Krise

„Die Vorstellung, alles zu verlieren, schockt mich nicht“

Autor: Rüdiger Sturm |
Foto: Illustration Charis Tsevis
Aus der Inszenierung von Krisen und Katastrophen hat Roland Emmerich ein Geschäftsmodell gemacht. Ein erfolgreiches Geschäftsmodell: Millionen schauen zu, wenn der deutsche Hollywood-Regisseur die ganze Welt verwüsten lässt. Er selbst schöpft daraus Kraft für die nächste Krise.

Herr Emmerich, aufgrund Ihrer Filme gelten Sie als DER Fachmann für Weltuntergänge. Stört Sie das eigentlich?

Ein bisschen schon. Eigentlich kam das nur von „Independence Day“, der voller Zerstörungsszenen steckte. „The Day After Tomorrow“ machte ich, um das Publikum vor der Klimakatastrophe zu warnen. „2012“ wollte ich schon gar nicht mehr drehen, aber mein Schreibpartner bestand darauf, weil er meinte, dass die Idee so gut sei. Aber das war bis auf Weiteres mein letztes Projekt dieser Art. Ich will sicher nicht „Master of Disasters“ auf meinem Grabstein stehen haben. In meinem neuen Film kratze ich auch nur eines der berühmtesten Monumente Englands an.

Gemeint ist „Anonymous“, in dem Roland Emmerich die Entstehung der Stücke William Shakespeares in einem neuen Licht zeigt. Nach einer verbreiteten These war der wahre Verfasser der Texte der Adlige Edward de Vere, der sich im Film in die Intrigen des elisabethanischen Hofes verstrickt. Neun Jahre lang hat Emmerich an diesem Herzensprojekt gearbeitet. 2010 wurde es in Babelsberg verfilmt, vergangenen Herbst kam es in die Kinos.

Sind Sie ein Mensch, der sich im Allgemeinen große Sorgen macht?

Eigentlich bin ich von Grund auf Optimist, aber in den letzten Jahren bin ich pessimistischer geworden. Man hat keine richtige Zukunftsperspektive mehr. In den USA, wo ich lebe, ist die Situation ganz verfahren.  Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Auch wenn ich von Barack Obama desillusioniert bin: Er ist der Einzige, der den Problemen noch Herr werden kann. Allerdings befürchte ich, dass er nicht wiedergewählt wird.

Nehmen Sie Ihre Sorgen und Ängste mit in Ihre Filmprojekte?

Wenn ich an einem Film arbeite, dann fühle ich mich immer sicher, weil ich mir über nichts sonst den Kopf zerbrechen muss. Deshalb ist es für mich das Wichtigste, den nächsten zu machen. Solange ich kein konkretes Projekt habe, bin ich außer Balance. Zum Glück drehe ich im nächsten Jahr wieder.

Sie selbst kommen ja aus stabilen Verhältnissen. Ihr Vater ist erfolgreicher Unternehmer …

Der hat sich aber wegen mir viele Sorgen gemacht. Das Gymnasium habe ich mit Ach und Krach geschafft. Ich machte mir einen Sport daraus, der Schüler mit den meisten Fehlstunden zu sein. Mit allen möglichen Tricks und Betrügereien habe ich geschwänzt. Es ist ein Wunder, dass ich das Abitur habe. Und danach wusste ich auch nicht, was ich machen sollte. Ich bin einfach so durch die Gegend gedriftet.

Wie sind Sie dann beim Film gelandet?

Durch Zufall. Ich hatte überlegt, Kunst oder Architektur zu studieren, aber das war nichts für mich. Durch eine Freundin meiner Eltern bekam ich ein Praktikum beim Süddeutschen Rundfunk – danach wusste ich, dass ich kein Fernsehen machen will. Aber eine Frau dort empfahl mir, auf die Filmhochschule zu gehen. Auf der Münchner Filmhochschule kam ich dann zur Regie.

Sie wuchsen in einer Zeit auf, in der Homosexualität bei Weitem nicht so gesellschaftlich akzeptiert war wie heute. Inwiefern hat Sie das geprägt?

Der Autor, mit dem ich mich damals am meisten identifizierte, ist Thomas Mann, der auch homosexuelle Neigungen hatte. Ich habe in seinem Werk immer gespürt, dass es da eine gewisse Spannung gab, dass da etwas nicht stimmte. Und er hat das kompensiert wie viele Künstler. Aus Kompensation entsteht Kunst. Das habe ich selbst erlebt. Ich habe mich in Malerei und Zeichnen verloren, weil ich Gefühle hatte, die ich nicht aussprechen durfte. Erst der Film war dann das richtige Medium? Ja, sobald ich den für mich entdeckt hatte, gab es nur das für mich. Das hat alle Ängste überlagert und mich gerettet.

Warum kehrten Sie dann Anfang der Neunziger Deutschland den Rücken?

Anlässlich des Starts von „Moon 44“, meines letzten Films in Deutschland, saß ich in einer Pressekonferenz, und alle haben auf mich eingehackt. Kurz vorher hatte ich einen Anruf bekommen, die Regie bei einem Hollywood-Film zu übernehmen. Ich wollte eigentlich Nein sagen, denn der Film war zehnmal so teuer wie alles, was ich bisher gedreht hatte. Doch nach dieser Pressekonferenz habe ich meine Schwester angerufen und gesagt: „Ute, pack die Sachen, wir gehen nach Los Angeles.“ Das war eine Trotzreaktion. Aber ich war auch eine Art Wirtschaftsflüchtling, denn ich hatte in Deutschland immer mehr Schwierigkeiten, Geld für meine Filme aufzutreiben.

"Ich habe kein Problem mit Zerstörung"

Roland Emmerich

War denn in Hollywood gleich alles so viel leichter?

Es ist keine Traumfabrik. Ich bereitete damals einen Film vor, hatte aber keinerlei Einfluss auf das Drehbuch, das immer schlimmer wurde. Am Schluss sagte ich: „Ich kündige.“ Zum Glück hatte ich genug Geld, um mir das leisten zu können. Denn wenn du selbst aussteigst, bekommst du kein Geld. Aber den Produzenten hat das schwer beeindruckt, und ein Jahr später hat er mich für meinen ersten Hollywood-Film angeheuert – „Universal Soldier“.

Gab es je Momente, wo Ihre materielle Existenz gefährdet war?

Da hatte ich absolut Glück. Denn mein Elternhaus hat mich immer unterstützt. Allerdings gab es zwei oder drei Mal den Moment, wo ich dachte: Wenn das schiefgeht, kannst du einpacken. Als mein zweiter Hollywood-Film „Stargate“ herauskam, glaubten alle, dass es ein Flop wird – nur ich und mein Schreibpartner nicht. Am Startwochenende saß ich in einem Haus in Mexiko und habe mich langsam volllaufen lassen. Dann wurde es der totale Überraschungserfolg.

Den Durchbruch schafften Sie mit „Independence Day“. Bereitet es Ihnen eigentlich Vergnügen, Amerika in Schutt und Asche zu legen?

Das kann ich selbst nicht so genau sagen. Jedenfalls habe ich als Europäer kein Problem damit, etwas zu zerstören – bloß, weil es amerikanisch ist. Als ich in „Independence Day“ das Weiße Haus in die Luft jagen wollte, gab es bei den Hollywood- Managern ein kurzes Zögern: „Meinen Sie das ernst?“ Aber seitdem mache ich keine Filme mehr, ohne irgendeine Botschaft hineinzupacken.

Und seither muss sich Ihr Vater keine Sorgen mehr um Sie machen, oder?

Nein. Ich weiß noch, wie ich ihn gefragt habe, was ich mit dem ganzen Geld machen soll, das ich mit dem Film verdient habe. Nachdem ich ihm die Summe genannt hatte, meinte er: „Ist das so viel?“ – „Ja, ja, so viel.“ Dann hörte ich von ihm das längste Schweigen aller Zeiten, bis er schließlich sagte: „Okay.“

Das Telefon in Emmerichs Suite im Bayerischen Hof klingelt. Sein Lebensgefährte Omar ist dran, der seit einer halben Stunde in der Lobby auf ihn wartet. Die vorgesehene Interviewzeit ist längst überzogen. Nur noch eine Frage!

Mit künstlerisch anspruchsvollen Projekten wie „Anonymous“ riskieren Sie Ihre Erfolge. Sind Sie dazu denn wirklich bereit?

Jetzt, wo ich alles erreicht habe, ist mir das egal, auch wenn ich nicht gerne das Geld anderer Leute in den Sand setze. Aber ich habe immer riskante Sachen gemacht – auch bei meinen großen Filmen. Die Vorstellung, alles zu verlieren, schockt mich nicht. Denn ich weiß: Ich kann ja immer arbeiten.