Lernen

Marwa macht Mut – vom Flüchtling zum Lehrer

Autor: Alexandra Hildebrand |
Foto: Albrecht Fuchs
Ihre Eltern flohen vor dem Krieg nach Deutschland. Hier kämpfte sich Marwa Hussein bis zum Abitur und sah die Lücken im Bildungssystem. Deswegen setzt sie sich heute mit dem Verein Chancenwerk für Kinder aus benachteiligten Familien ein und organisiert Nachhilfe für sie.

Wenn Marwa Hussein an die Probleme vieler Schüler aus sozial schwachen Familien denkt, bildet sich eine Zornesfalte zwischen ihren großen braunen Augen: „Es darf einfach nicht sein, dass nur Kinder wohlhabender Eltern eine ordentliche Bildung bekommen“, sagt die 23-Jährige. Aus dieser Überzeugung engagiert sie sich in Duisburg bei Chancenwerk, einem gemeinnützigen Verein, der von der Haniel Stiftung gefördert wird und jedem Schüler Nachhilfe zugänglich macht. Ausgerechnet Marwa Hussein. Ihre Mutter war vier Jahre alt, als sie 1976 vor dem Bürgerkrieg im Libanon nach Deutschland flüchtete. Schnell lernte sie Deutsch und fand Freunde. Zu ihrem Unglück wurde sie nach drei Jahren ausgewiesen, da ihre Heimat wieder als sicher galt. Bald spitzten sich die politischen Unruhen im Libanon aber wieder zu, sodass die Familie zehn Jahre später erneut nach Deutschland flüchtete – diesmal mit der Berechtigung zu bleiben.

Die Kinder sollen einen guten Abschluss machen

„Dieses Hin und Her führte dazu, dass meine Mutter länger brauchte, um Fuß zu fassen“, erzählt Marwa Hussein. Eine tragische Entwicklung nahm ihren Lauf: Von den Mitschülern wegen ihrer Herkunft gehänselt, verlor die begabte Schülerin die Lust am Lernen. Und weil sie mit ihren Problemen allein dastand, gab sie die Schule bald auf und damit ihren Traum zu studieren. Für Husseins Vater, ebenfalls ein Flüchtling aus dem Libanon, kam ein Studium schon finanziell nie infrage. Ihren Kindern wünschten sich Husseins Eltern etwas anderes: Sie sollten einen guten Abschluss machen und die Möglichkeit bekommen, auf die Universität zu gehen – mit Erfolg: Husseins Schwester studiert Rehabilitationspädagogik, ihr Bruder ist angehender In­formatiker. Der jüngste Bruder macht gerade sein Abitur.

Marwa hatte etwas, was anderen fehlt: einen Traum

„Meine Eltern wollten immer, dass wir Kinder das erreichen, was ihnen verwehrt blieb. Sie haben uns immer wieder vor Augen gehalten, wie wichtig Bildung ist“, sagt Hussein und lacht. Ihre Eltern scheinen energisch, aber liebevoll gewesen zu sein. Marwa Hussein hatte dadurch etwas, das Kindern aus sozial schwachen Familien oft fehlt: einen Traum – und den nötigen Willen, dafür zu kämpfen, damit er sich erfüllt. Deshalb war sie ehrgeizig und fleißig in der Schule; doch um ein gutes Abitur zu machen und nachher freie Studienwahl zu haben, brauchte auch sie in der Oberstufe Nachhilfe. „Das war eine ziemlich teure Angelegenheit“, erinnert sie sich. Und nur möglich, weil ihre Eltern es sich leisten konnten: Husseins Mutter ist als Köchin bei der Stadt Duisburg angestellt, und ihr Vater betreibt einen Antikwarenhandel. Manche Mitschüler hatten nicht so viel Glück und fielen zurück.

Marwa Hussein

"Als ich gemerkt habe, dass ich diese Schüler motivieren kann - das ist wie ein Werk, das man erschaffen hat."

Marwa Hussein

Die Ursachen für die mangelnde Chancengleichheit sieht sie zu großen Teilen im Schulsystem: „Die Lehrer stehen selbst unter Druck. Sie müssen dem Stoff, der im Lehrplan steht, strikt folgen, da ist es unmöglich, auf Einzelne einzugehen. Wer es nicht schafft, wird auf weniger anspruchsvolle Schulformen abgeschoben. Das ist ein völlig falscher Ansatz, und ich bin froh, mit meinem Job etwas dagegen tun zu können“, sagt sie. Nachdem Marwa ihr Abitur bestanden hatte und tatsächlich begann, Soziologie zu studieren, fragte eine ehemalige Lehrerin, ob sie nicht selbst Nachhilfe geben wollte.

Nun konnte sie selbst andere Kinder unterstützen

Marwa war immer sehr gut in Deutsch, und Chancenwerk baute an der Schule gerade ein Nachhilfeprogramm auf. Marwa war sofort Feuer und Flamme. Nun konnte sie, die vor Kurzem noch selbst von Anschubhilfe profitiert hatte, jüngere Schüler unterstützen. Genau nach diesem Prinzip funktioniert das System des Vereins Chancenwerk: Studenten helfen älteren Schülern. Schwache Schüler profitieren dabei nicht nur vom Wissen der Studenten. Sie sollen wiederum Jüngeren Wissen weitergeben. „Wer als Zehntklässler Probleme in Mathe hat, kann ja trotzdem einem Fünftklässler in Englisch auf die Sprünge helfen“, sagt Marwa. Nebeneffekt: Indem die schwachen Schüler Verantwortung übernehmen, gewinnen sie Selbstvertrauen. Gerade für Kinder mit wenig Rückhalt in der eigenen Familie kann solch eine Erfahrung Gold wert sein. Auf einmal wollen sie wieder zeigen, was sie können.

Es kostet Kraft, aber am Ende lohnt es sich

Auch Marwa Hussein profitierte: „Als ich gemerkt habe, dass ich diese Schüler so motivieren konnte, dass sie Spaß am Lernen fanden und stolz auf sich waren, wenn sie Aufgaben gelöst hatten – das ist wie ein Werk, das man erschaffen hat“, erzählt sie strahlend. Erst leitete sie neben ihrem Studium einen Deutsch-Intensivkurs, dann übernahm sie die Koordination der Kurse. Seit Juni arbeitet sie als pädagogische Koordinatorin für Chancenwerk. Wie sehr die Arbeit von Chancenwerk Jugendlichen aus bildungsfernen Familien hilft, hat sich herumgesprochen – an 52 Schulen in ganz Deutschland ist der Verein mittlerweile tätig. Natürlich kann Chancenwerk das Deutsche Bildungssystem nicht neu erfinden, aber es deckt seine Lücken auf und tut sein Bestes, damit diese den schwachen Schülern nicht zum Verhängnis werden. „Oft setzen sich die Schüler einfach neben die Steine, die ihnen in den Weg gelegt wurden, und finden sich damit ab, dass sie hier wohl nicht weiterkommen. Wer aber wirklich diesen Weg gehen will, muss die Steine wegschaffen. Das kostet Kraft, aber am Ende lohnt es sich“, sagt Hussein mit energischer Stimme. Ihr eigener Weg ist der beste Beweis.


Junge Menschen gemeinsam stärken

Haniel liegt es am Herzen, Verantwortung für die soziale Entwicklung am Firmenstandort zu übernehmen. So gründete das Unternehmen 2010 das Ko­operationsprojekt „Bildung als Chance“, um die Perspektiven von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen zu verbessern. Seit 2013 leitet die Haniel Stiftung das Projekt und entwickelt es stetig fort. Unter dem Dach von „Bildung als Chance“ haben sich die Sozialunternehmen Chancenwerk e. V., apeiros und Teach First zusammengeschlossen. Nach dem Motto „Gemeinsam erreicht man mehr“ verzahnen die Unternehmen ihre Arbeit, um Bildungsbar­rieren abzubauen und auch schwächeren Schülern den Weg in eine erfolgreiche berufliche Zukunft zu ebnen. Mittlerweile ist das Projekt an 23 Duisburger Schulen aktiv. Das Ziel ist, alle städtischen Schulen zu erreichen. Dabei verfolgen die Partner dasselbe Ziel, gehen aber völlig verschiedene Wege. Teach First stellt Schulen Hochschulabsolventen als pädagogische Unterstützung zur Seite, apeiros gliedert Schulverweigerer wieder in den Unterrichtsalltag ein, und Chancenwerk bietet Schülern aus finanziell schwächeren Familien Zugang zu qualifizierter Nachhilfe. Das Ineinandergreifen dieser Zahnräder ermöglicht nachhaltige Erfolge und bietet Schülern eine optimale Förderung.

Mehr Infos: haniel-stiftung.de/bildungschancen