Krise

Generation Krise

Autor: Lars Jensen |
Foto: Johannes Kroemer
Sie studieren in Yale, ganz im Nordosten der USA, an einer der prestigeträchtigsten Universitäten der Welt. Sie sind jung, privilegiert – und dennoch machen sie sich Sorgen um die Welt, in der sie leben und leben werden. Deshalb will die Generation Krise vor allem eines: die heutigen Entscheider so schnell wie möglich ablösen. Ein Gespräch über schlaflose Außenminister, Ignoranz und die Bildungsblase. Kölner und dem Aachener Dom.

Die Lehrpläne der Yale University in New Haven, Connecticut, bringen jeden Studenten an seine Grenzen. Dennoch erklären sich drei Yalenites während einer anstrengenden Examenswoche zum Interview bereit: Marissa Dearing, 19, Amerikanerin mit kubanischen Wurzeln, studiert Politikwissenschaften; Zoe Mercer-Golden, 21, aufgewachsen in Kalifornien und London, studiert Englisch und Kunstgeschichte; Jonas Rosenbrück, 20, aus Bochum macht seinen Major in Philosophie. Wir treffen uns in der Yale University Art Gallery, dem Museum der Universität, wo Zoe arbeitet. Vier Stühle haben sie im Foyer bereitstellen lassen, die Studenten können es offenbar kaum erwarten, über die Zukunft zu reden.

Was erwartet euch, nachdem ihr das Studium in Yale beendet haben werdet?

[ZOE MERCER-GOLDEN] Ich mache mir Sorgen, da bin ich ganz ehrlich. Ich habe jetzt noch ein Jahr vor mir und muss dann versuchen, einen Arbeitsplatz zu finden. Aber ich sehe bei meinen Freunden, wie wenig Angebote die bekommen. Ich kenne Leute, die nicht an einer Ivy- League-Universität studieren konnten: Die haben es richtig schwer. Selbst meine Bekannten aus Yale müssen ihre Ansprüche runterschrauben. Es findet kaum jemand einen Job, der ihn ausfüllt. Viele machen drei, vier Praktika oder gehen irgendwann zurück zur Universität, wo sie noch einen Abschluss machen in der Hoffnung, ihren Marktwert zu steigern. Absolventen von hier haben sicherlich bessere Chancen, sich ihre Träume zu erfüllen, als die meisten anderen Mitglieder unserer Generation. Aber ein Abschluss in Yale garantiert heute keinen Erfolg. Das war vor ein paar Jahren noch anders.

[JONAS ROSENBRÜCK] Ich verstehe deine Sorgen. Aber man muss die Probleme unserer Generation auch mal in Perspektive setzen: Mein Großvater kämpfte im Zweiten Weltkrieg, und als er nach Hause kam, hungerte seine Familie und besaß nicht mal ein Zuhause. Oder schau mal nach Afrika: Dagegen sind unsere Sorgen doch lächerlich.

[MARISSA DEARING] Das kann man nicht vergleichen. Amerikaner sind gewohnt, dass Leistung belohnt wird. Aber heute funktioniert das Leben nicht mehr nach diesem Prinzip. Das Umdenken überfordert viele.

[MERCER-GOLDEN] Die Welt ist außerdem komplexer geworden. Früher ging es doch beschaulich zu, das Leben war berechenbarer, ein Amerikaner oder ein Deutscher musste nicht mit Indern und Südafrikanern konkurrieren. Marissa: Trotzdem bin ich persönlich voller Hoffnung. Jonas: Ehrlich? Warum?

[DEARING] Ich befürchte, dass die nächsten zehn Jahre für Amerika eine wirtschaftlich harte Zeit werden. Aber diese Krise wird das Land endlich zu einem Umdenken zwingen. Es kann nicht länger auf den Rest der Welt herabblicken. Ignoranz können wir uns nicht mehr leisten. Und ich hoffe, dass der ökonomische Druck Amerika nötigen wird, unser größtes Problem anzugehen.

[MERCER-GOLDEN] Das da wäre? Marissa: Wir müssen die Bevölkerung informieren und aufklären. Meiner Meinung nach hat es verheerende Auswirkungen, wenn die meisten Leute in diesem Land nicht wissen, was vor sich geht. Die Menschen leiden unter der Finanzkrise, aber niemand versteht sie. Sie verachten die Senatoren und Repräsentanten, begreifen aber nicht, warum das System ihnen so wenig politischen Einfluss zugesteht. Die Vertreter beider Parteien und die Lobbyisten versuchen, diese Ahnungslosigkeit auszunutzen. Der politische Prozess in Amerika befindet sich am absoluten Tiefpunkt. Und die Krise eröffnet eine einmalige Chance, die Lähmung zu überwinden. Ich hoffe, ich kann nach 2014, wenn ich meinen Abschluss habe, dabei mithelfen, das System zu reparieren.

Wie sehen eure Traumjobs aus?

[DEARING] Wenn ich mir einen Job aussuchen könnte: Außenministerin. Ich bewundere Hillary Clinton. Aber die meisten Außenminister halten nicht lange durch, weil sie so gut wie nie schlafen und der Druck unmenschlich ist. Eine Alternative wäre ein Job in der Bildungspolitik. Da sehe ich weltweit die größten Defizite. Ich studiere im Nebenfach Arabisch und konzentriere mich in meinem Hauptfach Politikwissenschaften auf Diplomatie und die Gründung von Staaten. Egal, was ich in ferner Zukunft einmal machen werde: Nach dem Studium will ich in die arabische Welt.

[MERCER-GOLDEN] Kann ich gut verstehen. Ich möchte auch in der Bildung arbeiten, möglichst in einer Position, in der ich Einfluss habe auf das System. Ob das hier in Amerika, in Europa oder an einem anderen Ort sein wird, kann ich nicht voraussagen. Ich habe in Großbritannien und den USA gelebt, und beide Länder sind interessant, weil sie sich reformieren müssen – auch wenn die Herausforderungen sich im Detail unterscheiden. Vor dem Studium verbrachte ich mehrere Monate in Lateinamerika und China und stellte dort fest, wie wichtig es ist, andere Kulturen kennenzulernen. Ich möchte auch in Zukunft viel von der Welt sehen.

[ROSENBRÜCK] Ich kam vom Internat in Salem nach Yale, um Wirtschaft zu studieren. Jura war auch eine Möglichkeit. Aber ich stellte schnell fest, dass ich bei jedem Thema auf philosophische und ethische Fragen stieß, die mich stärker interessierten als der rein wissenschaftliche Aspekt. Also stieg ich um auf Philosophie. Ich bin im zweiten Jahr, habe also noch Zeit bis zu meinem Abschluss. Einen konkreten Plan für meine Karriere verfolge ich nicht. Mir geht es wie den meisten in Yale: Ich will mich einmischen, die Welt verändern – im großen Stil. Denn so darf es nicht weitergehen. Ich kann mir gut vorstellen, in einem exotischeren Land als Amerika oder Deutschland zu leben. In Indien fühlte ich mich sehr wohl, deswegen werde ich auf jeden Fall dorthin zurückkehren.

Wie gefällt euch Yale?

[ROSENBRÜCK] Ich könnte mir nicht vorstellen, an einem anderen Ort zu sein, denn die Möglichkeiten hier sind unbegrenzt. In Deutschland fehlt den Universitäten die Freiheit. Da studierst du Jura, machst deine Scheine und bist irgendwann fertig – so ein Studium bringt dich heutzutage nirgendwohin. Hier können wir unterschiedliche Fächer miteinander kombinieren. Ich lerne nebenher Französisch, was mir voll angerechnet wird. Außerdem habe ich das Glück, ein großzügiges Stipendium zu haben, so muss ich nicht arbeiten und kann mich ganz auf das Studium konzentrieren. Oft arbeite ich bis tief in die Nacht, aber merke gar nicht, wie die Zeit vergeht, weil mich der Stoff so interessiert. Man schafft das hier nur, wenn man sich auf die Dinge konzentriert, die Spaß machen. Wenn du dich quälen musst, gehst du unter.

[MERCER-GOLDEN] Ich habe neulich einen Vortrag des Venture-Capital-Gurus Peter Thiel gehört, der unter anderem die Gründung von Facebook mitfinanzierte. Er sprach über eine Blase, die genau so schädlich sei wie die Blase am Immobilienmarkt: die Bildungsblase. In Amerika kostet eine Ausbildung wie unsere pro Person um die 300000 Dollar. Dieser Preis ist in den vergangenen Jahrzehnten exponentiell gestiegen. Thiel gründete eine Stiftung, die junge Leute anspornt, das College abzubrechen und eine Firma zu gründen. Ich finde seine These interessant. Aber für mich sind die Erfahrungen, die ich in Yale machen darf, mit Geld nicht aufzuwiegen. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich von Menschen umgeben, die meine Leidenschaft für Kunst und Politik und die intellektuelle Auseinandersetzung teilen.

[DEARING] Am Anfang fühlte ich mich seltsam. Natürlich ist hier jedem bewusst, dass wir uns an einem privilegierten Ort befinden mit privilegierten Menschen. Yale lebt vom Selbstverständnis, die linksliberale Elite auszubilden, was ein enormes Selbstbewusstsein bei vielen Studenten fördert. Aber ich fühle mich nicht wegen der vielen Nobelpreisträger an der Uni so wohl oder wegen der tollen Karriereaussichten oder des wunderbaren Campus. Sondern wegen der Menschen, mit denen ich mich täglich auseinandersetzen darf.

[ROSENBRÜCK] Die ersten Monate lehrten mich Bescheidenheit und Demut. Wer hier landet, gehörte zuvor an der Schule immer zu den Besten. Aber hier triffst du täglich Leute, die schlauer und fleißiger sind als du. Um nicht die Nerven zu verlieren, musst du auch mal mit einer mittelmäßigen Note zufrieden sein. Du musst dir hin und wieder bewusst machen, wie viel du schon erreicht hast – auch wenn du nicht immer der Beste bist.

Kann eine Institution wie Yale mit ihren luxuriösen Bedingungen junge Menschen auf die „echte Welt“ vorbereiten?

[ROSENBRÜCK] Es gibt keinen Unterschied zwischen Yale und der sogenannten echten Welt. Wir sind ja Teil der echten Welt. Mir ist klar, dass in Yale und ähnlichen Hochschulen einige Studenten zu Arroganz neigen. Manche kommen aus wohlhabenden Familien und bringen bereits ein vollkommen übertriebenes Anspruchsdenken mit. Aber das kann man nicht der Schule ankreiden.

[MERCER-GOLDEN] Wenn ich in meinen unterschiedlichen Jobs in New Haven arbeite, hier im Museum oder in sozialen Einrichtungen, erlebe ich manchmal, wie viel übertriebene Ehrfurcht man uns entgegenbringt. Oft entschuldigen sich die Chefs, wenn sie mir niedere Arbeiten auftragen, weil sie glauben, eine Studentin aus Yale wäre sich zu schade, Akten zu schleppen oder Kaffee zu holen. Aber mir ist doch klar, dass diese Dinge erledigt werden müssen. Und ich stehe als Aushilfe ganz unten in der Hierarchie, egal, ob ich in Yale studiere oder Analphabetin bin.

Wovor habt ihr Angst?

[MERCER-GOLDEN] Ich empfinde nie Angst beim Gedanken an die Zukunft. Aber wenn ich zum Beispiel sehe, wie alle Präsidentschaftskandidaten der Republikaner den Klimawandel leugnen, denke ich: Die Zeit drängt, dass wir diese Generation ablösen.

[ROSENBRÜCK] Angst ist das falsche Wort. Ich bin eher gespannt, welche Herausforderungen auf uns zukommen.

[DEARING] Ich fürchte mich nur davor, dass alles so bleibt wie bislang. Unsere einzige Chance wird sein, so viel wie möglich zu verändern.