Mittelstand

Digitalisierung: Silicon Valley vs. Mittelstand

Foto: WIRED, Klemens Horvarth, Glow Images, istockphoto, shotshop
Die grösste Gefahr für den Mittelstand liegt in der Digitalisierung: Hängt das Silicon Valley die sonst so innovationsfreudigen mittelständischen Unternehmen ab? Ein Pro & Contra.

Wer ist schneller? Das Silicon Valley!

Die Architekten unserer Zukunft sind die Programmierer. Sie sind es, die Dinge denken und erschaffen können, „von denen die meisten nicht einmal wissen, dass sie nichts von ihnen wissen“. So hat es Xing-Gründer Lars Hinrichs einmal ausgedrückt. In seinem Satz steckt die ganze Kraft des Silicon Valley, die unsere Gesellschaft weiter umwälzen wird. Das Silicon Valley – es ist nur das Pars pro Toto für die Macht der Digitalisierung – wird jedes Geschäftsmodell herausfordern. Wir alle kennen die Bei­spiele von einst großen Firmen, die in kürzester Zeit weg­gespült wurden.

Nikolaus Roettger ist Chefredakteur des Digitalkulturmagazins WIRED.

Nikolaus Roettger ist Chefredakteur des Digitalkulturmagazins WIRED.

Die Old Economy verschläft den Wandel

Selbst Hersteller von Produkten, die eher selten über das Internet gekauft werden, merken den Wandel: Früher gingen Autokäufer im Schnitt sieben Mal zum Händler, heute sind es nur noch ein bis zwei Besuche. Alle Infos stehen ja im Netz. Wie verändert das die Kundenbindung? Die Gefahr ist, dass die Old Economy den technologischen Wandel verschläft. Warum wird ein selbstlernendes Thermostat von dem Start-up Nest Labs erfunden (2014 für mehr als drei Milliarden Dollar von Google gekauft) – und nicht vom deutschen Mittelstand? Was passiert eigentlich, wenn sich künftig jeder selbst Dichtungsringe aus dem 3D-Drucker lassen kann? Und das sind nur die Bereiche, in denen wir die Macht der Veränderung heute schon erahnen. Es gibt Unzähliges, von dem wir nicht einmal wissen, dass wir nichts davon wissen.

Das Einzige, was wir wissen können: Veränderung und Innovation passieren immer schneller. Darauf muss sich jedes Unternehmen einstellen, dann wird es auch Antworten finden. Nicht sofort vielleicht.  „Trial and Error“ – das ist eines der wichtigsten Prinzipien, die der Mittelstand vom Silicon Valley lernen kann. Denn nur wer bei einzelnen Projekten auch zum Scheitern bereit ist, kann daran arbeiten, selbst zum Architekten des digitalen Wandels zu werden.


Nein, der Mittelstand!

Aus allen Ecken schallt es, die Digitalisierung sei der Megatrend schlechthin. Internet der Dinge oder Industrie 4.0 heißen die Schlagworte. In Zukunft sollen sich miteinander kommunizierende Maschinen in vollautomatischen Fabriken selbst warten, alle elektronischen Geräte zu Hause miteinander vernetzt sein: Der leere Kühlschrank bestellt neues Essen, die Waschmaschine schaltet sich ein, wenn der Strom am günstigsten ist, und das Auto sagt dem Thermostat zu Hause, wann die Heizung warm sein soll.

Die Unternehmen, die hier frühzeitig dabei sind, werden weltweit die gängigen Standards definieren und Milliarden verdienen, sagen die Experten übereinstimmend. In Studien wird davon ausgegangen, dass die Digitalisierung bis 2022 allein in Deutschland eine zusätzliche Wertschöpfung von 700 Milliarden Euro generieren kann.

Til Knipper ist Ressortleiter Kapital des Debattenmagazins Cicero.

Til Knipper ist Ressortleiter Kapital des Debattenmagazins Cicero.

Eine Chance für den Mittelstand

Eine Chance für den Mittelstand, der schon immer Ideen und Produkte für konkrete Probleme lieferte und intelligent durchdachte Lösungen entwickelte. Denn das Silicon Valley mag zwar gut darin sein, der Digitalisierung immer weiter neue Geschäftsmodelle abzutrotzen, aber es versteht
kaum etwas von industriellen Prozessen. Daher wird Facebook auch in Zukunft keine Schrauben herstellen, Apple nicht zum Maschinenbauer avancieren und Google auch keine Waschmaschinen produzieren.

Die US-Internetgiganten könnten hier auch eher freundschaftlich verbundene Partner als Konkurrenten sein, denn für die deutschen Mittelständler ist die Digitalisierung eher Chance als Bedrohung. Das industrielle Know-how besitzen sie ohnehin, und die digitalen Lösungen helfen ihnen, die eigenen Prozesse zu verschlanken und noch produktiver zu werden. Dass der deutsche Mittelstand sich mit seinen kurzen Entscheidungswegen den Bedürfnissen der Kunden anpassen kann, stellt er schon seit Jahrzehnten unter Beweis.