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Im Zeichen der Freundschaft

Autor: Sonja Hausmanns |
Foto: Sven Paustian
Zhe Feng, Xinqi Wang und Zhengang Wu legen die Basis für ihre Karriere in Ludwigshafen – dank Stipendium der Haniel Stiftung. Wir baten Studenten und Initiatoren zum Gespräch – über Umwege, Erfahrungen in der Fremde und den Luxus, Zeit zum Nachdenken zu haben. Das Startbild oben ist übrigens eines der Verbundenheit: links auf Chinesisch, rechts auf Japanisch.

Chinesische Studenten kommen nach Deutschland, um hier Japanisch zu lernen. Wie wurde diese Idee geboren?

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Frank Rövekamp

[FRANK RÖVEKAMP] Generell bereitet das Ostasieninstitut junge Menschen darauf vor, Führungsaufgaben in der internationalen Wirtschaft zu übernehmen. Und weil die Bedeutung Asiens zunimmt, haben wir hier einen Schwerpunkt gelegt, wobei die Studenten zwischen China und Japan wählen können. Unsere Studenten kommen aus allen Bundesländern, viele haben aber auch einen internationalen Hintergrund. Insofern liegt das, was wir in Zusammenarbeit mit der Haniel Stiftung machen, gar nicht so fern.

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Rupert Antes

[RUPERT ANTES] Mit dem Vorläufer unseres Stipendienprogramms holten wir schon seit zwölf Jahren junge Chinesen nach Deutschland, die dann Handelsmanagement in Worms studierten. Über die Jahre haben uns viele Studenten gesagt, dass sie sich mehr für übergeordnete Themen wie Finanzen und Controlling interessieren. Das können wir mit dem Studium am OAI nun noch besser abbilden. Dort dauert das Bachelorstudium allerdings ein Jahr länger als üblich, also vier Jahre. Dafür beinhaltet es aber auch ein komplettes Wirtschaftsstudium ohne Abstriche plus Sprachkurs, Landeskunde und einem Auslandsjahr. Dass man Chinesen aber nicht Chinesisch lernen lässt, sondern Japanisch, liegt auf der Hand.

[XINQI WANG] Am Anfang war ich tatsächlich etwas verwirrt von dem Programm: Ich soll in Deutschland Wirtschaft studieren und die japanische Sprache lernen. Warum dann nicht gleich nach Japan gehen und dort Wirtschaft studieren? Im vergangenen halben Jahr habe ich aber herausgefunden, warum das nicht dasselbe ist: Ich lerne hier Japanisch aus westlicher Sicht – und die ist ganz anders als die chinesische Sicht. In China habe ich immer nur gehört und gelesen, dass Japan sehr viel Böses getan hat. Erst hier in Deutschland habe ich gemerkt, dass nicht alles schlecht ist und der Rest der Welt ganz anders über Japan denkt.

[ZHE FENG] Durch die Japanstudien am OAI habe ich einen sachlichen und objektiven Blick auf das Land bekommen. Und ich habe entdeckt, dass Japan eine großartige Nation ist. Das Land besitzt kaum Rohstoffe und hat dennoch eine hoch entwickelte Wirtschaft. Insofern hat das Studium in Deutschland meinen Horizont erweitert.

Woher kommt Ihr Interesse an Deutschland?

[ZHEGANG WU] In der Verbindung zwischen Europa und China standen immer die deutsch-chinesischen Beziehungen im Vordergrund. Deshalb war für mich klar: Wenn ich etwas über Europa erfahren möchte, sollte ich zuerst Deutschland kennenlernen.

[FENG] Deutschland war immer ein Vorbild für uns Chinesen. Es gibt hier sehr gute Technologie und Infrastruktur. Auch die Ordnung beeindruckt mich – zum Beispiel das DIN-A4-Format.

Nahaufnahme enkelfähig begleitete die Stipendiaten einen Tag lang mit der Videokamera.

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Wie unterscheidet sich denn das Studentenleben in Deutschland von dem in China?

[WANG] Das Bildungssystem ist völlig anders. In China sind die Studienpläne festgelegt, und die Professoren lernen unsere Namen, um uns dranzunehmen. Hier meldet man sich hingegen freiwillig. Außerdem kann ich meine Freizeit individuell planen. In China werden alle Aktivitäten von den Studentenvereinen organisiert. Da denkt man überhaupt nicht darüber nach: Ist das eigentlich das, was ich machen möchte?

[WU] In China gibt es einen Mainstream, und alle Leute sollen dazu passen. Aber hier in Deutschland hat jeder seine eigene Vorstellung, wie er leben möchte. Das Motto ist „Mach, was du willst!“. Diese Idee gefällt mir!

[ANTES] Durch ihr Wirtschaftsstudium hier in Deutschland erweitern die Stipendiaten ihre Möglichkeiten enorm.

[WANG] Ja, ich hatte das Gefühl, das Berufsleben als Germanistikabsolvent ist sehr beschränkt. Viele arbeiten zum Beispiel als Dolmetscher. Wir haben aber nun die Chance, direkt an den Wirtschaftsprozessen mitzuwirken. Ich habe damit mehr Möglichkeiten für meine Karriere.

Wie gefällt Ihnen das Leben in Ludwigshafen – immerhin kommen Sie aus Megacitys wie Shanghai und Nanjing?

[WU] Die Städte hier sind viel kleiner, das stimmt. Aber wenn ich in Nanjing wohne, dann wohne ich nur dort. In Deutschland aber kann ich in Worms leben und bin trotzdem schnell in den Nachbarstädten. Ich zum Beispiel fahre einmal in der Woche nach Mannheim zum Tangotanzen. Dafür brauche ich mit dem Zug nur 30 Minuten. In Nanjing war ich eine Stunde von meiner Wohnung zur Uni unterwegs. Hier sind die Städte zwar ruhiger, aber bestimmt nicht langweilig.

[FENG] In Shanghai ist immer viel los – man bekommt viele Chancen, Praktika zu machen oder etwas Kulturelles zu erleben. Aber dafür hatte ich nie genug Zeit, in Ruhe darüber nachzudenken, was ich mir für meine Zukunft wünsche. Das geht hier in Ludwigshafen viel besser. Hier habe ich mehr Freizeit. Ich kann mich mit Personal-, Kosten- und Leistungsrechnung beschäftigen oder mit allgemeiner VWL und BWL. Shanghai hat seine Attraktivität, aber Ludwigshafen bietet mir auch viel.

Das Studium ist Ihr Hobby?

[FENG] Ja, ich lerne sehr gerne!

Nach den Erfahrungen, die Sie hier gesammelt haben – fällt Ihnen die Rückkehr nach China schwer?

[WU] Wenn ich nach China reise, dann bedeutet das auch Stress. Es geht immer um bessere Noten und im Job später um mehr Geld. In Deutschland habe ich gelernt, dass das allein nicht zählt.

[WANG] Darüber habe ich vor einer Woche noch mit meinem Freund diskutiert. Er ist Doktorand in China, hat aber Schwierigkeiten, nach seinem Abschluss eine zufriedenstellende Arbeit zu finden. China befindet sich noch auf einer niedrigen Schwelle der Wertschöpfung. Wir brauchen zwar qualifizierte Leute, aber nicht so viele. Deshalb hat er mich gefragt: Wenn du dein Studium in Deutschland fertig hast, dann bist du schon 27 Jahre alt. In dem Alter haben die Leute hier schon vier Jahre Berufserfahrung. Und du hast nur zwei Bachelorurkunden – was willst du in Zukunft machen?

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v.l.n.r. Xinqi Wang, Zhe Feng

Was haben Sie ihm geantwortet?

[WANG] Dass ich hier in Deutschland Berufs- beziehungsweise Praktikumserfahrung sammeln will. Ich habe glücklicherweise ein Praktikum bei einer Personalberatung in Heidelberg bekommen. Ich möchte noch mehr über das deutsche Wirtschaftssystem lernen und darüber, wie deutsche Unternehmen funktionieren. Das ist meine Stärke im Vergleich zu anderen, die in China Berufserfahrung gesammelt haben.

[FENG] Das geht mir genauso. Wenn ich als Berufsanfänger zurückkehre, dann habe ich keine großen Vorteile. Deswegen möchte ich zunächst hier in Deutschland Erfahrungen sammeln und danach am liebsten in Shanghai für ein deutsches Unternehmen arbeiten.

[WU] Im Moment kann ich mich nicht entscheiden, wo ich auf Dauer leben möchte. Ich komme aus Asien. Jetzt wohne ich in Deutschland. Aber ich war auch in Afrika und in Südamerika. Am besten passt wohl eine internationale Firma zu mir. Da habe ich immer die Chance, ein halbes Jahr nach China oder Südamerika zu gehen und dann vielleicht nach Europa oder in die USA. Ich brauche den Zugang zur Welt.

Das hören die Initiatoren doch gerne.

[ANTES] Von unserer Seite gibt es überhaupt keine Verpflichtungen, nach dem Studium in Deutschland zu bleiben. Wir sehen, dass die Absolventen Angebote von tollen Firmen erhalten, sei es hier oder im Ausland. Natürlich gehen viele nach China zurück, aber dafür gibt es ja gute Argumente. Dort sind die Heimat und die Familie. Individualität ist ein wertvolles Gut, aber die Gemeinschaft, wie sie in China gelebt wird, hat auch viel Positives.

[RÖVEKAMP] Wir sind stolz darauf, dass unsere Absolventen auf der ganzen Welt verstreut sind. Ich gehe in Shanghai zum OAI-Stammtisch genauso wie in Tokio oder in Australien, aber auch in Europa. Egal, wo und was die Absolventen später machen, so ein vierjähriges Studium prägt natürlich. Es wird immer Verbindungen nach Deutschland geben, auch emotionale Verbindungen. Da werden Brücken gebaut.

Also ist das Stipendienprogramm auch der Versuch, dem Niedergang des Westens etwas entgegenzusetzen?

[ANTES] Die Musik spielt in Asien. Da müssen wir als kleines Land – aber relativ große Volkswirtschaft – schauen, wie wir den Anschluss behalten. Ein Weg ist, junge Leute auszubilden. Das ist eine langfristige Investition, aber es ist einfach gut, wenn unterschiedliche Kulturen in der Lage sind zusammenzuarbeiten. Dazu können unsere Studenten in Zukunft viel beitragen. Dieses Potenzial sollten Unternehmen aus meiner Sicht noch viel mehr nutzen.

China entwickelt sich zu einer Wohlstandsgesellschaft – mit Problemen für die Sozialsysteme und die Umwelt. Was kann die Volksrepublik hier von Deutschland lernen?

[FENG] In China sind wir wohl noch nicht „enkelfähig“, weil wir die Folgen unserer enormen Wirtschaftsentwicklung zu wenig berücksichtigen. Ich war in den Winterferien in Shanghai und bin wegen der schlechten Luft krank geworden. Da ist mir bewusst geworden, wie groß die Probleme sind. Die Wirtschaft wächst einfach zu schnell. Vielleicht sollten wir das reduzieren.

[WU] Ich glaube, diese Phase des Wachstums auf Kosten der Umwelt lässt sich kaum vermeiden – so hat es auch Deutschland erlebt. Wir müssen uns fragen: Was wollen die Chinesen, die in China wohnen? Wenn die nicht beides gleichzeitig haben können, Wohlstand und Naturschutz, dann entscheiden sie sich natürlich für Wohlstand. Das müssen wir verstehen. Wer nicht dort lebt, kann es auch nicht bewerten.

Wann waren Sie denn zuletzt in China?

[WU] Ich bin 2012 in Deutschland gelandet. Dann war ich ein Jahr in Worms und danach acht Monate in Südamerika. Im Anschluss habe ich zwei Wochen China besucht – das war das letzte Mal bis jetzt. Vieles ist mir inzwischen fremd geworden. Wenn ich jetzt mit meinen damaligen Kommilitonen spreche, dann fragen die sofort: Du bist schon 25 Jahre alt, wann heiratest du? Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Aber in China sprechen sie über nichts anderes.


Zhe Feng (22) stammt aus Shanghai und studiert dort Germanistik. Vor ihrem Studium in Ludwigshafen hat sie Auslandssemester in Innsbruck, Berlin und Melbourne absolviert.

Zhengang Wu (25) gehört zum letzten Jahrgang des Metro Haniel China Scholarship Program. In Nanjing studierte er Philosophie und schloss dort auch sein Germanistikstudium ab.

Xinqi Wang (22) gehört mit Zhe Feng zu den ersten vier Stipendiaten des Haniel China Scholarship Program. Zuvor hat sie bereits ein Jahr in Siegen studiert. Ihre Heimatuniversität ist die Guangdong University of Foreign Studies in Südchina, wo sie Germanistik studiert.

Prof. Frank Rövekamp ist Geschäftsführer des Ostasieninstituts (OAI) an der Hochschule Ludwigshafen. Er beschäftigt sich mit internationalem Handel, der Wirtschaft Ostasiens, den japanisch-chinesischen Beziehungen und internationalem Management. www.oai.de

Dr. Rupert Antes ist Geschäftsführer der Haniel Stiftung, deren Schwerpunkt die Förderung künftiger Führungskräfte in internationalen Unternehmen und an den Schnittstellen von Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Wissenschaft ist. Die Stiftung engagiert sich auch für die Bildung benachteiligter Kinder.


Haniel Stipendium

Mit dem Metro Haniel China Scholarship Program vergab die Haniel Stiftung von 2003 bis 2012 gemeinsam mit der METRO GROUP jährlich sechs Stipendien an Wirtschaftsstudenten aus China. Die Stipendiaten studierten Handelsmanagement an der Fachhochschule Worms und absolvierten ein Auslandssemester an einer Partnerhochschule. Seit die METRO 2012 aus der Förderung ausgestiegen ist, führt die Stiftung das Engagement als Haniel China Scholarship Program weiter. Die Stipendiaten verbringen vier Jahre am Ostasieninstitut der Hochschule Ludwigshafen (OAI) und studieren dort „International Business Management East Asia“ mit Japan-Schwerpunkt. Während ihres Studiums lernen die Stipendiaten Japanisch und gehen ein Jahr für ein Auslandsstudium und/oder Praktikum nach Japan. Die METRO bleibt Partner und bietet Praktika in China und Deutschland an.