Lernen

Werteposition: Was können wir daraus lernen?

Foto: Bettina Engel-Albustin
Stephan Gemkow und Franz Markus Haniel beziehen Stellung zum Heftthema.

Was haben Sie heute schon gelernt?

[HANIEL] Aus der Stiftungssitzung heute Morgen habe ich mitgenommen: Wenn es eine miteinander abgestimmte Richtung gibt, dann sind die nächsten Schritte ganz einfach.

[GEMKOW] Wir hatten in dieser Runde auch eine Diskussion, in der ich viel gelernt habe: wie es nach dem Brexit-Referendum in Großbritannien weitergeht. Die Situation ist ja auch unter der neuen Premierministerin derzeit sehr unklar.

Kann eine Organisation, ein Unternehmen, eine Familie lernen?

[HANIEL] Unbedingt! Die Familie Haniel muss sich doch laufend auf veränderte Situationen einstellen. Insofern verstehe ich uns durchaus als lernende Organisation.

[GEMKOW] Dass eine Firma an sich eine lernende Organisation werden kann, glaube ich nicht. Aber mit den richtigen Leuten an den richtigen Stellen kann das gelingen – und das muss es auch. Das hat viel mit Toleranz zu tun und der Offenheit, von Menschen zu lernen, die zum Beispiel aus ganz anderen Kulturkreisen kommen – und damit meine ich in diesem Fall auch die Digital Natives. Die ticken ganz anders als wir, und das ist eine riesige Lernquelle.

[HANIEL] Aber es geht auch darum, nicht alles Neue zwanghaft zu adaptieren. Man muss – insbesondere in einem Unternehmen und einer Familie mit 260-jähriger Geschichte – unterscheiden können: zwischen Dingen, die für uns nicht veränderbar sind – weil es Werte sind, die unabhängig vom Zeitgeist Bestand haben. Und dann gibt es andere Dinge, die müssen neu gelernt werden und bedeuten Fortschritt.

Stephan Gemkow

"Die wichtigste Fähigkeit ist es, die Flut an Daten durch eigenständige Gewichtung zu ordnen."

Stephan Gemkow

Was müssen Unternehmen derzeit lernen?

[HANIEL] Dass wir vor einer neuen industriellen Revolution stehen, die Bestehendes über Nacht obsolet macht.

[GEMKOW] Bei Haniel haben wir aus diesen Entwicklungen insofern schon gelernt, als wir in diversifizierten Geschäftsmodellen investiert sind. Wir legen sozusagen nicht mehr alle Eier in einen Korb, sondern versuchen, die Risiken möglichst breit zu streuen und damit das Vermögen der Familie stabil zu halten.

Wenn wir ständig Neues lernen müssen – heißt das, wir wissen auch mehr?

[GEMKOW] Letztlich sind unsere mentalen Kapazitäten doch begrenzt. Und generell wehre ich mich dagegen, die ungezählten Terabytes an verfügbaren Informationen mit Wissen gleichzusetzen. Die wichtigste Fähigkeit dieser Tage ist doch, die Flut an Daten durch eigenständige Gewichtung zu ordnen, Wichtiges herauszufiltern und daraus Einschätzungen und Handlungen abzuleiten. Das ist der eigentliche Lernprozess. Ob wir in der Lage sind, das mit unserem jetzigen Bildungssystem zu vermitteln, bezweifle ich allerdings.

[HANIEL] Es wäre sicher sinnvoll, Bildung in Deutschland nicht föderal zu organisieren und zudem die Investitionen sehr viel fokussierter auszurichten. Erstens auf Werte und klassische Bildung, weil dies die Identität eines europäischen Bürgers formt. Zweitens auf die Anforderungen einer globalisierten und digitalen Welt. Ziel muss es sein, sich mit den Besten zu messen und zu vergleichen. Da tun wir in Deutschland noch viel zu wenig.

 

Franz Markus Haniel

"Ich beobachte eine Fortschritts- und Technikgläubigkeit, bei der die menschliche Verantwortung auf der Strecke zu bleiben droht."

Franz Markus Haniel

Stichwort digitale Welt: Empfinden Sie künstliche Intelligenz als Bedrohung oder Bereicherung?

[GEMKOW] Unmittelbar ist künstliche Intelligenz sicherlich eine Bereicherung, weil sie in der Lage ist, viele Tätigkeiten obsolet zu machen, die man niemandem wirklich zumuten möchte. Langfristig halte ich denkende und lernende Maschinen durchaus auch für bedrohlich. Denn mittlerweile beobachte ich eine Fortschritts- und Technikgläubigkeit, bei der die menschliche Verantwortung auf der Strecke zu bleiben droht. Ähnlich, wie wir es vor Jahren bei der Debatte um die Genmanipulation erlebt haben.

[HANIEL] Aber die Entwicklung ist da und wir werden mit ihr umgehen müssen. Die Frage ist in der Tat: Wie gehen wir damit im Interesse der Menschen um? Wenn es eine Bedrohung ist, dann, weil wir es dazu machen. Deshalb darf man sich aber nicht der Technologie
verschließen.

[GEMKOW] Sicher ist immer schon auch unverantwortlich mit Technologien umgegangen worden. Sicher ist aber auch: Ohne den Fortschritt gäbe es einen Großteil unseres heutigen Wohlstands nicht.

Was möchten Sie noch lernen?

[GEMKOW] Den Bootsführerschein würde ich gerne noch machen.

[HANIEL] So konkret kann ich das gar nicht sagen. Aber auf jeden Fall möchte ich neugierig bleiben.