Kooperation

Wuhan soll das nur führen?

Autor: Philipp Mattheis |
Foto: Laif/ChinaPhotoPress, Philipp Mattheis, action press/XINHUA
Seit über 30 Jahren verbindet Duisburg und Wuhan eine Städtepartnerschaft. Während Duisburg jedoch mit den Folgen des Strukturwandels zu kämpfen hat, wächst das früher arme Wuhan in China zweistellig. Dennoch können die beiden ungleichen Städte immer noch viel voneinander lernen.

Kleine, verschlungene Pfade winden sich in Richtung Fluss. Das Dach der Bäume schützt vor der Backofenhitze: Temperatur 36 Grad, Luftfeuchtigkeit 80 Prozent. Das Sirren der Zikaden schwillt an, es verschluckt den Lärm der Straße, wird fast unerträglich laut, um gleich wieder abzuschwellen. Aus einer Ecke hinter den Büschen dringt Kindergeschrei. Später tauchen die bunten Farben eines Spielplatzes auf. Geht man weiter in Richtung Fluss stößt man auf eine Promenade, auf der trotz der Abendhitze Jogger zu sehen sind. Dahinter schlendern Frauen mit Sonnenschirmen entlang. Später, als es zu dämmern beginnt, leuchten die Lichter der Restaurantschiffe auf dem Yangtsekiang, dem größten Fluss Chinas.

Ralf Meurer von der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung in Duisburg findet, die Uferpromenade am Yangtse sei ein „überaus inspirierendes“ Vorbild für die Stadt an der Ruhr. „Noch fließt der Wissenstransfer vor allem in eine Richtung; aber auch Duisburg kann von Wuhan lernen“, sagt er. Die Gesellschaft berät Unternehmer aus Duisburg, die in Wuhan investieren wollen, und vermittelt Kontakte zu Politik und Wirtschaft. Neben einem Schüleraustausch und Besuchen von Wirtschaftsdelegationen ist dies seit 1982 Teil der Städtepartnerschaft zwischen Wuhan und Duisburg.

Auf den ersten Blick ist das eine Kooperation zweier ungleicher Partner. Duisburg liegt im Ruhrgebiet und erlebte in den vergangenen 30 Jahren einen gravierenden Strukturwandel. Aus der ehemaligen Schwerindustriehochburg wurde ein umweltfreundliches Logistikzentrum. Wuhan liegt in Zentralchina und ist noch immer das Zentrum der Stahlindustrie des Landes. Duisburg hat knapp 500 000 Einwohner, Wuhan etwa 20-mal so viele. Das Pro-Kopf-Einkommen in Duisburg liegt bei rund 16 000 Euro, das von Wuhan bei 3500 Euro. Duisburg verwaltet Bestehendes, formt um und passt an. Wuhan dagegen wuchert. Und trotzdem verbindet die Städte einiges.

Ende der Siebzigerjahre steckte die Stahlindustrie, das Rückgrat des Ruhrgebiets, in der Krise, die Produktion lohnte sich nicht mehr. Ein Konsor­tium aus den Firmen Mannesmann, Demag und ThyssenKrupp suchte daher nach neuen Standorten. In China herrschte nach Maos Tod zaghaftes Tauwetter. Deng Xiaoping, der heute in China als Volksheld verehrt wird, begann mit ersten marktwirtschaftlichen Reformen. Doch China war arm, die Industrie war veraltet, und die Ausbildung der Chinesen war schlecht. Das einzige Kapital des Landes: Millionen von Menschen, die für geringe Löhne arbeiten. Ausländische Investoren waren deshalb willkommen. Die Deutschen errichteten 1978 ein Kaltwalzwerk, und in den nächsten Jahren zogen 300 deutsche Ingenieure mit ihren Familien in die Stadt am Yangtse. Daraus erwuchs schließlich die Idee einer Städtepartnerschaft. Einige der deutschen Ingenieure fragten bei dem damaligen Oberbürgermeister Josef Krings an, der die Idee großartig fand. Da sich damals ganz China dem Ausland öffnete, stimmte auch der damalige Bürgermeister Li Zhi zu. 1982 unterzeichneten Duisburg und Wuhan den Vertrag über eine Städtepartnerschaft. Es ist die erste deutsch-chinesische Städtepartnerschaft überhaupt. „Wuhan konnte in dieser Zeit sehr viel von Duisburg lernen“, sagt Johnson Liu, der stellvertretende Leiter der Handelskammer Wuhan. Der 46-Jährige sitzt in einem gepolsterten Stuhl unter einem Gemälde mit Tuschezeichnungen. „Vor allem fehlte es Anfang der Achtziger an Know-how und ausgebildeten Ingenieuren“, erzählt auch Li Pu, Vizedirektor des Außenamtes in Wuhan. Wuhan bat Duisburg, unter pensionierten Ingenieuren herumzufragen: Hätte jemand Interesse, seine Erfahrungen in Wuhan weiterzugeben? Tatsächlich meldeten sich viele deutsche Rentner und wagten nach ihrer Karriere nochmals ein Abenteuer. Einer von ihnen ist den Chinesen noch heute in Erinnerung geblieben.

„Gerich war streng, aber gerade das war gut“, sagt Li. Der deutsche Manager löste eine „Qualitätsrevolution“ aus, wie der Beamte aus Wuhan das nennt, was der ehemalige Qualitätsprüfer als erster ausländischer Firmenchef in China seit 1949 umsetzte. Nahezu alle Betriebe waren noch in staatlicher Hand, moderne Managementkultur und Qualitätsbewusstsein nicht vorhanden. Mit typisch deutscher Gründlichkeit pochte Werner Gerich immer wieder auf die Qualität der Produkte des Motorenwerks, das er leitete. „Gerich hinterließ bei den Chinesen einen derart bleibenden Eindruck, dass er 1985 zum „Mann des Jahres“ gewählt wurde und ihm 2005 sogar ein Denkmal gesetzt wurde“, sagt Ralf Meurer.

Denn Gerich leitete die Fabrik mehrere Jahre, wofür ihm Ende der Achtzigerjahre von Bundeskanzler Helmut Kohl das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde. Gerich verstarb 2003, das Werk gibt es nicht mehr, der „Senior Expert Service“ aber existiert noch heute. Nur ist die Stadt Wuhan eine völlig andere geworden. Die Hauptstadt der Provinz Hubai ist wie fast jede chinesische Stadt von der größten Migrationsbewegung der Geschichte erfasst worden. In den nächsten Jahren sollen aus 300 Millionen chinesischen Bauern Stadtbewohner werden, ein gewaltiger Prozess, der schon längst im Gange ist. Jahr für Jahr wächst die Stadt am Yangtse um zehn Prozent, während die Einwohnerzahl in Duisburg immer weiter zurückgeht. In Wuhan wurden aus vier Millionen Einwohnern Anfang der Achtziger mittlerweile zehn Millionen. 2020 sollen in der Stadt 18 Millionen Menschen leben. Jedes Jahr kommt also rund eine Million neue Bürger hinzu. „Das ist momentan für uns die größte Herausforderung“, sagt Li. Denn die Urbanisierung bedeutet für die Städteplaner: jedes Jahr neue Arbeitsplätze, Wohnungen, Infrastruktur für Hunderttausende. Den Bauboom, den dies nach sich zieht, kann man überall sehen in der Stadt. In grünem Schutzmaterial eingekleidete Hochhäuser streben 30, 40 oder 50 Stockwerke hoch in den Himmel. Im letzten Jahr wurde eine U-Bahn mit 87 Kilometer Länge eröffnet, die innerhalb der nächsten fünf Jahre auf 200 Kilometer Länge ausgebaut werden soll. Eine Eisenbahnstrecke führt von Wuhan nach Tschechien, der Zug fährt zweimal pro Woche. Der Flughafen verbindet Wuhan mit allen chinesischen Metropolen.

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Die Wirtschaftsleistung hat sich innerhalb der letzten sechs Jahre verdreifacht und beträgt jetzt 800 Milliarden Yuan, das sind rund 100 Milliarden Euro. Wuhan liegt damit unter den Städten Chinas an neunter Stelle. Und wie alle chinesischen Städte hat Wuhan einen Superlativ aufzuweisen: Es ist mit 1,18 Millionen Studenten die größte Universitätsstadt der Welt.

Li, der fließend Deutsch spricht, reist regelmäßig nach Duisburg und kennt die Stadt gut. An Duisburg wie an Deutschland allgemein schätzt der Vizedirektor des Außenamtes vor allem die hohe Lebensqualität, die Ruhe und die Effizienz. Li betont vor allem die Gemeinsamkeiten zwischen Duisburg und Wuhan: Beide Städte liegen an einer Stelle, an der zwei Flüsse ineinander münden, beide haben große Binnenhäfen – Wuhan den größten Chinas, Duisburg den größten Europas. Zuletzt haben Experten aus Duisburg Wuhan beim Ausbau des Binnenhafens beraten, da die chinesische Stadt wie ihre deutsche Partnerin irgendwann ein Logistik- und Verkehrszentrum werden soll.

Denn ein Strukturwandel, wie ihn Duisburg bereits hinter sich hat, steht Wuhan erst noch bevor. „Die Krise der Schwerindustrie wird auch uns erreichen“, ist Li überzeugt. Und genau hier hilft die Partnerstadt von der Ruhr: „Wir unterstützen die Wuhaner zum Beispiel, wenn es darum geht, Böden zu reinigen, auf denen Fabriken standen“, erläutert Wirtschaftsfachmann Ralf Meurer. Besonders, was Umwelttechnologie und alternative Energieversorgung angeht, profitiert Wuhan vom Know-how Duisburgs.

So ziehen immer mehr ausländische Unternehmen in die Metropole am Yangtse. Siemens hat vor Kurzem ein Forschungszentrum eröffnet, die Deutsche Post und Bosch sind ebenfalls vertreten. Einige Automobilzulieferer sind ihren Kunden hierher gefolgt, vor allem französische Autohersteller haben hier ihre Werke. Die Städtepartnerschaft hilft beim Herstellen von Kontakten. Die meisten dieser Unternehmen sind nicht gekommen, weil die Löhne in Wuhan so niedrig sind, sondern weil die Wuhaner sich immer mehr leisten können. Der Absatz von Konsumgütern hat sich in den letzten vier Jahren auf 343 Milliarden Yuan, rund 40 Milliarden Euro, verdoppelt.

Einer dieser neuen Konsumenten ist Wang Jian. Der 34-Jährige sitzt einen Block abseits der Uferpromenade auf dem Bürgersteig und feilt am Lack einer neuen Türe. Ein Haus weiter wird gerade Nudelsuppe gekocht. Im Mundwinkel hängt eine Zigarette, in der Hemdtasche ein Smartphone. „Ich verdiene 7000 Yuan (rund 900 Euro)“, sagt er stolz. „Ich finde das gut, so viel kriegen Regierungsbeamte auch.“

Als er ein Kind war, gab es die Promenade am Yangtse noch nicht. Damals war das Ufer von Industrieruinen zerklüftet. Von der deutschen Stahl­industrie ist auch in Wuhan nicht mehr viel übrig. Die Demag und Mannesmann gibt es nicht mehr. ThyssenKrupp verkaufte 2012 sein Tailored-Blanks-Werk an „Wuhan Iron Steel“. Wuhan leidet wie fast alle Städte in China unter der mas­siven Umweltverschmutzung. Neben der wirtschaftlichen Tranformation ist das die größte Herausforderung: die Stadt trotz Megawachstums lebenswerter zu gestalten. Die Uferpromenade ist ein guter Anfang.