Lernen

Am digitalen 
Scheideweg

Autor: Tim Cole |
Foto: Jürgen Weller (Portrait)
Tim Cole war Gastredner bei 
der Haniel-Führungskräftetagung. 
Er fordert, dass Deutschland 
die Weichen für die Digitalisierung 
neu stellt.

Beim Übergang von der analogen zur digitalen Wirtschaft gibt es zwei Erkenntnisse. Erstens: Alles, was sich digitalisieren lässt, wird auch digitalisiert werden. Zweitens: Alles, was sich vernetzen lässt, wird vernetzt werden. Diese beiden Trends führen zusammen zu grundlegender Veränderung von Unternehmensprozessen, von Unternehmenskommunikation, Fertigung und Logistik, Mitarbeiterführung und Arbeitsorganisation – kurzum: Kein Bereich in Unternehmen wird verschont bleiben.

„Alles, was 
digitalisiert und vernetzt werden kann, wird auch 
digitalisiert und vernetzt werden."

Tim Cole

Nur nix Neues, bleiben wir schön beim Alten!

Dennoch müssen wir erstaunt feststellen, dass im deutschen Unternehmensalltag teilweise noch digitale Steinzeit herrscht. Statt ihre oft völlig veralteten Geschäftsprozesse an die Neuzeit heranzuführen, handeln viele nach dem Motto: Nur nix Neues, bleiben wir schön beim Alten! Ein erschreckendes Beispiel kann das verdeutlichen: Jeder weiß, dass es dank E-Mail, Laptops oder Smartphones im Grunde völlig egal ist, wo der moderne Wissensarbeiter seiner Beschäftigung nachgeht – im Büro oder im Home-Office, im Zug oder im nächsten Café. Aber 
anstatt die Leute wo und wann sie 
wollen, arbeiten zu lassen, verlangen 75 Prozent der deutschen Arbeitgeber, wie eine Studie des IT-Branchenverbands BITKOM unlängst ergab, von allen Mitarbeitern ständige Präsenz. Realität ist: Deutsche Chefs misstrauen ihren Untergebenen. Moderne, ziel- und ergebnisorientierte Führung? Arbeiten in autonomen Teams? Fehlanzeige!

Haniel-Führungskräftetagung - im 
Zeichen des 
digitalen Wandels

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1. Ortswechsel lohnen sich


Zum ersten Mal fand die Haniel-Führungskräftetagung nicht am Duisburger Stammsitz statt, sondern im Sanaa-Gebäude auf Zeche Zollverein in Essen – wo Franz Haniel vor rund 165 Jahren erstmals Fettkohle gefördert hatte. Der Ortswechsel machte sich bezahlt – nie wurde bei einer Haniel-Tagung mehr und offener diskutiert.

Bettina Engel-Albustin / fotoagentur ruhr moers

2. Gebt Gas! 


„90 Tage, länger sollte kein Projekt in einem Unternehmen dauern“: Diese goldene Regel stellte Digitalexperte Tim Cole während seines Vortrags auf. Sonst bestehe die Gefahr, sich zu verzetteln und zu spät zu merken, dass sich die eingeschlagene Richtung nicht auszahlen wird.

 

Bettina Engel-Albustin / fotoagentur ruhr moers

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3. Gute Manager leben ihren Spieltrieb aus


Einer der Programmpunkte beim Leadership Lab war eine Design-Thinking-Session in der Haniel-Digitaleinheit Schacht One. Gemeinsam mit Ahmet Açar von der Berlin School of Digital Business probierten die Teilnehmer die Methode aus – unter anderem mit Lego.

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4. Haniel ist reif für die Digitalisierung 


Gemeinsam mit der Personalberatung Kienbaum hat Haniel die Topmanager vor der Veranstaltung zum Digital-Readiness- Check gebeten. Er gibt Aufschluss darüber, wie es um die digitale Reife der Führungskräfte und ihrer Unternehmen bestellt ist. Das Ergebnis: Fast 70 Prozent der 
Haniel-Manager zählen laut Kienbaum zu den digitalen Experten, knapp zehn Prozent sind sogar Pioniere.

Bettina Engel-Albustin / fotoagentur ruhr moers

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5. Chefs lieben Herausforderungen


Die Chefs entwickeln im stillen Kämmerlein eine Strategie – von dieser Vorgehensweise hat man sich bei Haniel radikal verabschiedet. Während des Leadership Lab stellten die CEOs der Geschäftsbereiche ihre digitalen Agenden zur Diskussion – und die Teilnehmer sparten nicht mit kritischem Feedback. So soll die Digitalstrategie innerhalb der Haniel-Gruppe weiter geschärft werden.

Bettina Engel-Albustin / fotoagentur ruhr moers

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6. Auch von Anfängern kann 
man lernen 


Teil des Leadership Lab war eine Messe mit Start-ups, in die Haniel indirekt über Venture-Capital-Fonds investiert hat, ebenso wie mit Jungunternehmern aus dem von Haniel geförderten Social Impact Lab in Duisburg. Auch Unternehmen, die von METRO und Media-Saturn unterstützt werden, stellten ihre Geschäftsmodelle vor.

Bettina Engel-Albustin / fotoagentur ruhr moers

Einer Studie von Techconsult zufolge kennen zwei Drittel der Manager in deutschen Fertigungsunternehmen den Begriff „Industrie 4.0“ nicht. Lediglich 44 Prozent der im Maschinenbau 
beschäftigten Manager sind sich der Notwendigkeit bewusst, Maschinen, ERP-Systeme, Produkte oder Informationstechnologie miteinander zu vernetzen, im Fahrzeugbau sind es 
sogar nicht mehr als 38 Prozent, in der chemischen Industrie liegt die Zahl bei 22 Prozent. 58 Prozent der Unternehmen in Deutschland haben sich laut einer Studie der Crisp Research AG bisher höchstens theoretisch mit der Digitalisierung ihres Geschäfts beschäftigt. Dabei ist die digitale Transformation Chefsache – und wenn sich der Chef vor der Zukunft verschließt, nützt alle Technik nichts.
 Deutschland steht jetzt am digitalen Scheideweg: Die Gefahr ist tatsächlich groß, dass viele Schwellenländer zu Deutschland aufschließen oder uns sogar überholen.

Deutschland auf dem vorletzten Platz

Besonders besorgniserregend ist der viel zu schleppende Ausbau superschneller Internetverbindungen auf der Basis von Glasfasertechnik. Hier rangiert Deutschland einer Studie der OECD zufolge auf dem vorletzten Platz unter den entwickelten Volkswirtschaften mit einem Erschließungsgrad von gerade einmal 1,1 Prozent. Zum Vergleich: In Südkorea surfen fast 70 Prozent der Bevölkerung mit Highspeed, in Ländern wie Tschechien, Estland oder Schweden sind es immerhin zwischen 30 und 40 Prozent.

In jeder Firma schlummern unfassbare Datenschätze

Kein Zweifel: Es muss etwas passieren, wenn Deutschland nicht als Wirtschaftsstandort in die Bedeutungslosigkeit zurückfallen soll. Dabei wird es besonders darauf ankommen, die Vernetzung in den Unternehmen zu Ende zu führen und die bestehenden Systeme tatsächlich so miteinander zu verbinden, dass Informationen frei und ungehindert fließen können. „The right information at the right place and time“, lautete schon vor Jahren das Firmenmotto von IBM. Was geblieben ist, ist Stückwerk: digitale Inseln, die zwar für sich gesehen ganz gut funktionieren, denen aber die Fähigkeit fehlt, mit anderen Systemen in und außerhalb des eigenen Unternehmens zu kommunizieren. Unternehmen geben Unsummen aus für sogenannte CRM-Systeme, in denen wertvolle Kundeninformationen siloartig angehäuft und verwaltet werden. Nur erfährt 
davon niemand in den anderen Abteilungen: im Vertrieb, in der Produktentwicklung, im Kundendienst oder im Beschwerdemanagment, wo diese Informationen doch dringend benötigt würden. So schlummern in jedem deutschen Unternehmen riesige Datenschätze, die geborgen werden müssen, wenn wir die Wende in Richtung digitaler Transformation hinbekommen wollen.

 


timcole_150x150Tim Cole ist Internetpublizist, Blogger, Moderator und Autor. Sein jüngstes Buch „Digitale Transformation“ ist 2015 im Vahlen-Verlag erschienen. Cole war Speeker beim Haniel-Führungskräftetagung im Sanaa-Gebäude auf Zeche Zollverein in Essen. Mehr über die Tagung lesen Sie im Beitrag „Wieder was gelernt!“