Lernen

Nach Neuland? Bitte hier entlang!

Autor: Maximilian Gaub
Programmieren, innovieren, kollaborieren: Wer den digitalen Wandel stemmen will, braucht neue Fähigkeiten. Doch Deutschlands Schulen und Hochschulen ver­mitteln diese Skills bisher kaum.

So etwas wie Müll existiert nicht. Jedes Ding, jedes Zeug, jeder Rest kann eine neue Funktion erhalten, erklärt der Moderator und kündigt an: „Heute werden wir etwas erfinden – etwas, das ein Problem löst, etwas, das ihr wichtig findet.“ Vor ihm sitzen 30 Kinder auf hoch aufgetürmten Kissenquadern. Eines der Kinder meldet sich, spricht von „Plastikverpackung“ und dass diese eine Quelle für Öl sei. Es entsteht eine Diskussion über die Herausforderung, wie man Kunststoff einsammeln könnte. Und wo. Schließlich setzen sich Mädchen und Jungs an Tische – und beginnen, eigene Lösungen zu skizzieren. Emer Beamer erinnert sich gut an dieses Event, damals, 2014. Die 46-Jährige ist Gründerin dieser Designathon Works: Kreativkurse für Kinder zwischen acht und zwölf Jahren, bei denen die Schüler unter pädagogischer Anleitung versuchen, gesellschaftliche Fragen der Zukunft prototypisierend zu beantworten. Die weltweite Premiere fand vor zwei Jahren in fünf Städten auf drei Kontinenten statt, im November 2016 folgt Episode zwei, dazwischen veranstalteten Kollegen auch nationale Versionen – unter anderem in Deutschland. „Wir vermitteln Skills des 21. Jahrhunderts“, sagt Beamer.

Wer den Umgang mit digitalen Technologien lernt, blickt gelassen in die Zukunft

Wer den Umgang mit digitalen Technologien lernt, blickt gelassen in die Zukunft.

Der Wandel kommt, fordert neue Fähigkeiten – aber nur Einzelne reagieren

Ein Jahrhundert, in dem sich viel geändert hat – und noch mehr wandeln wird. Maschinen übernehmen zunehmend menschliche Arbeit, sowohl körper­liche als auch geistige: Algorithmen beginnen, Flugzeuge zu landen, als Chat-Bots auf Kundenanfragen zu antworten oder in Kran­kenhäusern zu operieren. Laut einer Studie der Oxford-Universität erledigt Kollege Roboter bald fast die Hälfte der Jobs in den USA. „Digitalen Darwinismus“ nennt das die Bertelsmann Stiftung in ihrem Papier „2050: Die Zukunft der Arbeit„. Was bleibt dem Menschen dann? „Kreative Tätigkeiten, die voraussehbar nicht maschinell substituierbar sind“, prognostiziert die Universität St. Gallen in ihrer Studie Arbeit 4.0: Megatrends digi­taler Arbeit der Zukunft. Und Emer Beamer antwortet: „Innovation und Kollaboration“. Das neue Zeitalter will neue, berufsunabhängige Kompetenzen. Doch diese Fähigkeiten vermitteln Schulen und Universitäten in Deutschland bislang nicht flächendeckend, maximal diffus. Es sind zunehmend Unternehmer und vereinzelt engagierte Eltern oder Erzieher, die diese neue Lehre anbieten. Dazu gehören vernetztes Arbeiten und Programmiersprache ebenso wie Me­dienkompetenz, Unternehmertum und Resilienz – die Fähigkeit, nach Niederlagen aufzustehen und eine neue Idee anzugehen.

Programmieren: Ohne diese Sprache kann man in Zukunft nichts kreieren

Eine dieser Unternehmerinnen ist Verena Pausder. Im Februar startete die 37-Jährige die Digitalwerkstatt in Berlin. Eine Einrichtung, in der heute über 800 Kinder zwischen fünf und 14 Jahren Woche für Woche neben der Schule den kreativen Umgang mit Code, Robotern oder Smartphones üben. Sie steuern über ein selbst erstelltes Programm eine virtuelle Katze, verbinden eigens gebastelte Fantasiewesen aus Recycling-Material mit digitalen Steuerungen und drehen Animationsfilme – mit Plastikspielfiguren, Papierdrehbuch und Fotos via iPad. Warum ist dabei Programmieren relevant? „Es ist die Sprache, die jeden befähigt, digital Produkte zu entwickeln“, sagt Pausder. Die Fertigkeit, in diesem Neuland zu kommunizieren: „In der digitalen Welt bringt es wenig, wenn du Deutsch oder Englisch sprichst“, erläutert sie. „Damit kannst du dort nichts kreieren.“

Bildungshysterie: Programmieren wird überschätzt

Ralf Lankau hingegen hält Programmieren für überschätzt – sogar für gefährlich. Der Professor für Me­diengestaltung und -theorie an der Hochschule Offenburg argumentiert: „Programmieren zerstört das freie, assoziative Denken bei Kindern, zerstört die Fantasie.“ Seine Argumentation: Programmiersprachen und ihre vorgegebenen Muster engen den jungen Verstand ein. „Dabei denkt der Mensch bunter, vielfältiger, intuitiver, in Bildern.“  Stattdessen plädiert Lankau für mehr Mathematik und Ästhetik – und eine tiefere Besinnung auf ursprüngliche soziale, logische und körperliche Kompetenzen. Zudem rät er zu mehr Gestaltungsunterricht, „malen, modellieren, musizieren“ – Fertigkeiten, unabhängig von Computern, Bildschirmen und deren neuesten Entwicklungen. Sein Vorschlag, analog zur Verkehrs­erziehung: „die Kinder langsam und altersgemäß an digitale Technologie her­anführen“.

Außer auf digitale Kompetenzen könnte es mehr denn je auch auf Fähigkeiten wie Malen, Modellieren oder Musizieren ankommen

Außer auf digitale Kompetenzen könnte es mehr denn je auch auf Fähigkeiten wie Malen, Modellieren oder Musizieren ankommen.

Unternehmertum: Neue Jobs entstehen durch Start-ups

Kinder an digitale Technologie her­anführen – daran arbeitet auch Hauke Schwiezer. Der 39-Jährige ist Geschäftsführer von Startup Teens. 160 Unternehmen unterstützen diese Ini­tiative, die junge Menschen zwischen 14 und 19 seit 2015 ermutigt und es ihnen ermöglicht, eigene Ideen in Geschäftsmodelle umzusetzen. 150 Teams haben im ersten Jahr mitgemacht, im Juni haben die Macher sechs Sieger mit Geld plus Mentorenprogramm belohnt. Gewonnen haben unter anderem ein Kaffeebecher, der über Emojis die Temperatur des Inhalts kommuniziert, schallschluckende Fenster oder ein lokales Daten­sicherungssystem. Runde zwei beginnt diesen Oktober. „Neue Jobs entstehen durch Start-ups“, erläutert Schwiezer – und verweist auf zwei jüngere Untersuchungen. Nummer eins: 75 Prozent der neuen Arbeitsplätze entstehen in den USA in Unternehmen, die maximal zehn Jahre alt sind. Nummer zwei: In Deutschland gründen aktuell zwei Prozent der Unter-35-Jährigen. Der europäi­sche Durchschnitt: fünf Prozent. „Die großen Gründungen in den letzten Jahrzehnten fanden außerhalb Deutschlands statt.“

Haltung: Es geht um eine neue Offenheit

Eine dritte Unternehmerin ist Tina Burkhardt. Die 38-Jährige hat 2015 mit ihrem Ehemann Tobias die Shiftschool gegründet, eine Akademie für den digitalen Wandel, die 18 Monate lang Skills und Methoden vermittelt, „die du sofort im Job anwenden kannst“. Und die ihren Lehrplan beginnt mit: Mindset für Gestalter der digitalen Transformation. „Es geht um eine neue Haltung, eine neue Offenheit“, sagt Burkhardt. Offenheit für die eigene Veränderung. „Wer bin ich? Was kann ich? Welche Werte sind mir wichtig?“, präzisiert Burkhardt. Und: Offenheit für lebenslanges Lernen.

Mangel an Zukunftsskills: mehr elitäre Bildungsghettos

Was aber geschieht in einem Land, das die Bildung der Zukunft weiterhin Unternehmern und vereinzelten Eltern und Lehrern überlässt? „Die Elite kann bald auch noch programmieren, die gehobenen Bildungsghettos und deren Abstand zum Rest werden größer“, prophezeit Verena Pausder. „Wir werden Wettbewerbsfähigkeit verlieren – und damit Arbeitsplätze und Wohlstand“, konstatiert Hauke Schwiezer. Und Emer Beamer prognostiziert: „Mangelndes technologisches Verständnis kann zu unbegründeter Angst vor etwas Unbekanntem führen.“ Neue technologische und reanimierte menschliche Fähigkeiten werden also wichtiger. Neben dem Wissen um die Funktionen von Maschinen, die Fähigkeiten zum Gestalten – und Tugenden wie der des ehrbaren Kaufmanns, Verbindlichkeit, Haltung und Persönlichkeit, wie alle Interviewten antworten. John Erpenbeck geht das nicht weit genug.

Ein grundsätzlicher Ansatz: Kompetenz statt Wissen

Der Wissenschaftler und Co-Autor des Buchs „Stoppt die Kompetenz­katastrophe – Wege in eine neue Bildungswelt“ (2016) fordert die Abkehr von einer Wissens- und die Hinwendung zu einer Kompetenzgesellschaft. Für eine ungewisse, sich rasend ändernde digitale Zukunft benötigten Menschen Kompetenzen per se – also „die menschliche Fähigkeit, in offenen Situationen selbstorganisiert und kreativ zu handeln“, wie es der 74-Jährige definiert. Diese geistig flexible und nachhaltige Nutzung von Wissen aber lehrten Schulen, Hochschulen und Weiterbilder kaum. Stattdessen vermitteln die meisten Informa­tion in einer äußerst ungesund anmutenden Logik: Lernende nehmen die Daten schnell auf, erbrechen sie zur Prüfung und vergessen sie anschließend.

Selbst ist der Lernende: Neue Bildungskonzepte zur Technik­ver­mittlung setzen zunehmend auf Praxisbezug

Selbst ist der
Lernende: Neue
Bildungskonzepte
zur Technik­ver­mittlung setzen zunehmend auf Praxisbezug.

Das Ziel: das Abteilungsdenken abschaffen

Nötig werden könnte in Zukunft vor allem also eine neue Art des Lehrens. „Eine Ermöglichungsdidaktik“, wie Erpenbeck sein Modell nennt. Und das er am Beispiel eines Universitätsunterrichts zu Softwaretechnik erläutert, bei dem sich die Teilnehmer in Gruppen von Beginn an ihr Wissen zur App-Entwicklung selbst erarbeiten – und somit kompetent werden. Eine neue Art zu lehren, zu lernen, zu denken wird also wichtiger. Die Hochschule Coburg hat dieses Credo in einen eigenen Masterstudiengang „Zukunftsdesign“ übersetzt. Seit März 2016 eignen sich hier Studenten fächer­übergreifende Methoden an, innovativ zu denken und zu handeln. Das Ziel: in der Arbeitswelt von morgen das Abteilungsdenken abzuschaffen – und die Chance zu erhöhen, selbst ein alles veränderndes Geschäftsmodell auf den Markt zu bringen. Eines, das die Herausforderungen der Zukunft meistert. Die innovierenden Kinder beim De­sign­athon von Emer Beamer haben aus den ersten Ideen und Skizzen inzwischen Prototypen erstellt. Darunter einen Roboter, der Müll einsammelt und in Treibstoff umwandelt. Oder ein Boot, das per Fernsteuerung Plastik aus dem Meer fischt. Schließlich stellt eine Gruppe ein Gerät vor, das Plastikmüll in Ziegelsteine umwandelt, um daraus Häuser zu bauen – eine Idee, die 2016 ein neuseeländisches Unternehmen in die Tat umsetzt.


enkelfaehig_autor_maximilian_gaubMaximilian Gaub, 1975 geboren, Halbzeit-Alleinerzieher, zwei Söhne, Schlauchbootfahrer, Fußballer, Gamer, Nerd, Autor, Dozent, Medienmarkenmacher, Learning Designer. Auf seinem Blog World of Mencraft will er herausfinden: Welche berufsunabhängigen Kompetenzen brauchen Kinder in einer digitalen Zukunft? Und wie lernen sie diese am besten?