Mittelstand

Königsweg oder Sackgasse?

Foto: Julian Rentzsch (Zeichnung)
Kontinuität, finanzielle Sicherheit und ein wenig Glanz für das scheidende Oberhaupt? Familienstiftungen erweisen sich als tückische Modelle, wie Kay Windthorst weiß.

Immer mehr deutsche Familienunternehmer regeln ihre Nachfolge, indem sie eine Stiftung gründen. Existierten 2000 noch 535 Familienstiftungen, waren es 2010 bereits 700 – und die Zahl dürfte weiter gestiegen sein. Auf den ersten Blick wirkt die Lösung charmant, scheint sie doch wirtschaftliche und rechtliche Aspekte ebenso zu berücksichtigen wie persönliche Erwägungen des Stifters. Bei genauer Betrachtung kostet sie aber oft einen hohen Preis. Denn Familienstiftungen unterliegen komplexen Bedingungen und folgen einer anderen Logik als Unternehmen.

Welche Chancen und Risiken bestehen im Einzelnen? In wirtschaftlicher Hinsicht erhofft sich der Stifter vor allem den dauerhaften Erhalt seines Unternehmens, dessen Führung er über die Satzung der Stiftung bis über seinen Tod hinaus mitbestimmen kann. Genau dadurch droht die Führung allerdings zu erstarren. Flexible Reaktionen auf Herausforderungen wie die Digitalisierung werden erschwert. Zudem wollen viele Stifter mit der Ernennung des Stiftungsvorstands ihre personelle Nachfolge regeln. Tatsächlich handelt es sich oft um einen Aufschub der Entscheidung. Schließlich muss nun jener Vorstand den nächsten Unternehmensleiter suchen. Und erweist sich der Vorstand selbst als ungeeignet, ist die Wahl kaum zu korrigieren.

Aus rechtlicher Sicht wiederum sollen Stiftungen etwa Gläubigern den Zugriff auf das Familienvermögen verwehren – sollte ein Nachkomme in finanzielle Nöte geraten. Dabei wird leicht übersehen, dass seine Ausschüttungsansprüche pfändbar sind. Außerdem verliert die Familie den Zugriff auf das Vermögen. Aus Familienvermögen wird unumkehrbar Stiftungsvermögen.  Wegen der Komplexität des Themas benötigen Stiftungen auch eine sehr umfassende Beratung.

Persönlich erhoffen sich viele Stifter vor allem eine Wahrung des Familienfriedens. Indem sie die Unternehmensanteile nicht einzelnen Nachkommen überschreiben, sondern der Stiftung, ziehen sie jedoch eine neue Konfliktlinie, die nun zwischen dem Stiftungsvorstand und dem ihn überwachenden Kuratorium verläuft, in dem meist die Nachkommen sitzen. Diese profitieren von den Ausschüttungen, sind aber von ihrem Vermögen getrennt und „nur noch“ Begünstigte der Stiftung.

Auf den Punkt gebracht: Stiftungen und Unternehmertum widersprechen sich in ihren Denk- und Verhaltensmustern grundsätzlich. So wollen Stiftungen Bestehendes bewahren, müssen starr dem Stifterwillen folgen und komplexe rechtliche Bedingungen berücksichtigen. Familienunternehmer sind offen für Veränderungen, wollen durch schöpferisches Gestalten Werte schaffen und zeichnen sich durch Klarheit und Geradlinigkeit aus. All das schließt nicht aus, dass eine Stiftung in Einzelfällen sinnvoll sein kann. Zuvor sollte jedoch nach anderen Lösungen gesucht werden. Fällt die Entscheidung für eine Stiftung, sollten alle Eventualitäten abgeklärt sein, was Beratung und verbindliche behördliche Auskünfte erfordert. Andernfalls droht der vermeintliche Königsweg in der Mausefalle zu enden.


Prof. Dr. Kay Windthorst studierte Jura in München und habilitierte an der Universität zu Köln. An der Universität Bayreuth ist er seit 2011 Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht, Rechtsdogmatik und Rechtsdidaktik sowie geschäftsführender Direktor der Forschungsstelle für Familienunternehmen. Zu seinen Schwerpunkten zählen europäisches Wirtschaftsrecht und die rechtlichen und wirtschaftlichen Bedingungen für Familienunternehmen.