien ernähren.

Im August entlud sich dies in Massenprotesten, die sich über ganz Kolumbien ausdehnten. Zunächst blockierten die Kartoffel- und Zwiebelpflanzer in Boyacá die Straßen, dann schlossen sich die Indígenas in Cauca und die Bergarbeiter in Antioquia an. Die Bilanz der landesweiten Proteste: mindestens fünf Tote und ein Kabinettsumbau. Unter den fünf Ministern, die Präsident Juan Manuel Santos feuerte, war auch der Leiter des Landwirtschaftsressorts. Sein Nachfolger kündigte einen Pakt zur ländlichen Entwicklung an.

Die Friedensgemeinde hingegen schloss sich nicht dem Streik an. Die Blockaden würden zu vielen Unbeteiligten schaden, entschied der interne Rat. Auf eine Unterstützung durch den Staat hoffen sie nicht – und sie wollen sie auch nicht. Nur internationale Hilfe ak­zeptieren sie, ohne die sie wohl auch niemals wirtschaftlich hätten bestehen können. Den Großteil der 400 Hektar Gemeindeacker wurden mit Geldern aus Europa gekauft. Eine Versicherung gegen die Willkür und die Gewalt, denen die Gemeinde bereits jahrzehntelang ausgesetzt ist.

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Das Ende der Zusammenarbeit

Schüler in Uniformen rennen lärmend über den Platz gegenüber von Castaños Laden. „In der Schule haben wir damals die Charta der Friedensgemeinde unterschrieben“, erinnert sich Tuberquia. Besucher aus dem In- und Ausland waren gekommen, auch der Bischof von Apartadó, der die Idee zur neutralen Zone gehabt hatte.  Das bergige Hinterland der Karibikküste Kolumbiens war in den Achtziger-  und Neunzigerjahren Hochburg der Linkspartei Unión Patriótica, die der FARC-Guerilla nahestand. Auch bei den Kleinbauern und Tagelöhnern in San José kamen ihre Ideen von Landreform und gewerkschaftlicher Organisierung gut an.

Für die Besitzer der Bananenplantagen waren diese Zivilisten hingegen identisch mit den Guerillakämpfern, die sie entführten, ihnen Schutzgelder abnahmen und ihre Machtposition bedrohten. Hier exerzierte die erzkonservative Elite vor, was sie später in anderen Landesteilen wiederholte. Sie baute paramilitärische Gruppen auf, die die soziale Basis der linken Bewegungen zerschlug. Die regulären Sicherheitsorgane sahen weg oder nahmen aktiv teil an diesem über Jahre währenden Blutbad. Ende 1996 und Anfang 1997 verübten die Paracos, die Paramilitärs, zwei Massaker in San José. Die offizielle Untersuchung versandete.

Die Antwort der Gründer der Friedensgemeinde: Wenn sie der Staat nicht vor der Gewalt schützte, im Gegenteil sogar aktiv mitwirkte, dann mussten sie auch ihn ausschließen. Nie wieder wollten sie mit Bewaffneten, egal ob Regierungssoldaten oder illegalen Schergen, zusammenarbeiten: weder Unterkunft gewähren noch Informationen geben. Dieser Boykott betraf auch andere Institutionen wie die Staats-

anwaltschaft. Vermutlich war es diese absolute Neutralität, die die Zentralregierung in Bogotá und die lokalen Eliten noch misstrauischer machte. Für Leute wie Tuberquia aber war diese Entscheidung nur logisch: „Der Staat, in Zusammenarbeit mit den Paramilitärs, ist für 85 Prozent unserer Toten verantwortlich“, gibt er an.

Um den bewaffneten Akteuren keinen Vorwand zum Eingreifen zu liefern, verzichteten die Mitglieder der Friedensgemeinde öffentlich auf den Kokainanbau, ebenso auf den Konsum von illegalen Drogen und Alkohol. Eine Insel des Friedens wollten sie so erschaffen, inmitten des Infernos.

Die neutrale Zone

Doch zunächst drohten die Schöpfer der Insel wie Schiffbrüchige zu verhungern. Paramilitärs blockierten zwischen 1997 und 2004 immer wieder monatelang die einzige Zufahrtsstraße nach San José. „Sie töteten mehrere Lkw-Fahrer und beschlagnahmten die Lebensmittel“, sagt Tuberquia.

Im Februar 2005 ermordeten Paramilitärs, von der Armee aktiv unterstützt, wie kolumbianische Gerichte in mehreren Urteilen bestätigten, acht Menschen in zwei Weilern nahe San José. Der damalige Präsident Álvaro Uribe ließ im Anschluss eine Polizeistation in der neutralen Zone errichten. Wie eine Trutzburg steht sie seither auf einem Hügel oberhalb von San José. Zuvor hatte er die Führer der Gemeinde beschuldigt, mit der Guerilla gemeinsame Sache zu machen. Ein ungerechtfertigter und zynischer Vorwurf. Schließlich haben auch die FARC Dutzende Mitglieder der Gemeinde auf dem Gewissen.

Die Gemeinschaft protestierte vergeblich gegen die Polizeistation und gab die Stadt schließlich auf. „Wir konnten doch nicht mit unseren Henkern zusammenleben“, sagt Tuberquia. Mit der Matratze über der Schulter und den Kindern an der Hand liefen sie bis nach La Holandita, einer Farm der Gemeinde, und fingen von vorne an. Mal wieder.

Das Herz schlägt weiter – an einem anderen Fleck

Freitagnachmittag in der Bibliothek von La Holandita. Die Kinder fläzen sich auf dem Boden. Sie schauen ein Video über die Herstellung von organischem Dünger. Kupfersulfat, Wasser, Salz. Das ganze ist nicht sonderlich spannend, aber Mariela Beltrán stellt die richtigen Fragen, um die Aufmerksamkeit der Kinder zu wecken.

Beltrán ist Freiwillige, Mitglied des katholischen Ordens Compañía de María Nuestra Señora, und gehört zu jenen Menschen, die selbst in düstersten Momenten noch die Kraft für ein Lächeln haben. Fragt man die 50-Jährige nach ihrem Alter, antwortet sie: „15“. Mit anderen Worten: Sie ist in La Holandita genau am richtigen Platz.

14 Jahre lang leitete sie eine Schule mit 1200 Schülern weit weg vom Konflikt. Jetzt lebt sie in einer Baracke, mit einem Klo ohne Spülung und einem kaputten Dach und läuft in Arbeitsjeans und Gummistiefeln zur Arbeit.

Die Kinder der Gemeinde sollen Wissen erlernen, das sie später brauchen, sagt die Ex-Rektorin und Immer-noch-Nonne: „Lesen und Schreiben, Zahlen, Mathematik, wie man mit Pflanzen und Tieren umgeht.“ Und natürlich die Grundlagen ihres Zusammenlebens, Prinzipien wie Solidarität und Neutralität.

Das klingt gut, erweist sich in der Praxis aber als lange, beschwerliche Reise mit ungewisser Endstation. Ganz am Anfang schickten die Bauern ihren Nachwuchs in die Grundschule nach San José, dann nach Apartadó, dann schickten sie sie gar nicht mehr, sondern stellten eine Lehrerin an. „Die verließ sich aber zu sehr auf den konventionellen Lehrplan“, sagt Beltrán. So beschlossen sie, ihre Kinder selber zu unterrichten. „Jetzt bräuchten wir erst mal Lehrer, um unsere Lehrer auszubilden“, sagt Beltrán.

Gemeinschaftsäcker, Gemeinschaftsarbeit

Wohin die Reise gehen könnte, kann man sehen, wenn man den Hang hinaufsteigt, der so steil ist, dass ein Traktor glatt umkippen würde. Die Polizeistation von San José schaut von hier oben nur noch wie ein krümeliger Bunker aus. Tuberquia und zwei seiner Kollegen haben mit ihren Macheten alles zerhackt, was den Kakaopflanzen die Lebenskraft rauben könnte. „Ganz ohne Chemie“, sagt Tuberquia.

Auf 130 Hektar gemeinschaftlichem Acker hat die Gemeinde Kakao kultiviert. Die beiden Begleiter Tuberquias haben eine Arbeitsgruppe gebildet, als sie von ihren Böden vertrieben wurden. Anderswo müssten sie sich als Tagelöhner verdingen oder in die Stadt ziehen. Hier beackern sie nun eine Gemeinschaftsparzelle. Die Erlöse vom Verkauf des Kakaos gehören dem Minikollektiv, der Boden bleibt bei der Gemeinde. Dazu kommt die Gemeinschaftsarbeit, zu der sich alle erwachsenen Mitglieder einen Tag in der Woche verpflichten. Gemeinschaftlicher Boden und Arbeit sowie die kleinen Produktionsgemeinschaften bilden das wirtschaftliche Fundament der „solidarischen Wirtschaft“, wie sie Tuberquia nennt.

Kakao für den Frieden

Tuberquia schneidet eine der gelblich-grünlichen Früchte auf und zutscht das wohlschmeckende weiße Fruchtfleisch vom Samen ab. Bis nach Europa exportieren sie den Kakao. Die Gemeinde habe sich den organischen Anbau und die Fairtrade-Bedingungen von den internationalen Anbietern FLO und CERES zertifizieren lassen, sagt Arley Tuberquia, der Neffe von Jesús Emilio. Im Juni verschifften sie eine Ladung von 25 Tonnen nach Großbritannien. Die GEPA importierte vergangenes Jahr zwölf Tonnen nach Deutschland. „Der Kakao wird vielen unserer Schokoladen beigemischt. Die Qualität ist sehr gut“, sagt GEPA-Sprecherin Brigitte Frommeyer. Der 27-jährige Arley kennt sich aus mit Zahlen. Sieben Semester lang hat er Ingenieurwissenschaften im Nachbardepartement studiert, der Einzige aus der Friedensgemeinde, der je eine Universität besucht hat. Dieses Jahr hat ihn die Hauptversammlung in das „Regierungskabinett“ gewählt, wo er jetzt mit seinem Onkel an einem Tisch sitzt. Bis voriges Jahr hätten sie auch Bananen nach Deutschland exportiert, doch war das wegen der hohen Transportkosten eher ein Reinfall. Zumal auch der Kakao kein übermäßig rentables Geschäft sei, sagt Arley, aber die damit verbundene Öffentlichkeitsarbeit in Europa bedeute sehr viel für die Gemeinde.

Eine neue Generation

Im Dämmerlicht stapelt Arley die Holzlatten, mit denen er am nächsten Tag eine Wand seines neuen Häuschens hochziehen will. Zwar hat er bereits ein Haus aus richtigem Zement. Dort wolle er aber ausziehen, weil er damit der Einzige in La Holandita wäre, sagt er etwas verlegen. Bevor er in die Gemeinde zurückkehrte, arbeitete Arley im Straßenbau und konnte so etwas Geld ansparen, um die Baumaterialien zu kaufen.

In der Gemeinde steht ein Generationenwechsel an. Doch gerade die jungen Leute identifizierten sich nicht mehr so stark mit den Prinzipien, sagt die Ordensschwester Mariela Beltrán. Einige zögen weg, aber es gebe auch Hoffnungsträger, Menschen wie Arley, die weiterkämpfen wollen. Oder auch jemanden wie Moreli Arteaga. „Die Pflanzen haben zu viel Schatten. Da oben müsst ihr die Äste wegnehmen, damit die Sonne reinkann. Kakao braucht Sonnenstrahlen“, meckert Arteaga. 22 Jahre alt, alleinerziehende Mutter einer dreijährigen Tochter, von Beruf Kakaoinspekteurin der Friedensgemeinde. Hoch zu Ross hat sie sich anderthalb Stunden über Bergbäche und glitschige Hohlwege nach La Unión gequält, um die Kakaoplantage zu besichtigen. Der Kontakt zu den Außenposten ist wichtig, da die meisten der 900 Angehörigen der Gemeinde in zehn Siedlungen außerhalb von La Holandita leben. Zur Hauptversammlung laufen manche von ihnen sechs oder sieben Stunden.

„Hier müsst ihr das Moos wegschneiden. Das zieht sonst die Bakterien an.“ Der etwa drei Mal so alte Bauer lauscht beeindruckt dem Vortrag Arteagas. „Wir haben durch die Gewalt viele Männer verloren, da ist es gut, wenn die Frauen die In­itiative übernehmen“, sagt er. Auch Arteaga gefällt ihr Job. In fünf Weilern baut die Gemeinde Kakao an, da kommt sie viel rum. Sie hat zwar in der Stadt ihren Schulabschluss gemacht, aber dort studieren will sie nicht. „Zu teuer“, sagt sie. „Auf dem Land kann ich auch ohne Titel arbeiten.“ Das Einzige, was ihr noch Probleme bereitet, ist das Reiten: „Vor einem Monat bin ich glatt vom Pferd gefallen.“