Krise

Nicht kapott zu kriegen

Autor: Katharina Golomb |
Foto: Illustration Zsuzsanna Ilijin
1957 wurde zum „Jahr der Krise“ im Bergbau. Die Kumpel arbeiteten nur noch fünf statt sechs Tage die Woche

Sie schoben bezahlte „Feierschichten“ und sahen dem Zechensterben zu. Zehn Jahre später geriet auch die Stahlbranche ins Wanken. Als das Krupp-Werk in Duisburg- Rheinhausen nach jahrelangem Protest 1993 doch stillgelegt wurde, demonstrierten die Arbeiter mit Fackeln und Kerzen in der „Nacht der 1000 Feuer“ gegen das Vergessen. Schließlich waren sie einst das Rückgrat des Reviers gewesen.

Von der Kloake zur Oase

Ruhrgebiet kommt von? Richtig, der Ruhr. Die fließt im Süden, die Lippe im Norden, und im Zentrum der Region die Emscher. Anfangs suchte sie sich ständig neue Wege, mangels Flussbett. So überschwemmte die Emscher nach starken Regenfällen weite Gebiete, was bis ins 19. Jahrhundert kein Problem war. Doch mit dem Beginn des Bergbaus siedelten sich in der Emscherregion immer mehr Menschen an, immer mehr Zechen und Industriebetriebe leiteten ihre Abwässer in den Fluss. Der Pegel stieg an, Überflutungen wurden zur Regel, das Wasser begann zu faulen, Seuchen breiteten sich aus. Am 14. Dezember 1899 gründeten die anliegenden Städte und Kreise samt Bergbau und Industrie die Emschergenossenschaft. Als erster Verband dieser Art baute der „Flussmanager“ in den folgenden 13 Jahren das Emscherbett und die Nebenläufe zu einem Netz aus schnurgeraden, betonierten Kanälen aus. Nach 1928, mit der ersten Kläranlage, besserten sich die hygienischen Zustände, aber das offen geführte Abwasser stank weiter zum Himmel. Es in unterirdische Rohre zu leiten? Ging nicht, wegen der Bergschäden. Erst in den 1990er-Jahren konnte die Emschergenossenschaft das Generationenprojekt beginnen. Nun werden Kläranlagen gebaut, 400 Kilometer Abwasserkanäle gezogen, der Fluss renaturiert. Damit Pflanzen und Tiere ihre einstige Heimat zurückbekommen und die Menschen den Emscher Park als grüne Oase.

Hanseaten auf Zeit

Ein Hellweg musste eine Lanzenlänge breit sein (etwa drei Meter) und frei von Bewuchs. Damit der Händler gut vorankam und sich dem Räuber kein Versteck bot. Schließlich hatte der Reisende im Mittelalter täglich 15 bis 30 Kilometer bis zur nächsten Stadt zu bewältigen. Einer der bekanntesten Hellwege ist der westfälische, mitten durchs Ruhrgebiet von Duisburg nach Paderborn. Er geht auf eine über 5000 Jahre alte Verbindung zurück und wurde unter Karl dem Großen ausgebaut: Der katholische Frankenkönig führte ab 772 gegen die heidnischen Sachsen Krieg. Um sein Heer verpflegen zu können, ließ er entlang des Hellwegs Burgen und Reichshöfe errichten. Die „Via Regia“ (Königstraße) wurde zur Hauptverkehrsader nach Osten. Später, in der Hansezeit, nahm der Gütertransport auf dem Hellweg noch einmal zu. Salz aus Unna und landwirtschaftliche Erzeugnisse gingen von hier aus nach ganz Europa. So wurden bis zum 16. Jahrhundert 16 Siedlungen in der Region zu Hansestädten und blühten auf. Bis der Außenhandel ins neu entdeckte Amerika zunahm und der Bund bald nur noch auf dem Papier existierte. Die Städte wurden wieder zu Dörfern, das Ruhrgebiet wieder zu Ackerland.

Der Pott kocht

Mit der Postkutsche auf holprigen Wegen vorbei an „öder Heide“ an Emscher und Lippe und über den Hellweg: Reisen durch das Ruhrgebiet um 1800 waren lang und strapaziös. Am schnellsten ging es zu Wasser. Die Ruhr war längst schiffbar und verschaffte Kohlehändlern wie Franz Haniel und Mathias Stinnes neue Absatzgebiete – und einigen Wohlstand. Der mehrte sich durch die Erfindung der Dampfmaschine und den Kohleabbau unter der wasserreichen Mergelschicht. Das Geld war da, das nötige Know-how aber nicht. Also reisten die Herren Fabrikanten inkognito nach England, schauten sich dort das ein oder andere ab und bauten die modernen Maschinen nach. Das Eisen dafür schmolzen sie in eigenen Hütten – etwa der Gutehoffnungshütte in Oberhausen. Die Montan- und Maschinenbauindustrie entwickelte sich explosionsartig und mit ihr die Bevölkerung. Lebten in den Kreisen Duisburg, Essen, Bochum und Dortmund 1818 noch 120 000 Menschen, waren es 70 Jahre später über eine Million. Bald produzierten die Betriebe mehr, als der Markt gebrauchen konnte. Der Absatz, die Preise, die Löhne fielen und fielen, Arbeiter wurden entlassen. Das Geschäft zog erst wieder an, als Europa aufzurüsten begann. Nach den beiden Weltkriegen kamen der Schwerindustrie der Wiederaufbau, die Wunderjahre und die Massenmobilisierung zugute. Doch spätestens, als das Rohöl auf die Märkte drängte, lagen Millionen Tonnen von Kohle und Koks „auf Halde“.

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Vernunftheirat? Nein, danke!

Der Zweite Weltkrieg war an Rhein und Ruhr schon im April 1945 vorbei, als die Alliierten die Städte und Gemeinden besetzten. Ende gut – aber noch längst nicht alles. Die Menschen halb verhungert, ihre Wohnhäuser zerbombt. Von den britischen Besatzern wurde erwartet, dass sie die Infrastruktur wieder aufbauen und die Lebensmittel- und Güterversorgung sicherstellen. Damit die Hamsterfahrten aufs Land und die Schwarzmarktwirtschaft endlich ein Ende hätten. Der erste Nachkriegswinter war derart kalt, dass der Kölner Erzbischof Josef Frings an Silvester predigte, in Gottes Namen dürfe man ruhig auch mal Kohlen klauen – was im Volksmund bald „fringsen“ hieß. Um alle politischen, religiösen und regionalen Interessen unter einen Hut zu bringen, beschloss die Regierung in London eine Vernunftehe zwischen Rheinland und Westfalen. Vollzogen wurde die „Operation Marriage“ am 23. August 1946 – das Bundesland NRW mit sechs Regierungsbezirken war gegründet. Die Bildung einer einzigen großen „Ruhrstadt“, wie sie bis dahin immer wieder diskutiert worden war, rückte indes in weite Ferne. Auch der Bergbaukrise in den 1960er-Jahren sollte mit einer Gebietsreform begegnet werden. Auf der einen Seite bestand großes Interesse an leistungsfähigeren Kommunen. Auf der anderen sprachen historische, religiöse und emotionale Gründe gegen die geplante Eingemeindungspolitik. Die Bürger wehrten sich per Volksbegehren – und scheiterten. Die Reform trat 1975 in Kraft. Aus 2327 kreisangehörigen Gemeinden wurden 373, aus 38 kreisfreien Städten 23. Die „Ruhrstadt“ mit ihren 53 Gemeinden inbegriffen. Nur „GlaBotKi“, den Zusammenschluss von Gladbeck, Bottrop und Kirchhellen, konnten die Gladbecker vor dem Verfassungsgericht verhindern.

Vorbei, aber nicht vergessen

Fauchende Schlote und funkensprühende Hochöfen. Schluss. Ende. Aus. Jetzt gibt es an gleicher Stelle Mega- Einkaufs- und Erlebniszentren wie das CentrO auf dem ehemaligen Gelände der Gutehoffnungshütte in Oberhausen. Es ist das Herzstück des Stadtentwicklungsprojekts „Neue Mitte“: Auf 70 000 Quadratmetern entstand ein zweistöckiges Shoppingparadies mit 200 Geschäften. Hinzu kommen eine Schlemmeroase, eine Kneipenpromenade, eine Multifunktionshalle, ein Musicaltheater, ein Freizeit- und Businesspark sowie Parkhäuser und -plätze für mehr als 14 500 Autos. Nach zweijähriger Bauzeit wurde das CentrO am 12. September 1996 eröffnet. Mit 2,1 Milliarden D-Mark war das Projekt in Oberhausen die größte Investition in den Strukturwandel seit dem Bau des Opel- Werks auf einer Zechenbrache in Bochum. In die Stadt der „Kadetten“ – so hieß der Wagentyp, der seit 1962 vom Band lief –, zogen bald auch die ersten Kommilitonen. Die Gründung der Ruhr-Universität Bochum markierte das Ende der hochschulfreien Zone im Revier – zum Ärgernis der Dortmunder, die selbst auf den Standortzuschlag gehofft hatten. Quell allen Übels für die „Borussen“ war also ausnahmsweise nicht Gelsenkirchen oder besser Schalke 04. Und dennoch: Bis heute tritt die Konkurrenz der Revierstädte nirgendwo offener zutage als im Fußball – trotz der gemeinsamen Bergbaugeschichte, die auch in den Stadien weiterlebt. So bezahlen die Fans ihre Pommes-Currywurst seit August 2001 in der Hightecharena auf Schalke mit der aufladbaren „Knappenkarte“ (Knappe = Bergmann nach abgeschlossener Lehre). Manchmal werden die Städte aber auch vom Wirgefühl gepackt, wie 2010, als sich Essen und das Ruhrgebiet der Welt als Kulturhauptstadt Europas präsentierten. Die Drehscheibe für die Besucher war Zeche Zollverein: Einst von Franz Haniel gegründet, ist sie laut UNESCO ein repräsentatives Beispiel für die Entwicklung der Schwerindustrie in Europa und wurde deshalb zum Weltkulturerbe ernannt. Zollverein ist das dritte Bauwerk in NRW, das sich mit diesem Titel schmückt – nach dem Kölner und dem Aachener Dom.