Mittelstand

Der Micro-Ständler

Autor: Alexander Runte |
Foto: Toby Binder
Als Unternehmer und Mitglied der Familie Haniel kennt Daniel Groos das Leben als Mittelständler und Gesellschafter in der Unternehmensgruppe. Auch wenn die Unterschiede groß sind, können alle voneinander lernen.

Ein Münchner Biergarten und McKinsey sind am Ende dafür verantwortlich, dass Daniel Groos Unternehmer wurde. In dem Biergarten hatte er Mitte der Neunzigerjahre die Idee, eine Art Tacho für Inlineskater zu entwickeln. Ein Gedanke, den Groos, der als Mitglied der Haniel-Familie im Beirat sitzt, bei einem Businessplan-Wettbewerb der Unternehmensberatung McKinsey wieder hervorholte: „Mit meinem Plan war zwar kein Blumentopf zu gewinnen, aber ich wollte ja vor allem lernen, wie man so einen Plan schreibt“, erklärt der studierte BWLer und promovierte Maschinenbauer in seinem kleinen Büro in München-Giesing, nahe der Isar.

Und so meldete er ein Patent an und ging erst mal zu Dornier nach Friedrichshafen, um dort zu arbeiten, denn Unternehmer wollte er eigentlich nicht werden. Bei Dornier wurde er als jüngster Mitarbeiter gleich mit Sozialplänen konfrontiert, als es dem Unternehmen nicht so gut ging: „Und dann war die Frage: Was machst du dann?“ Es folgte ein Crashkurs in Unternehmensgründung, bei dem Groos alle Höhen und Tiefen des Unternehmertums kennenlernte – von begeisterten Großkunden, die ihm den Inlineskate-Tacho direkt von der Messe wegkauften, bis zur desillusionierten Einsicht, dass ein kleines Unternehmen im Outdoorbereich kaum eine Chance hat, von null eine Marke für Verbraucher aufzubauen. Dass Groos sein Unternehmen Microsport nun doch zum Mittelständler – er selbst nennt sich einen „Microständler“ – mit etwa zehn Mitarbeitern rund um München und etwa 150 Angestellten im chinesischen Shenzhen ausbaute, verdankt er einem schnellen Strategiewechsel.

Der Micro-Ständler

Bitte hier lang: Microsport produziert unter anderem GPS-Geräte zum Wandern

Anstatt selbst Produkte zu vertreiben, bietet Microsport heute Outdooruhren, GPS-Empfänger oder Höhenmesser als Original Equipment Manufacturer Outdoorherstellern an, die die Produkte unter ihrer eigenen Mar-ke verkaufen: „Wir verbinden europäischen Entwicklungsstandard mit asiatischen Fertigungskosten“, erzählt Groos, auch wenn er nun plant, die Produktion der jährlichen 100 000 Einheiten nach Deutschland zu holen – er sei nach 15 Jahren in China ziemlich desillusioniert, was die Loyalität der Mitarbeiter betreffe. Zum Glück seien die Kunden heute eher bereit, für Made in Germany höhere Preise zu bezahlen als früher. Ein Trend, dem Groos allzu gerne folgt: „Wir können hier sehr schnell reagieren.“

Flexibel und schnell reagieren

Diese Flexibilität sei es, die sein Unternehmen am meisten von Haniel unterscheide, sagt Groos: „Bei Haniel hat man mehr Verantwortung für die Mitarbeiter und kann auch nur langsam einen eingeschlagenen Kurs wechseln.“ Er selbst sei aber jemand, den Taten interessierten. Im 30-köpfigen Beirat, der als beratendes Gremium zwischen den Familiengesellschaftern und dem Aufsichtsrat geschaltet ist, sei er häufig der „Impulsgeber, der konkrete Maßnahmen einfordert und wo immer möglich selbst aktiv an notwendigen Veränderungen mitwirkt“, sagt Groos, dessen Vater bereits Mitglied im Kleinen Kreis und im Aufsichtsrat war.

Auf der anderen Seite lerne er selbst auch einiges: „Wenn ich da von unseren Vorständen Managementmaßnahmen auf einem so hohen Niveau vorgeführt bekomme, kann ich mir für mein Unternehmen sehr viel abschauen.“ In Beirat und Familie finde er auch immer wieder kompetente Ansprechpartner für alle möglichen Probleme. Dieses Netzwerk habe ihm nicht nur in der Gründungs- und Finanzierungsphase beratend zur Seite gestanden und auch bei Bilanzierungsfragen geholfen. Es seien darüber hinaus sogar ganze Geschäftsideen so entstanden.

Als es mal um die Prüfungsbranche ging, verknüpfte Groos diese Idee mit seiner Begeisterung für Elektrofahrräder: „Man kann in der Stadt immer

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Neues erfinden statt Langeweile – mit Prüfständen für Elektrofahrräder baute Daniel Groos einen zweiten Geschäftsbereich auf: „Da sind wir am Anfang, dafür schlägt mein Herz“

überall hinfahren, kann im Anzug fahren, braucht keinen Parkplatz, und auf dem Rückweg stellt man den Motor aus und kann das Hemd schön durchschwitzen“, erzählt Groos begeistert. Denn gleichzeitig lassen sich die Hightechfahrräder kaum mehr mit den Methoden eines Fahrradhändlers warten. Mit dem echecker, wie die neue Business-Division heißt, können nun Hersteller, Prüfinstitute wie der TÜV und Fachzeitschriften die Leistung der Räder prüfen: „Das Geschäft läuft su- per“, sagt Groos, „wir können gar nicht schnell genug liefern.“ Da nehmen er und seine Mitarbeiter auch Zusatzschichten in Kauf: „Dafür schlägt momentan mein Herz, da sind wir halt noch so am Anfang.“ Als nächste Kundengruppe hat Groos die Polizei entdeckt – schließlich lassen sich auch Elektrofahrräder frisieren und kontrollieren. Ein weiteres Geschäftsfeld ist der Ausbau der Serviceverträge; übrigens auch ein Thema, bei dem er auf Know-how von Haniel zurückgreifen konnte, als es darum ging, wie solch ein Vertrag aussehen muss.

„Mittelständler zu sein ist die Adelung schlechthin“

„Die Familie hat mir viel gegeben“, sagt Groos, deshalb sei ihm auch stets klar gewesen, dass er Verantwortung übernehmen würde, wenn er etwas beitragen könnte: „Meine Mutter hat sich zusammen mit Klaus Haniel als kongeniales Team um die Jugendveranstaltungen gekümmert“, während sein Vater das Aletta Haniel Programm initiierte, das sich um die Bildung von benachteiligten Jugendlichen kümmert: „Wie mein Vater bin ich der Meinung, dass man diejenigen fördern sollte, die aus schwierigen Familienverhältnissen kommen und eigentlich hinten runterfallen.“ Das sei ja das Gute bei der Familie Haniel: Jeder könne sich einbringen und Verantwortung übernehmen: „Zum Glück besteht die Familie ja nicht nur aus Zahlenmenschen“, sagt Groos, auch wenn er natürlich dazu gehört.

Das Gespräch ist eigentlich schon zu Ende, Daniel Groos bereits auf dem Weg zum nächsten Termin, als er noch über das sprechen will, was ihm wichtig ist: „die dunklen Momente eines Unternehmers“, wie er sie nennt. „Das hört sich sonst alles zu glatt an, doch so war es nicht, und so ist es auch nicht.“ Also erzählt er von den durchwachten Nächten, den bohrenden Fragen, von welchem Umsatz die Angestellten im nächsten Monat bezahlt werden sollen. Und fügt noch die Geschichte mit seinem Geburtstag an, den er in Hongkong vor Gericht verbrachte. Es ging um einen Geschäftspartner, der ihm Geld schuldete, Groos gewann den Prozess, der Geschäftspartner meldete am nächsten Tag Insolvenz an, das Geld war weg, und Groos fragte sich: „Was mache ich hier, wenn ich doch eigentlich den Tag mit meiner Familie verbringen könnte?“

Wichtig sei, dass man als Unternehmer bei all den Strapazen merke, wofür sich die Arbeit lohne: Man trage ja nicht nur Verantwortung und könne Ideen umsetzen, sondern erlebe jeden Tag neue Chancen und Herausforderungen. Da sei nicht alles Schwarz und Weiß, es sei immer irgendwo Grau dazwischen. Wohin das Unternehmertum Daniel Groos genau hinführt, ist offen: „Doch wenn irgendeiner mal sagen würde, meine Firma gehöre zum Mittelstand, das wäre die Adelung schlechthin.“

Daniel Groos hat mit einem Prüfstand für Elektrofahrräder einen weiteren Geschäftsbereich für Microsoport aufgebaut. Mehr im Video-Beitrag „Der Innovator und Macher“.