Lernen

Gut unterrichtete Kreise

Autor: Ada Pellert |
Foto: Veit Mette (Portrait)
Klassische Bildung hat nicht ausgedient. Wir müssen aber neu definieren, was unser Bildungsideal sein sollte.

„Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtanalyse schreiben. In vier Sprachen.“ Diese Sätze schickte die Schülerin Naina Anfang 2015 über Twitter hinaus in die Welt. Der Tweet löste in Deutschland eine große Debatte darüber aus, was junge Erwachsene in Schulen und Universitäten lernen sollen. Und darüber, was eigentlich gute Bildung ist: Geht es um Persönlichkeitsentwicklung oder um Wissenserwerb? Um die Vorbereitung auf den Berufsalltag oder theoretisches
Wissen?

Darauf gibt es eine klare Antwort: Es geht um all diese Punkte. Obwohl manch einer meint, Bildungsinstitutionen müssten sich heute mehr denn je auf die Vermittlung praktischer Fähigkeiten konzentrieren. Schließlich mache das Internet jederzeit Informationen zu allen denkbaren Themen zugänglich. Doch gerade die ständige Verfügbarkeit von Wissen und Informationen macht es erforderlich, die Umsetzung des immer noch gleichen Bildungsideals an die Zeit anzupassen.

"Bildung sollte die Kompetenz vermitteln, sich mit Neuem vertraut zu machen."

Ada Pellert

Bei klassischer Bildung ging es nie nur darum, sich möglichst viel Wissen anzueignen. Sondern auch darum, zu analysieren, diskursfähig zu sein und zu reflektieren. Stellt man diese klassischen Ansprüche an Bildung der heutigen gesellschaftlichen Situation gegenüber, so scheinen sie aktueller denn je zu sein: Sowohl Schüler als auch Studenten müssen lernen, mit der Informationsflut, die täglich über sie hinwegrollt, zurechtzukommen. Der Auftrag von Bildungsinstitutionen ist es deshalb, die mit der Digitalisierung einhergehenden neuen Möglichkeiten gezielt in den Unterricht einzubinden. Dennoch geht es bei der Definition eines modernen Bildungsideals nicht primär darum, Lehrpläne einer Grundüberholung zu unterziehen oder zwingend neue Fächer einzuführen. Schulen und Universitäten können gar nicht ausschließlich auf das spätere Berufsleben vorbereiten – weil heute noch gar nicht klar ist, welche Berufe es in Zukunft eigentlich (noch) gibt und welche Anforderungen sie an diejenigen stellen, die sie ausüben. Was Bildungsinstitutionen deshalb vermitteln müssen, ist die Kompetenz, sich mit Neuem vertraut zu machen.

Prozesse sind entscheidend, nicht Inhalte

Die Forderung nach vermeintlich realitätsnäheren Lerninhalten ist verständlich. Letztlich müssen aber nicht Lerninhalte verändert werden, sondern vor allem die Lernprozesse. Um erfolgreich zu lernen, brauchen Menschen einen emotionalen Anker, um das Gehörte verarbeiten zu können. Sie lernen dann besonders gut, wenn sie ein Thema mit ihrem eigenen Leben und ihren eigenen Erfahrungen verknüpfen können. Das gilt für ein Gedicht von Brecht ebenso wie für Grundlagenwissen über Steuererklärungen. Gerade in der Schule lernen aber viele Jugendliche immer wieder Dinge, bei denen sie zu Recht fragen: „Und was hat das jetzt mit mir zu tun?“ – Diese Frage immer wieder zu beantworten ist Aufgabe der Bildungsinstitutionen. Dann kann die Analyse eines Brecht-Gedichts für das Leben eines Schülers im Endeffekt genauso wertvoll sein wie ein Vortrag über Steuern, Miete und Versicherungen.


gastbeitrag_pellert_150x150Ada Pellert ist Wirtschaftswissenschaftlerin und Rektorin der Fernuniversität in Hagen. Sie plädiert dafür, die Lernprozesse zu optimieren. Dann könne auch eine Gedichtanalyse durchaus wertvoll sein.