Krise

Krise? Welche Krise?

Autor: Matt Ridley |
Foto: Illustration Noma Bar
Es gibt verdammt viele Gründe, ein Optimist zu sein. Oder es schleunigst zu werden.

Die Zukunft? Eine trostlose Angelegenheit, jedenfalls 1971, als ich ein Teenager wurde. Schenkte man seinerzeit den Erwachsenen Glauben, dann war das Ende nah. Das Bevölkerungswachstum völlig außer Kontrolle, weltweite Armut auf dem Vormarsch, globale Hungersnöte unvermeidbar. Die Luft zum Ersticken dreckig, das Wasser bis zur Vergiftungsgefahr schmutzig. Anbauflächen, die schrumpfen, Vorräte an Öl und Erdgas fast aufgebraucht, Pestizide, die Krebsepidemien auslösen. Der nukleare Krieg stand quasi vor der Tür. Das Wirtschaftswachstum kurz vor dem Erliegen – und saurer Regen, der die deutschen Wälder zu entlauben drohte.

Welches von all diesen apokalyptischen Szenarien eingetreten ist? Keines! Im Gegenteil, das durchschnittliche Einkommen hat sich weltweit verdoppelt, im Gegenzug hat sich die Kindersterblichkeitsrate halbiert. Das Bevölkerungswachstum hat sich um die Hälfte verlangsamt, Luft und Wasser sind sauberer, die Reserven an fossilen Brennstoffen größer denn je. Die Lebenserwartung ist um ein Viertel gestiegen, die (altersbezogenen) Krebsraten sinken, drei Viertel aller Nuklearwaffen sind inzwischen ausgemustert, und dem Schwarzwald geht es bestens.

Laut Statistik sind die Menschen heute wohlhabender, gesünder und glücklicher, als sie es jemals waren. Schlauer. Freier. Mitfühlender. Friedlicher und gleicher. Was sich allerdings nicht geändert hat, ist die pessimistische Grundhaltung. Auch diese Generation ist felsenfest davon überzeugt, dass sie die letzte sein wird, die aus dem Vollen schöpfen kann. Neue globale Malaisen machen alten Platz – Schuldenkrise und Klimawandel gelten heute als die Vorboten Armageddons. Wer jetzt angesichts unzutreffender vergangener Untergangsszenarien bei den Kassandrarufern ein wenig mehr Demut zu finden hofft, der sucht vergeblich.

Schon Dr. Pangloss, der überoptimistische Lehrer aus Voltaires satirischer Novelle „Candide“, glaubte zu wissen: Eine bessere Welt als die, in der wir gerade leben, kann es gar nicht geben – sonst wäre dem Schöpfer ja ein Fehler unterlaufen. Die Öko-Pessimisten sind seine legitimen Nachfolger, denn sie schließen quasi aus, dass es überhaupt zu Verbesserungen kommen kann. Ihr Credo: Alles wird schlechter. Die Optimisten hingegen, also die Anti-Panglossianer, gehen davon aus, dass diese Welt alles andere als perfekt ist und dass alles immer noch zu optimieren ist. Sie glauben fest an die Möglichkeit einer Welt, die mit sich im Einklang ist. In der globaler Wohlstand nicht auf Kosten der Umwelt geht. In der Schäden reversibel sind, der menschliche ökologische Fußabdruck verkleinert und das Artensterben angehalten werden kann. Europa, zum Beispiel, produziert – trotz aller aktuellen Schwierigkeiten – mehr Nahrung, mehr Technologie und mehr Wohlstand als je zuvor. Gleichzeitig sind die Flüsse sauberer, und es gibt mehr Waldflächen und Naturschutzgebiete als über Jahrhunderte hinweg. In den letzten 170 Jahren ist kein europäischer Brutvogel ausgestorben. Asien ist auf dem besten Weg, gleichzuziehen, das verfügbare Einkommen erreicht gerade ein Niveau, bei dem Wirtschaftswachstum nicht länger zulasten der Umwelt geht. Unter Berücksichtigung der aktuellen Wachstumsraten in Afrika wird es dort spätestens Mitte des Jahrhunderts so weit sein.

Welche Rolle spielt die globale Finanzkrise dabei? Nun, die Welt steht ja gar nicht als Ganzes in der Kreide. Wir schulden dem Mars kein Geld. Das durchschnittliche verfügbare Einkommen aller Erdenbürger ist heute schon um zehn Prozent höher als 2008. Denn Länder wie China, Indien, Brasilien und sogar Nigeria wachsen rasant – während die westlichen Industrieländer stagnieren. Technologien, die uns ein besseres Leben ermöglichen – ob nun das Kindle-Fire-Tablet oder die Gewinnung von Erdgas aus Schiefer – werden gerade entwickelt. Langfristig gesehen, global betrachtet, sieht die Zukunft also ziemlich rosig aus. Sagen Sie das den Teenagern von heute.