Megatrends

Auf leisen Kohlen davon

Autor: Thomas Urban |
Foto: Haniel Archiv
Der frühe Ausstieg aus der Zeche Rheinpreussen war 1959 für Haniel nicht nur wirtschaftlich klug, sondern läutete auch einen beispiellosen Wandel im Unternehmensportfolio ein.

Zeitreise

Im Video zeigt enkelfähig, wie Haniel bereits in der Vergangenheit Trends früh erkannte.

Im Februar 1958 schreckt das Ruhrgebiet auf: Erstmals seit einem Vierteljahrhundert müssen Zechen wieder Feierschichten einlegen, weil die geförderte Kohle keine Abnehmer findet. „Der Ruhrkumpel ist erschüttert, versteht die Welt nicht mehr“, fasst es eine Zeitung zusammen. Die Wirtschaft ist im Umbruch: Erdöl und Erdgas drängen mit Macht auf den Brennstoffmarkt. Die deutsche Industrie steht dem ebenso hilflos gegenüber wie der billigeren amerikanischen Importkohle. Die Region zwischen Duisburg und Dortmund, durch das „schwarze Gold“ und Pionierunternehmer wie Franz Haniel reich geworden, droht ins Abseits zu geraten.

Wie reagieren die großen Montanunternehmen auf diese Bedrohung? In Duisburg-Ruhrort, am Stammsitz der Franz Haniel & Cie. GmbH, werden die Feierschichten aufmerksam verfolgt – allerdings aus einer recht komfortablen Position: Bereits seit Beginn der 1950er-Jahre setzt die Firma nicht nur auf heimische Kohle, sondern handelt erfolgreich mit Importkohle und hat das Geschäft gezielt auf Heizöl ausgedehnt. Für den 75-jährigen Aufsichtsratsvorsitzenden Alfred Haniel, der Mitte der 1920er-Jahre als Vertreter der Haniel-Zechen die erste Bergbaukrise miterlebt hat, ist 1958 klar: „Die Kohle baut ab.“ Deshalb will er die Beteiligung an der Zeche Rheinpreußen so schnell wie möglich verkaufen. Das kommt überraschend für viele
Haniel-Gesellschafter, schließlich galt Rheinpreußen nach dem Krieg als rentables „Lieblingskind der Familie“. Dennoch geht der Verkauf über einen Aktientausch an die Deutsche Erdöl AG bereits ein Jahr später über die Bühne – gegen den Widerstand des Haniel-Generaldirektors Werner D.
Ahlers, der daraufhin zurücktritt. Doch Alfred Haniel sollte recht behalten: In den 1960er-Jahren wehen schwarze Fahnen über den massenhaft stillgelegten Fördertürmen. Gleichzeitig entstehen gewaltige Kohlenhalden – diese wachsen bei Rheinpreußen 1965 von 250000 auf 800000 Tonnen.

Alfred Haniel (1960): „Ob wir wollen oder nicht – wir stehen an einem Wendepunkt“

Aber in welche Richtung soll das Familienunternehmen künftig steuern? Auch wenn die Kohlekrise für Haniel ohne große Verluste blieb, fehlen doch neue Geschäftsideen. Das Haniel-Triumvirat der 1960er- und 1970er-Jahre – der Aufsichtsratsvorsitzende Thuisko von Metzsch, ein Schwiegersohn Alfred Haniels, Klaus Haniel, ein Cousin zweiten Grades, und der ehemalige Rheinpreußen-Vorstand Wolfgang Curtius, ebenfalls Mitglied der Familie – müssen mit der Geschäftsführung einen gemeinsamen Kurs finden. Zudem mischt sich die „graue Eminenz“ weiter ein: Als im April 1960 der beratende Ausschuss aus Gesellschaftern, Vorständen und Aufsichtsräten in Rotterdam zusammenkommt, blickt Alfred Haniel auf die größten Strategen der Unternehmensgeschichte und fragt: „Was nun? Franz Haniel hat als Gründer Kohle mit Eisen verbunden; Reusch ist aus Eisen und Kohle zur Verfeinerung übergegangen; Welker hat die ganzen Möglichkeiten zusammengefasst, die ihm geboten waren. Jetzt stehen wir – ob wir wollen oder nicht – an einem Wendepunkt.“ Er und sein Schwiegersohn liebäugeln mit dem Einstieg in das Bankengeschäft, den Klaus Haniel strikt ablehnt. Curtius wiederum verweist auf die Konkurrenz, die wie Stinnes „unwahrscheinliche Mittel in ihre traditionellen Sparten“ hineinsteckt und dabei ist, „Franz Haniel zu überflügeln“. Daher warnt Curtius davor, Kohle und Schifffahrt als „Stamm“ aufzugeben und sich „nur auf Neues“ zu verlegen.

Obwohl Haniel viel Neues beginnt und etwa 1962 in den Pharmahandel einsteigt, verabschiedet man die Kohle nicht radikal, sondern schrittweise: Familie und Unternehmen bleiben mit ihr über die Zechen der Hüttenwerk Oberhausen AG (HOAG) und über Grubenfelder verbunden. Verkauft wird erst 1968 und Mitte der 1970er-Jahre – an die August Thyssen-Hütte AG und die Ruhrkohle AG. Da die Deutsche Bahn ihre Dampfloks ausrangiert, legt Haniel seine Brikettfabrik still und vermindert seine Anteile an der Grubenholzfirma Gebr. Cloos. Diese Strategie ist jedoch nur möglich, weil man 1966 einen, wie Curtius es später nennt, „Haupttreffer“ landet: Finanziert durch Erlöse aus den an die DEA veräußerten Rheinpreußen-Tankstellen, beteiligt sich Haniel an den rasch expandierenden METRO-Großhandelsmärkten und baut diese Kooperation stürmisch aus. Zwischen 1966 und 1980 steuert METRO zwei Drittel der hanielschen Gewinne bei.

Die Cash Cow im Rücken

Mit dieser Cash-Cow im Rücken trennt sich Haniel von alten Handelssparten und bereitet ein Geschäft vor, das Curtius 1970 als „neuen Abschnitt in der 200-jährigen Geschichte der wirtschaftlichen Interessen der Familie Haniel“ bezeichnen wird. Die Gutehoffnungshütte (GHH), eines der größten
Maschinenbauunternehmen Europas, drängt Ende der 1960er-Jahre darauf, ihr Kapital zu erhöhen, um das Werk auf den neuesten Stand der Technik zu bringen. Die Familie Haniel, die etwa 40 Prozent der GHH-Anteile hält, kann dies allein nicht stemmen. Um einen kapitalkräftigen Partner mit ins Boot zu holen und den Einfluss auf das Unternehmen zu wahren, schließt Haniel 1970 mit der Allianz eine Kooperation ab und sichert sich eine Sperrminorität. Die Haniel-Gesellschafter stimmen dem Plan zu, es gibt aber auch Kritik: So sei der Vertrag, wie ein Neffe Klaus Haniels betont, eine „Belastung“ für die Familie. Zudem könne angesichts des wachsenden Fremdkapitals und schwindender Stimmen in den Gremien „nicht mehr ernsthaft von der‚ Unternehmerfamilie‘ Haniel“ bei der GHH gesprochen werden.

Als die Stahlkrise zu Beginn der 1980er-Jahre auch die GHH erfasst, zieht sich die Familie komplett zurück. Damit lässt sich das 1969 von Klaus Haniel formulierte Ziel, mit der Familie „möglichst lange, mindestens für eine Generation“ die Geschicke der GHH zu beeinflussen, nicht mehr realisieren. Es ist typisch für Haniel, dass der Erlös aus dem GHH-Rückzug in den 1980er-Jahren dazu genutzt wird, das Stammhaus zu stärken und die Diversifikation nun vor allem international voranzutreiben – eine Strategie, die das Unternehmen bis heute verfolgt.

Verantwortlich für den Strukturwandel sind die Persönlichkeiten an der Spitze des Unternehmens, die ein Gespür für den steten Wandel besitzen. Hierzu gehören der Visionär Alfred Haniel und das sogenannte Haniel-Triumvirat, das später als die drei „Ober-Onkels“ in die Haniel-Geschichte eingehen wird. Sie führen den Umbruch nicht radikal herbei, sondern leiten ihn schrittweise in die Wege und entwöhnen das Unternehmen von Kohle, Eisen und Stahl. Auf diese Weise wandelt sich Haniel – wesentlich früher als etwa Preussag, Vorgänger des heutigen Touristikkonzerns TUI – unter demselben Namen vom Montanunternehmen zum modernen, weltweiten Dienstleister.


Dr. Thomas Urban ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum und Lehrbeauftragter an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Sein Schwerpunkt ist die Geschichte des Ruhrgebiets im 19. und 20. Jahrhundert.