Megatrends

Mikrotrends von gestern

Autor: Alexander Runte
Zwischen großer Idee und großem Wurf liegt manchmal ein großer Schritt – ein Überblick über Trends, die eins gemeinsam haben: Sie sind alle großartig gescheitert.

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1. Betonschiffe
Wurden zwar schon Mitte des 19 Jahrhunderts erfunden, erlebten ihre “Blüte“ aber im Ersten und Zweiten Weltkrieg: Weil Stahl knapp wurde, kam man auf die Idee, ein bisschen Stahl (oder Eisen) mit viel Beton zu kombinieren. Der Nachteil: Die Schiffe waren schwer zu manövrieren. Der Vorteil: Sie sind dank des Betons extrem langlebig. Deshalb sind noch heute relativ viele Betonschiffe im Dienst, wenn meist auch nicht mehr aktiv. Viele dienen als Museen, manche lagern als Wellenbrechern vor Küsten. Nur einige Beton-Yachten segeln tatsächlich noch über die Weltmeere.

Foto: dpa/Bernd Wüstneck
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2. Elektroautos
Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts lag der Elektromotor mit dem Verbrennungsmotor in Sachen Verbreitung fast gleichauf. Dann setzte sich der Benzin- und Dieselantrieb durch. Die größere Reichweite war der eine Grund. Der andere: Mehr Tempo und ein knatternder Motor galten einfach als cooler. Auch wenn der Elektromotor dank Tesla und der i-Reihe von BMW jüngst ein Comeback erlebt, werden reine Elektroautos eine Rarität bleiben, prophezeien Wissenschaftler (PDF). Trauriger Beweis: Auf dem jüngsten Genfer Automobilsalon feierte der konventionelle Antrieb eine Renaissance. E-Mobile bei den Neuvorstellungen? Fehlanzeige.

Foto: Plainpicture
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3. Mikrokredite
Galten und gelten nach wie vor als die Lösung zur Armutsbekämpfung in vielen Ländern der Dritten Welt; tatsächlich verbessert sich die Situation der meisten Kreditnehmer mittel- bis langfristig nicht, in vielen Fällen verschlechtert sie sich sogar eher.

Foto: Corbis/Philippe Lissac/Godong
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4. Cargolifter
Ein Transport-Ballon, der bis zu 160 Tonnen über große Entfernungen von A nach B schleppt, ohne den Einsatz von Kerosin oder Diesel, war Ende der 90er Jahre die große Hoffnung der Luftfahrt- und Frachtindustrie. 2003 war Schluss, noch bevor das Transportluftschiff in Serie gehen konnte. Geldgeber wollten die Kostenexplosion nicht mehr mittragen. Mehr oder weniger himmlischer Ausgang: In der Werfthalle von einst ist heute ein tropischer Freizeitpark untergebracht.

Foto: Corbis/Sygma/Lionel Derimais
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5. Transrapid
Noch ein deutsches Transportprojekt, das groß startete und großartig scheiterte. Mit der Magnet-Schwebetechnik sollte die Verbindung von Rad und Schiene überwunden werden. 2004 ging die Magnetschwebebahn in Shanghai in Betrieb. 2011 gab man dort den Plan auf, die Transrapid-Strecke zu erweitern. Auch die Teststrecke im Emsland ist nicht mehr in Betrieb. Jüngste Pläne für einen Einsatz im Nahen Osten oder in Russland liegen wieder auf Eis. Einer der Gründe: Hochgeschwindigkeitszüge wie ICE, TCV und Shinkansen werden immer leiser, immer “sauberer“ und immer schneller. Wer braucht da eine teure Magnet-Hochgeschwindigkeitsbahn?

Foto: gettyimages/Johannes Simon
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6. Kernfusion
Seit den 1950er Jahren versprechen Plasmaphysiker, sie könnten den Energiebedarf der Weltbevölkerung ohne fossile Brennstoffe decken. Und tatsächlich ist die Kernfusion im Labor schon unzählige Male gelungen. Für das Herbeiführen der Kernreaktion ging aber jedes Mal mehr Energie drauf, als am Ende herauskam. Die Europäische Atomgemeinschaft gibt trotzdem nicht auf: Zusammen mit sechs führenden Industrienationen (darunter Japan, Russland und die USA) im französischen Cadarache für geschätzte 16 Milliarden Euro den Fusionsreaktor ITER bauen. Ob der am Ende das gewünschte Ergebnis liefert, ist extrem umstritten.

Foto: laif
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7. QR-Codes
Wurden 1994 von der japanischen Firma Denso Wave entwickelt, um die Logistik beim Automobilkonzern Toyota zu optimieren. Ein paar Jahre später sprang die Werbung auf, gefühlt befindet sich die schwarzweiße Matrix aktuell auf dem Höhepunkt: Kein Shampoo und keine Schokoladenverpackung kommt mehr ohne aus. Die QR-Erfinder sind für den Erfinderpreis des Europäischen Patentamts nominiert. Wahrscheinlich werden QR-Codes aus der Öffentlichkeit aber bald wieder verschwinden: Die Nutzung durch die Verbraucher ist so gering, dass beispielsweise Technologieriese Microsoft angekündigt hat, sein selbst entwickeltes Konkurrenzprodukt „Tag“ 2015 einzustellen.

Foto: ullstein bild - Reuters / MAXIM SHEMETOV
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8. Google Glass
Bei der Vorstellung fühlte man sich an den Film „Minority Report“ erinnert: Wer die Datenbrille trägt, kann freihändig im Internet surfen, Bilder per Sprachbefehl aufnehmen und sich überall und zu jeder Zeit die passenden Informationen liefern lassen. Sogar eine Gesichtserkennung ist theoretisch möglich. Und genau da liegt das Problem. In einigen Ländern wird Google Glass als Spionagetool eingestuft und ist verboten. Anderswo stellen sich Datenschützer quer. Die US-Verkäufe laufen schleppend, das Silicon Valley hält das Projekt für gescheitert. Google hat trotzdem ein neues Patent angemeldet für ein unauffälligeres Design. Sieht schicker aus, löst die Datenproblematik aber nicht.

Foto: action press/Exclusivepix
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9. Natronlok
Wurde 1883 vom Chemiker Moritz Honigmann entwickelt. Ähnelte der Dampflokomotive, wurde aber nicht mit Kohle sondern mit heißer Natronlauge beheizt. Dadurch gab es keine Feuer- und Rauchbildung, es strömte kein Dampf aus und die Lokomotive konnte relativ lange fahren. Hatte also deutliche Vorteile gegenüber den damals verbreiteten Pferdebahnen und der noch jungen Dampflok. Konnte sich aber trotzdem nicht durchsetzen – warum ist bis heute unklar. 1885 stellte die Aachener und Burtscheider Pferdebahngesellschaft den Betrieb der Natronlok nach nur einem Jahr ein.

Foto: streetsm
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10. Esperanto
Eine Weltsprache, in der sich Menschen aus allen Ländern und Kulturen verständigen können – das war die Vision des polnischen Augenarztes Lejzer Ludwik Zamenhof, als er 1887 die von ihm erfundene Kunstsprache Esperanto vorstellte. Hätte funktionieren können, schließlich griff Esperanto den Gedanken der Globalisierung auf. Doch alle Versuche, Esperanto zu internationaler Bedeutung zu verhelfen, scheiterten – unter anderem weil die Globalisierung lieber auf eine reale Weltsprache setzte: englisch.

Foto: Corbis/REUTERS/Alessandro Bianchi