Lernen

Raus aus der Falle

Autor: Philipp Mattheis / Illustration: Mikel Jaso
Nach einem Wachstumsschub landen viele Schwellenländer in der "Middle Income Trap". Das Muster ist jedes Mal das gleiche, die Lösung auch: freie Bildung.

I. VOR DER FALLE

Shenzhen, eine 13-Millionen-Stadt in Südchina, ist heute so etwas wie das Silicon Valley Chinas. Hier haben Hightech-Unternehmen wie der Drohnenbauer DJI oder Huawei ihren Sitz. 1980 lebten hier noch ein paar Tausend Reisbauern und Fischer, auf Dritte-Welt-Niveau. Dann errichtete Staatsführer Deng Xiaoping mit den Worten „Lasst den Westwind herein. Reichtum ist ruhmvoll“ Chinas erste Sonderwirtschaftszone. Unternehmen, zunächst aus dem nahe gelegenen Hongkong, dann aus der ganzen Welt, kamen nach Shenzhen, um chinesische Arbeiter zu beschäftigen – denn deren Löhne waren unschlagbar niedrig. In China begann ein historisch einmaliger Boom. Marktwirtschaftliche Reformen machten aus dem ganzen Land eine Sonderwirtschaftszone. Aus rund 300 Millionen Bauern wurden Wanderarbeiter, billige Arbeitskräfte, die Turnschuhe für Adidas nähten und iPhones zusammenschraubten. Da die Handgriffe simpel sind, reichte deren rudimentäre Schulbildung – so gut wie jeder konnte diese Arbeit erledigen. Die Wirtschaft Chinas wuchs in dieser Zeit um fast zehn Prozent im Jahr.

II. DER BOOM BEGINNT

Chinas Boom mag in seinen Ausmaßen und Folgen für die Welt einmalig sein. Das Muster ist aber nahezu überall auf der Welt dasselbe: Reiche Länder erfinden Produkte, arme Länder haben billige Arbeitskräfte, um sie zu bauen. So war es auch in der Türkei 2001. Das Durchschnittseinkommen der Türken lag damals bei 4.000 US-Dollar im Jahr – knapp über Dritte-Welt-Niveau. Nach dem Wahlsieg führte die AKP ein Reformprogramm durch, das auf Empfehlungen des Internationalen Währungsfonds beruhte. Viele Textil-, Bau- und Maschinenunternehmen eröffneten Fabriken. In dieser Phase sank die Arbeitslosigkeit, das Wirtschaftswachstum erreichte fast zweistellige Wachstumsraten, auch die Einkommen der Arbeiter stiegen. Die Wohlstandsspirale setzte ein, denn Wachstum zieht noch mehr Investitionen aus dem Ausland an.

III. DER WOHLSTAND STEIGT

2010 dauerte eine Zugfahrt von Peking nach Shanghai 16 Stunden. Heute legt ein steriler Hochgeschwindigkeitszug mit 300 Stundenkilometern die 1.200 Kilometer in fünf Stunden zurück. Adrette Stewardessen bedienen den Fahrgast. Peking hat innerhalb weniger Jahre das ganze Land mit einem Hochgeschwindigkeitsnetz überzogen. Ähnliches geschah in den Nullerjahren in der Türkei: Im ganzen Land wurden Straßen, Flughäfen, Dämme und Krankenhäuser errichtet. Über Probleme sprach in dieser Phase niemand: Der steigende Lebensstandard wurde durch die höheren Löhne der Arbeiter finanziert. In China ist der Lohnzuwachs sogar staatlich verordnet. Je nach Provinz verschieden, müssen die Löhne im Schnitt zehn Prozent im Jahr steigen. Heute verdient ein Fabrikarbeiter knapp 55.000 Yuan im Jahr, rund 8.200 US-Dollar. In der Türkei hat sich das BIP pro Kopf verdreifacht.

IV. DIE FALLE SCHNAPPT ZU

Die Weltbank definiert die Falle des mittleren Einkommens bei einem Pro-Kopf-Einkommen zwischen 10.000 und 12.000 US-Dollar im Jahr. Für Unternehmen bedeutet das: Die Gründe, weshalb sie einst in dieses Land gekommen sind, haben sich verflüchtigt. Arme Länder haben Arbeitskräfte, reiche Länder Innovationen. Länder in der Mitte haben nichts von beidem. Das lässt sich gerade gut in China beobachten: Viele Textilhersteller ziehen jetzt weiter nach Vietnam, Bangladesch oder Myanmar. Dort liegt das Lohnniveau heute da, wo es vor 20 Jahren in China war. In der Folge fallen die Wachstumsraten. Die Türkei wächst heute nur noch mit drei bis vier Prozent im Jahr, das Pro-Kopf-Einkommen liegt bei 10.800 US-Dollar. In China ist das Wachstum auf sechs Prozent zurückgegangen und wird wahrscheinlich in den nächsten Jahren auf vier bis fünf Prozent fallen. Nicht alle Unternehmen gehen. Aber für die, die bleiben, wird es günstiger, Maschinen anstatt Menschen zu beschäftigen. Das taiwanesische Unternehmen Foxconn, Arbeitgeber von über einer Million Menschen, will in den nächsten Jahren einen Großteil seiner Produktion automatisieren. Sogenannte „Foxbots“ sollen die Jobs der Wanderarbeiter übernehmen. Automatisierung muss nicht negativ sein. Maschinen schaffen auch Arbeit. Es muss Leute geben, die diese Geräte entwerfen, bauen, warten, reparieren oder bedienen. Nur: Dafür braucht man eine gute Ausbildung.

V. RAUS AUS DER FALLE

In der Falle stecken geblieben sind die ehemaligen Tigerstaaten wie Thailand und die Philippinen ebenso wie Brasilien. Taiwan, Singapur und Südkorea ist es nach einem rasanten Wachstum in den Siebziger- und Achtzigerjahren gelungen, sich aus der Falle zu befreien. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt dort heute bei rund 30.000 US-Dollar. Über 90 Prozent aller Notebooks und Motherboards und rund 70 Prozent der LED-Bildschirme weltweit werden in Taiwan entwickelt und produziert. Südkorea produziert dank KIA oder Hyundai weltmarktfähige Autos und gehört zu den wichtigsten Volkswirtschaften der Welt. Was haben diese Länder anders gemacht? Alle drei Staaten investierten früh in Bildung, Forschung und Entwicklung. Sowohl in Südkorea, als auch in Taiwan fand nach den Jahren des Booms eine Demokratisierung statt. So wurden Voraussetzungen geschaffen, unter denen freies Denken gedeihen kann. Zudem haben sie sich Nischen in der Wertschöpfungskette gesucht: Taiwan zum Beispiel hat ein einzigartiges Netzwerk aus Mittelständlern, die auf Elektronikprodukte spezialisiert sind. Sie haben gelernt, sich anzupassen. Auch die Einkommensverteilung spielt eine Rolle: In Thailand und Brasilien ist der Reichtum auf kleine Eliten konzentriert, während er in Südkorea und Taiwan gleichmäßiger verteilt ist. In Ländern, die die Falle überwanden, war eine Mittelschicht entstanden, die politische Teilhabe wollte.

VI. WER GERADE DRINSTECKT, UND WAS DIE LÄNDER DAGEGEN TUN

Autoritären Ländern fällt das schwerer: China steuert gerade mit voller Kraft in die Middle-Income-Trap. Der Regierung in Peking ist das Problem bewusst. Rund um Shanghai entwickeln die deutsche Handelskammer, deutsche Unternehmen und chinesische Universitäten ein Art duales System. So sollen chinesische Arbeiter auf anspruchsvollere Tätigkeiten vorbereitet werden. Doch das Projekt hat eher Modellcharakter. Auch hat sich die Zahl der chinesischen Universitätsabsolventen vervierfacht: Rund acht Millionen junge Chinesen verlassen jährlich die Uni. Nur ist deren Ausbildungsniveau nicht mit dem deutschen zu vergleichen. China meldet zwar heute mehr Patente an als jedes andere Land, die meisten davon sind aber keine wirklich Innovationen, sondern „Design-Patente“. Ob China die Falle ohne eine Demokratisierung vermeiden kann, ist fraglich. Wahrscheinlicher ist ein großes Einkommensgefälle im Land selbst zwischen Städten wie Shanghai, Peking und Shenzhen und armen Provinzen im Landesinneren. Die Türkei weiß prinzipiell um den richtigen Weg. „Unsere Top-Priorität gilt dem Humankapital“, sagte Mehmet Simsek 2014, heute stellvertretender Premierminister. Die Schulpflicht solle deswegen von acht auf elf Jahre erhöht werden. Gleichzeitig droht das Land einen autoritären Weg einzuschlagen: Nach dem gescheiterten Putsch vom 15. Juli dieses Jahres wurden auch zahlreiche Lehrer und Professoren suspendiert. Die Lehrpläne werden noch stärker von der Regierung beeinflusst. Das Erfolgsrezept „freies Denken“ wurde nicht verstanden. Und die Falle schnappt zu.