Megatrends

Neue Materie

Autor: Sonja Hausmanns |
Foto: Benedikt Rugar (Illustrationen)
Jeder Unternehmer sucht Wachstumsfelder. In einer komplexen Welt wird es immer schwerer, gute Ideen zu entdecken. Haniel geht die Suche nach neuen Geschäftsfeldern daher mit System an – und viel Geduld.

1. Analyse

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Mit welchen Geschäftsmodellen lässt sich langfristiger Gewinn erzielen? Um Antworten auf diese Frage zu finden, beschäftigt sich Haniel schon lange mit den Trends der Zukunft und leitet daraus potenzielle Investitionsmöglichkeiten ab. Doch während sich in der Vergangenheit vielleicht ein oder zwei große Strömungen für die kommenden Jahrzehnte abzeichneten – etwa die Industrialisierung oder der Trend zur Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft – identifizieren Zukunftsforscher heute gleich Dutzende Megatrends mit erheblicher Auswirkung auf Gesellschaft und Wirtschaft. „Um diese zunehmende Komplexität zu meistern, hat Haniel die Beschäftigung mit der Zukunft immer weiter systematisiert und professionalisiert“, erläutert Vorstandsvorsitzender Stephan Gemkow.

Mehr als ein Blick in die Kristallkugel

Ein erstes großes Projekt dazu startete in den 1990er-Jahren, als sich Haniel unter anderem von der Seeschifffahrt trennte und in den Hygienedienstleister CWS investierte. Heute erfolgt die methodische Analyse kontinuierlich, ergänzt durch strategische Initiativen, in denen sich das Unternehmen konzentriert mit Megatrends auseinandersetzt und lohnende Investitionsmöglichkeiten ableitet. „Zuletzt war dies 2010 der Fall, als unter meinem Vorgänger fünf für uns aussichtsreiche Megatrends und sich daraus ergebende Geschäftsmodelle benannt wurden“, sagt Gemkow. „Im Zuge der Finanzkrise hat Haniel die damals gewonnenen Investitionsideen aber auf Eis gelegt und im vergangenen Jahr dann zunächst den Schuldenabbau umgesetzt. Jetzt befinden wir uns in einer soliden finanziellen Position, aus der heraus wir uns in Ruhe mit möglichen Investments beschäftigen können.“

2. Struktur

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Um die globalen Megatrends im Blick zu behalten und Investitionsmöglichkeiten zu erkennen, braucht es Experten. Diese arbeiten bei Haniel in der Abteilung Konzernentwicklung und Mergers & Acquisitions. Zudem werden bei Bedarf externe Fachleute hinzugezogen, die beispielsweise wichtige Daten zu den Auswirkungen verschiedener Megatrends liefern. Dazu kommt ein neuer Ansatz von Haniel: Um Aufschluss über die Bedeutung einzelner Megatrends für unterschiedliche Branchen zu erhalten, bezog die Abteilung Konzernentwicklung Anfang des Jahres erstmals Kollegen aus allen Holding-Abteilungen ein – etwa Personal, Steuern oder Kommunikation.

Matrix mit zwölf Megatrends

Als Grundlage dient eine Matrix mit zwölf Megatrends, die Haniel als relevant für das eigene Portfolio einstuft, etwa neue Mobilitätsmuster, digitale Kultur, Klimawandel oder wissensbasierte Ökonomie. Für knapp 250 Branchen sollten die Kollegen bewerten, ob sich ihrer Meinung nach die Megatrends positiv oder negativ auf das Geschäft auswirken werden. „Dabei ging es uns nicht darum, dass sich die Kollegen intensiv in die Trends und Branchen einarbeiten“, erläutert Ulrich Dickel, Abteilungsdirektor Konzernentwicklung und Mergers & Acquisitions. „Vielmehr waren wir an einem Bauchgefühl interessiert. Das heißt, die Teilnehmer hatten etwa zehn Sekunden Zeit pro Einschätzung – heraus kamen dann knapp 110 000 Datenpunkte.“ Lassen sich auf dieser Basis tatsächlich Investitionsentscheidungen treffen? „Natürlich nicht. Aber diese intuitive Einschätzung ist eine wichtige Ergänzung, schließlich beruht auch Intuition auf Fakten, die wir meist aber nur noch unterbewusst abgespeichert haben. Und trotz 40 Teilnehmern haben wir ein sehr konsistentes Bild erhalten. Das spricht für die Relevanz unserer Methode.“ Derzeit ist das Team um Dickel dabei, die hoch priorisierten Branchen weiter zu analysieren und Unternehmen zu identifizieren, die das Portfolio von Haniel sinnvoll ergänzen könnten.

3. Machbarkeit

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Bevor ein Unternehmen investieren kann, muss klar sein, in welcher Größenordnung. Hier geht es um den finanziellen Spielraum, aber auch um die eigene Leistungskraft. „So, wie die Holding derzeit aufgestellt ist, sehen wir uns in der Lage, für Investitionen rund 1,3 Milliarden Euro einzusetzen und ein Portfolio mit etwa zehn Beteiligungen zu führen“, betont Gemkow. „Das wären sechs Beteiligungen mehr als derzeit. Natürlich wird es gerade in der Übernahmephase eine Herausforderung für das gesamte Haniel-Team bedeuten. Aber ich bin mir sicher, dass wir darauf gut vorbereitet sind.“

4. Auswahl

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Ein engmaschiger Investitionsfilter mit sieben Kriterien garantiert, dass nur Übernahmekandidaten in die engere Wahl kommen, die 100-prozentig zu Haniel passen. „Bei neuen Geschäftsmodellen kommt es uns darauf an, dass das Geschäftsmodell einen Beitrag zur Diversifikation des Haniel-Portfolios leistet, zukunftsfähig ist und sich ein angemessener Wertbeitrag realisieren lässt“, erläutert Gemkow die ersten drei Kriterien.

Führungsanspruch geht vor

Zudem legt das Unternehmen Wert darauf, dass potenzielle Übernahmekandidaten nicht börsennotiert sind, da solche Transaktionen aufgrund der geltenden rechtlichen Hürden insbesondere in Deutschland mit steigenden Risiken verbunden sind. Außerdem wäre es für Haniel in diesem Fall schwieriger, den eigenen Führungsanspruch durchzusetzen. Aus diesem Grund beansprucht Haniel im Zielunternehmen auch eine klare Mehrheitsposition. „Darüber hinaus erwarten wir, dass die neuen Unternehmen beziehungsweise Geschäftsmodelle einen positiven Beitrag zu unserem Nachhaltigkeitsverständnis leisten. Letztlich legen wir Wert auf einen kulturellen Fit und eine vertraute Governance-Umgebung.“

5. Zeitrahmen

Angesichts der gegenwärtigen Marktverhältnisse ist es ein ehrgeiziges Ziel, Unternehmen zu kaufen, ohne einen unangemessenen Preis zu zahlen. Dessen ist sich Gemkow bewusst: „Wir wären glücklich, wenn uns 2014 bereits die erste Übernahme gelänge. Andererseits ist hier Geduld gefragt. Zum Wertentwickler wird man nicht, wenn man zu teuer einkauft.“ Da ist es gut, dass Haniel nicht unter Zeitdruck ist – auch wenn das Ziel klar vor Augen steht: Gewinne für Generationen.