Megatrends

Der Vorhersager

Autor: Jakob Schrenk |
Foto: Markus Burke
Globalisierung, Informationsgesellschaft, Netzwerke: 1982 beschrieb der Trendforscher John Naisbitt in seinem Buch „Megatrends“ die Welt, wie wir sie jetzt kennen. Heute forscht er mit seiner Frau Doris zusammen. Die beiden warnen vor Denkschablonen und empfehlen: Lesen Sie Lokalnachrichten!

Herr Naisbitt, wie wird morgen das Wetter?

[JOHN NAISBITT] Woher soll ich das wissen?

Immerhin gelten Sie als Begründer der Trend- und Zukunftsforschung. Viele der Prognosen, die Sie abgaben, haben sich in verblüffender Weise bewahrheitet. Da ist es doch ein Kinderspiel zu prognostizieren, ob es morgen regnen wird oder nicht.

[JOHN] Mir geht es gerade nicht ums Spekulieren, ganz egal, ob es sich um das Wetter oder um neue Technologien handelt. Die Menschen machen sich oft ein falsches Bild von der Trendforschung. Ich kann nicht einfach so in die Zukunft blicken. Der einzige Weg, die Zukunft zu erahnen, ist das Verstehen der Gegenwart. Und das ist eine Arbeit, die viel Fleiß verlangt.

Sie haben den Begriff des Megatrends eingeführt – was bedeutet das Wort genau?

[JOHN] Mir ging es darum, eine Unterscheidung zu kurzfristigen Moden und Trends zu schaffen. Megatrends sind große gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische oder technologische Entwicklungen, die uns für eine lange Zeit – zehn Jahre oder mehr – beeinflussen werden.

1982 haben Sie zehn solcher Megatrends benannt. Würden sie im Rückblick sagen, dass Sie mit all Ihren einzelnen Prognose richtiglagen?

[JOHN] Es gibt durchaus Experten, die dieser Ansicht sind.

[DORIS NAISBITT] Sehr deutlich bestätigt hat sich beispielsweise die These vom Wandel der Industrie- zur Informationsgesellschaft.

"Meinungen interessieren mich nicht"

John Naisbitt

Heute, über 30 Jahre nach Erscheinen Ihres Buchs, klingt diese These weit weniger spektakulär als damals. Vermutlich würde heute niemand mehr bestreiten, dass die Informations- und Kommunikationsdienstleistungen im Vergleich zur industriellen Produktion zentrale Bedeutung erlangt haben.

[JOHN] Aber das bedeutet noch längst nicht, dass daraus die richtigen Schlüsse gezogen werden. Nehmen Sie nur die großen Anstrengungen, die Politiker immer wieder unternehmen, um etwa die Autoindustrie in ihrem Land zu retten, egal, ob das nun in den USA oder in Frankreich ist. Statt ständig den Verlust der alten Industrie zu betrauern, müssen wir uns einfach der Aufgabe stellen, neue Industrien zu entwickeln, etwa im Bereich des Tourismus, der Biotechnologie oder der Informationstechnologie.

In dem Buch „Megatrends“ haben Sie auch prophezeit, dass sich die USA von einer repräsentativen zu einer partizipativen Demokratie wandeln, die Bürger also direkter an politischen Entscheidungen teilhaben. Das ist aber nicht geschehen.

[JOHN] Zumindest ließe sich sagen, dass die Unzufriedenheit der Bürger mit der repräsentativen Demokratie steigt. Die Bürger fühlen sich eben nicht mehr repräsentiert.

Wieso fällt es eigentlich so schwer, Aussagen über große gesellschaftliche Trends und über die Zukunft zu treffen? Es ist nur ein Beispiel unter vielen, dass 1943 der damalige IBM-Chef Thomas Watson meinte, es gebe einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer.

[JOHN] Menschen neigen dazu, die Welt mit den Sehgewohnheiten und Denkmustern der Vergangenheit zu beobachten und zu analysieren.

Ein Beispiel, bitte!

[DORIS] China gilt so gut wie allen westlichen Beobachtern als ein undemokratisches, rückständiges, korruptes Land. Und ich will ja gar nicht verschweigen, dass es auch nach wie vor Probleme gibt. Aber man muss doch sehen, wie rasant sich das Land entwickelt, wie viel Kritik an der Politik mittlerweile möglich ist. Ganz zu schweigen von der ungeheuren wirtschaftlichen Dynamik.

[JOHN] Das sieht man aber nur, wenn man neugierig bleibt. Ich will die Welt verstehen, ich will wissen, was passiert. Und ich schreibe meine Bücher für Leute, die ebenfalls neugierig sind.

[DORIS] Wichtig ist auch, viel zu reisen, man muss mit den Menschen vor Ort sprechen.

[JOHN] Ganz entscheidend dabei: Man muss lokale Nachrichten lesen!

Warum?

[JOHN] Die wirklich großen, dramatischen Entwicklungen beginnen im Kleinen. Wo wird eine Grundschule gebaut? Wo wird eine Fabrik geschlossen, wo gibt es soziale Spannungen, und was ist der Grund dafür? Ordnet man die kleinen Ereignisse ein, zeichnen sich die großen Entwicklungslinien ab. Der Lokalteil ist der wichtigste Teil der Zeitung.

Was ist mit politischen Kommentaren?

[JOHN] Das sind nur Meinungen. Meinungen interessieren mich nicht. Nicht in diesem Zusammenhang.

Was ist mit Blogs?

[JOHN] Ebenfalls nur Meinungen. Mich interessieren die Fakten. Jede einzelne Information ist wie ein Puzzlestück. Es kommt darauf an, die einzelnen Puzzlestücke aneinanderzulegen.

Was zeigt dieses große Bild? Vor über 30 Jahren haben Sie unsere heutige Welt sehr treffend ausgemalt – wie geht die Entwicklung weiter?

[JOHN] Wir werden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten keine wirtschaftlichen, technologischen oder kulturellen Revolutionen erleben. Ich glaube, dass sich die wirklich großen technologischen Durchbrüche alle Ende des 19. Jahrhunderts ereignet haben: das Auto, das Flugzeug, die Elektrizität, die entscheidenden Entdeckungen in der Chemie. Wir sind bis heute damit beschäftigt, die Folgen dieser technologischen Revolutionen zu verarbeiten, zu verfeinern, zu verbessern. Sogar das Internet ist in gewisser Weise nur eine Weiterentwicklung der Telegrafie.

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John und Doris Naisbitt zu Hause am Wörthersee, wo sie gemeinsam an einem neuen Buch über die Zukunft schreiben

In welchen Bereichen wird es noch diese kleinen Weiterentwicklungen geben?

[JOHN] Ein wirklich entscheidender Bereich werden Onlinekurse sein. L. Rafael Reif, Präsident des Massachusetts Institute of Technology nennt das Lehren und Lernen über das Internet die wichtigste Erfindung seit der Druckerpresse. Das MIT bietet alle Kurse online umsonst an und hat 150 Millionen Studenten weltweit. Das wird gewaltige Folgen haben, gerade in den Entwicklungsländern. Dort wird eine neue, hochgebildete Mittelklasse entstehen.

[DORIS] Das ist überhaupt eine entscheidende gesellschaftliche Entwicklung, weg von einer Welt, in der der Westen das Zentrum war, hin zu einer Welt mit vielen Zentren. Wir sehen beispielsweise China immer noch nur als Werkbank der Welt, wo billig irgendwelche Produkte hergestellt werden. China ist aber viel mehr. China hat eine riesige Mittelklasse mit einem hohen Konsumbedarf, für Afrika wird schon bald das Gleiche gelten. Darauf müssen sich etwa westliche Firmen noch viel mehr einstellen.

[JOHN] China ist das größte Trial-and-Error-Labor der Welt. Wenn sich die Regierung nicht sicher ist, ob eine zu beschließende Maßnahme wirklich sinnvoll ist, wird sie einfach in einem kleinen Teil des Landes ausprobiert. Klappt es nicht, wird die Idee verworfen, klappt es, wird die Maßnahme im ganzen Land umgesetzt.

[DORIS] Stellen wir uns doch vor, man hätte nicht jahrelang in den USA über die gesetzliche Krankenversicherung debattiert, sondern das System einfach in einem kleinen Teil des Landes ausprobiert und evaluiert. Wir können sehr viel von China lernen.

Prognostizieren Sie außer der Onlinebildung und der multizentrischen Welt noch weitere Trends?

[JOHN] Städte werden wichtiger als Länder. Im Zuge der Globalisierung geht die Bedeutung der Nationalstaaten zurück, wenn sie auch nicht ganz verschwindet. Gleichzeitig entstehen weltweit in atemberaubender Geschwindigkeit immer neue Millionenstädte, in Asien, in Afrika. Städte waren schon immer der Ort, an dem sich Menschen begegnen, an dem kreative Energien aufeinandertreffen, an denen gleichzeitig die unterschiedlichsten Dinge geschehen und so Neues entsteht.

[DORIS] Ein konkretes Beispiel für diese These ist Lagos in Nigeria, eine extrem dynamisch wachsende, prosperierende Stadt. Aber Städte lassen sich nun einmal leichter kontrollieren als ganze Nationen, deswegen ist Lagos mittlerweile kulturell und wirtschaftlich viel weiter als der Rest des Landes.

Viele Menschen warnen vor solchen Megacitys.

[JOHN] Das ist nicht meine Position. Große Städte werden die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung entscheidend beeinflussen.

Ihre Prognosen klingen fast immer sehr optimistisch und auch sehr amerikanisch.

[JOHN] Ich fürchte, das stimmt leider nicht mehr. Die Amerikaner haben ihren Optimismus verloren.

Wie kann man lernen, zuversichtlich zu bleiben?

[JOHN] Es bringt nichts, Angst vor der Zukunft zu haben, sich vor schlechtem Wetter zu fürchten oder vor den aufsteigenden Ländern in Asien und Afrika. Nur mit Optimismus werden wir die großen Herausforderungen unserer Zeit meistern. Und ich bleibe dabei: Wir leben in fantastischen Zeiten.

Wie sieht unsere Zukunft aus? Futurologen schauen häufig in die Vergangenheit, wenn sie Prognosen für das Kommende aufstellen. Lesen Sie mehr über Zukunftsforscher im enkelfähig-Beitrag „Zurück in die Zukunft„.

Die Megatrends-Infografik: Wir haben die seltsame Gattung der Megatrends genauer unter die Lupe genommen.

Das Trendlexikon: enkelfähig schafft Klarheit im Trendwirrwarr zwischen Hype, Zeitgeist, Pseudotrend und Megatrend.