Lernen

Auf den Geschmack gekommen

Autor: Janina Groffmann |
Foto: Bettina Engel-Albustin
Zwei Frauen haben einen guten Einfall, der auch noch soziale Probleme löst. Doch wie wird aus einer Idee ein Geschäftsmodell? Das Social Impact Lab und Haniel-Mitarbeiter Christian Rube helfen.

Sabine Schlüter ist Köchin mit Leib und Seele. Besonders gesunde Ernährung für Kinder liegt ihr am Herzen. An ihrem Arbeitsplatz, einer Kita in Werne, etwa 25 Kilometer nordöstlich von Dortmund, kocht sie deshalb frisch: viel Obst und Gemüse, Bioprodukte, kein Fast Food. „Alle wollen gesundes Essen für die Kinder, aber meist scheitert es an der Umsetzung“, sagt Schlüter. „Dabei ist es so wichtig, gesunde Ernährung und eine ordentliche Esskultur vorzuleben.“ Das ist aber auch viel Arbeit, bei der sie Hilfe gebrauchen kann. Seit 2011 beschäftigt sie geflüchtete Frauen in ihrer Küche. Asylbewerber dürfen im Rahmen einer gemeinnützigen Tätigkeit arbeiten und sich damit etwas dazuverdienen, sofern die Möglichkeit besteht. Yalda Sultan Ahmad ist vor knapp drei Jahren aus Afghanistan nach Deutschland gekommen und fand durch Schlüter eine neue Perspektive. „Es ist ein toller Job, der mir viel Spaß macht“, sagt Sultan Ahmad in fließendem Deutsch.

Sabine Schlüter, „Besser essen verbindet“

"Alle wollen gesundes Essen für die Kinder, aber meist scheitert es an der Umsetzung."

Sabine Schlüter, „Besser essen verbindet“

Das ist auch Schlüters Motivation: „Gerade für Frauen gibt es noch recht wenig Beschäftigungsmöglichkeiten. Dabei ist es für sie eine Bereicherung. Sie freuen sich über jeden Arbeitstag“, meint Schlüter. Gleichzeitig ist es der Einstieg in den Arbeitsmarkt: Sultan Ahmad hat bereits einen Praktikumsplatz gefunden. Das Modell überzeugte auch Annette Jagst. Die Volkswirtin lernte Schlüter über eine gemeinsame Freundin kennen. So entstand die Idee, aus dem, was in Werne im Kleinen funktioniert, etwas Großes zu machen. „Besser essen verbindet“ koppelt frisches Bio-Essen für Kinder mit der Integration von geflüchteten Frauen in Kita- und Schulküchen – und zwar zu den gleichen Kosten wie ein Caterer. Die Idee hat Potenzial: Durch das Integrationsgesetz können seit August 100.000 Arbeitsgelegenheiten für Flüchtlinge geschaffen werden. Und auch die Ganztagsbetreuung in Kitas und Schulen in Nordrhein-Westfalen soll in den nächsten Jahren massiv ausgebaut werden.

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Gesundes Essen ist wichtig, gerade für Kinder. Schwer nachvollziehbar, warum es in so vielen Fällen scheitert.

Unzählige Fragen – dann kam das Social Impact Lab

Doch wie macht man aus einem historisch gewachsenen Modell ein Start-up? Schlüter kannte sich mit Schulverpflegung aus, Jagst mit den kaufmännischen Aspekten, aber Unternehmertum war für beide Neuland. Sie standen vor unzähligen Fragen: Welche Unternehmensform ist die beste? Wie bietet man das Konzept den Schulen an? Hilfe fanden Schlüter und Jagst im Social Impact Lab Duisburg. Gründer, die mit ihrer Idee nicht nur wirtschaftlich erfolgreich sein wollen, sondern auch gesellschaftliche oder ökologische Probleme lösen, können hier an ihrem Geschäftsmodell arbeiten, sich austauschen und vernetzen. Das Lab bietet zwei Stipendien-Programme an, die jeweils über acht Monate laufen und neben einem Raum zum Arbeiten auch Qualifizierungsangebote beinhalten. So lernen die Gründer etwa, wie sie ein nachhaltiges Geschäftsmodell entwickeln, ihre Leistungen vermarkten und Investoren finden. „Mir ist durch das Lab erst richtig klargeworden, was soziales Unternehmertum bedeutet und was man alles machen kann“, sagt Jagst.

Christian Rube, Haniel

"Das Spannende am Mentoring ist es, andere Themen kennenzulernen."

Christian Rube, Haniel

Um in Duisburg das erste Social Impact Lab in Nordrhein-Westfalen zu etablieren, hat sich Haniel mit der KfW Stiftung und der Prof. Otto Beisheim Stiftung zusammengetan. „Im Ruhrgebiet liegen Langzeitarbeitslosigkeit und Zuwanderung über dem Bundesdurchschnitt. Gleichzeitig leben hier, nicht zuletzt durch die zahlreichen Fachhochschulen und Universitäten, viele gut ausgebildete und sozial motivierte Menschen, die in ihrer Region etwas bewegen und neue Wege gehen möchten“, sagt Norbert Kunz, Geschäftsführer der Social Impact GmbH aus Berlin, die neben dem Lab in Duisburg noch fünf weitere Standorte in Deutschland betreibt. Hier schließt das Social Impact Lab eine Lücke, denn soziale Gründer haben oft keinen Zugang zur herkömmlichen Gründungsförderung. Jagst und Schlüter waren eines der ersten Teams im Lab, als sie im Oktober 2015 starteten. Um regelmäßig vor Ort sein zu können, reduzierte Jagst ihren Job in der Personalabteilung der METRO GROUP auf 80 Prozent, Schlüter setzte sich nachmittags nach der Arbeit in der Schulküche ins Auto und fuhr die 100 Kilometer nach Duisburg. Ein straffes Programm, das beide aber gerne auf sich nahmen: „Ich wollte immer ein Projekt entwickeln, das sinnvoll ist und mich ausfüllt“, begründet Jagst ihre Motivation.

Keiner sagt einem Gründer, was man machen soll

Auch Christian Rube unterstützt das Projekt begeistert. Er arbeitet in der Finanzabteilung von Haniel, und als er vom Social Impact Lab hörte, wollte er sich sofort engagieren – als Mentor. „Die Idee von ‚Besser essen verbindet‘ fand ich besonders interessant, da ich das Problem mit dem Essen in der Ganztagsbetreuung von Elternabenden selbst kenne.“ Und inhaltliches Interesse am Projekt – da sind sich alle drei einig – ist neben Offenheit und persönlicher Sympathie für Mentoren die wichtigste Kompetenz. Im Schnitt treffen sich Rube, Jagst und Schlüter einmal in der Woche. Gemeinsam haben sie sich durch den Business-Plan gearbeitet und offene Punkte diskutiert, die Preisgestaltung definiert und einen wichtigen Pitch vorbereitet. Nur Finanzierung war bisher kein echtes Thema. „Es ist ja gerade das spannende am Mentoring, andere Themen und Arbeitsweisen kennenzulernen. Ziel ist es, die Gründungsidee zu reflektieren, Fragen zu stellen und Impulsgeber zu sein“, sagt Rube. So sieht das auch Jagst: „Als Gründer sagt einem ja keiner, was man machen soll. Man muss selbst Entscheidungen treffen. Das erfordert auch, immer wieder zu reflektieren und zu fragen: Mache ich hier gerade das Richtige? Es ist super, wenn man sich da einfach mal austauschen kann.“

Annette Jagst, „Besser essen verbindet“

"Durch das Lab wurde mir erst klar, was soziales Unternehmertum bedeutet."

Annette Jagst, „Besser essen verbindet“

Lange arbeiteten Schlüter und Jagst parallel an ihrem Verpflegungs- und Integrationskonzept. „Die größte Herausforderung war, die ganzen Bestandteile – Küche und Ernährungsbildung auf der einen Seite, Integration und Frauenförderung auf der anderen Seite – auseinanderzunehmen und neu zusammenzusetzen“, erinnert sich Jagst. Gemeinsam mit Rube entschieden sie deshalb, beide Bereiche organisatorisch zu trennen. Doch damit kam die nächste Herausforderung: Welche Unternehmensstruktur wählen? „Wir haben uns in total komplexen Modellen mit Mutter- und Tochterfirmen verstrickt.“ Erst als Rube sie mit einem Kollegen aus der Haniel-Steuerabteilung zusammenbrachte, platzte der Knoten: „Wir gründen nun einen Verein, der sich erst mal um die Integration der Frauen in bestehenden Schulküchen kümmert.“

Franchisemodell als Königsweg

Gut betreut: Im Austausch mit ihrem Mentor Christian Rube von Haniel konnten Annette Jagst (links) und Sabine Schlüter (rechts) herausarbeiten, wie aus einer Idee ein Geschäftsmodell wird.

So können die beiden sofort damit anfangen, geflüchteten Frauen eine Berufsperspektive zu verschaffen, auch wenn ihr Verpflegungskonzept noch nicht fertig ist. Das Modell des Vereins sieht vor, die Praxis in der Küche mit Fach- und Sprachtrainings zu koppeln. Am Ende bekommen die geflüchteten Frauen ein Zertifikat und ein Arbeitszeugnis. Damit können sie sich weiter bewerben. Das Verpflegungskonzept wird als Franchise-Modell organisiert, das den Schulen individuell alle Informationen an die Hand gibt, um frische Küche umzusetzen: Rezepte, Personalplanung und Finanzierung. „Da das Franchisemodell eine nicht gemeinnützige Unternehmensform hat, können wir besser skalieren und sind auch für Investoren attraktiver“, erklärt Jagst. Das Stipendium im Social Impact Lab ist Ende Mai ausgelaufen, und die beiden Gründerinnen haben einiges gelernt: „Aus den Workshops haben wir viel mitgenommen, aber das Lab hat uns vor allem dabei geholfen, ein Netzwerk aufzubauen und von den anderen Teams zu lernen“, sagt Jagst. Die Gründerinnen können erst mal weiter im Lab arbeiten: „Wir haben viel vor und sind zuversichtlich.“ Auch Christian Rube ist weiter dabei: „Ich habe viel über Gründungen gelernt. Der enge Austausch mit dem Team bringt auch für meine Arbeit bei Haniel neue Impulse. Deshalb möchte ich das Projekt auch in Zukunft weiter begleiten.“

 


Facts & Figures

Das Social Impact Lab Duisburg unterstützt Sozialunternehmer mit einem achtmonatigen Förderprogramm bei Entwicklung und Umsetzung ihrer Geschäftsidee. Ziel des Projekts ist es, durch den Aufbau eines regionalen Netzwerks und eines umfangreichen Veranstaltungs- und Qualifizierungsangebots die Rahmen­bedingungen für die Entwicklung sozialer Innovationen in der Region Rhein-Ruhr nachhaltig zu verbessern. Interessierte können sich mit ihrem Gründungsvorhaben bewerben, alle drei Monate werden neue Teams in einem öffentlichen Pitch ausgewählt. Initiiert wurde das Lab von Haniel, der KfW Stiftung und der Prof. Otto Beisheim Stiftung sowie der Social Impact gGmbH.