Mittelstand

Managementfehler: Acht Fallstudien

Autor: Liane Rapp |
Foto: Frank von Grafenstein (Illustration)
Bei den meisten Geschäftsinsolvenzen in Deutschland spielen Managementfehler eine entscheidende Rolle. Schauen wir uns das mal genauer an.
Acht Fallstudien

1. Zu schnelles Wachstum

enkelfaehig_0115_scheitern_02Ein Fehler, den vor allem viele Gründer machen. Wie Claudia Helming, die 2006 in Berlin den Onlinemarktplatz DaWanda aus der Taufe hob: „Bei Neugründungen ist es wichtig, dass man sehr realistisch an die Sache rangeht. In Excel kann man sich wahnsinnig viel schönrechnen.“ Nach schnellem Wachstum musste die Unternehmerin 2012 sieben Prozent der rund 150 Angestellten entlassen, um wieder ihr Kerngeschäft in den Fokus zu nehmen. Wenn ein Unternehmen zu schnell wächst, riskiert es leicht seine Flexibilität – die ist aber wichtig, um sich am Markt „lernend“ zu etablieren.

2. Klimawandel in der Wirtschaft

Ganz rasch kann ein verändertes Wirtschaftsklima kleinen und mittleren Unternehmen zu schaffen machen. So auch der Kaimann GmbH, die Dämmstoffe herstellt (90 Millionen Euro Umsatz, 330 Mitarbeiter). Infolge der Finanzkrise erlitt das Unternehmen wegen bereits erfolgter Investitionen bei stagnierenden Umsätzen Verluste. Um die Beziehungen zu den Finanzpartnern zu stabilisieren, wurden fortan monatliche Reportings mit eingehenden Soll-Ist-Vergleichen übermittelt und die Gespräche mit den Finanziers intensiviert.

3. Der Markt verändert sich

Produkte, die heute noch gut laufen, können morgen schon abgehängt sein. Wer den entscheidenden Zeitpunkt übersieht, droht ein Opfer des wirtschaftlichen Wandels zu werden. Kleine und mittlere Unternehmen haben oft nicht die Kapitalausstattung, um unternehmerische Durststrecken längere Zeit durchzustehen. So erging es etwa dem Traditionsunternehmen Schimmel: Aufgrund schwerer Absatzeinbrüche, vor allem in den USA, musste der Klavierbauer aus Braunschweig 2009 Insolvenz anmelden und rund 20 der 145 Mitarbeiter entlassen.

4. Keine Innovation und kein Durchhaltevermögen

enkelfaehig_0115_scheitern_04Thomas Alva Edison probierte über 9000 Glühfäden aus, bis er erfolgreich eine Glühbirne zum Leuchten brachte. Tatsächlich sind marktreife Innovationen rar gesät. Laut einer Studie des Bochumer Instituts für angewandte Innovationsforschung mündet „nur jedes 16. Innovationsprojekt in Deutschland in einen Markterfolg“. Alexander Böck und Marcus Praschinger hatten 1995 die Idee für das „wombat’s CITY HOSTEL“, 1999 wurde das erste Haus eröffnet, heute gibt es acht Standorte in ganz Europa: „Es war wichtig, uns von Rückschlägen nicht unterkriegen zu lassen und das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.“ Fünf Jahre gingen die beiden von einer Bank zur nächsten für einen Kredit, aber keines der Institute wollte ihre Idee unterstützen. Erst bei der KABAG Kapital-Beteiligungs AG fanden sie Gehör und konnten mit dem ersten Haus starten.

5. Fehlende BWL-Kenntnisse

Ein großes Problem für inhabergeführte Unternehmen:  „Die haben einen Tunnelblick“, sagt Gert Schloßmacher, Vorstandsmitglied des Kreditversicherers Euler Hermes, „sie wollen die Schieflage nicht wahrhaben, weil sie sich dann ihr eigenes Versagen eingestehen müssten.“ Peter Wiedemann, Geschäftsführer der Recycling-firma WIPAG Gruppe, ist gelernter Ingenieur und besuchte eine Controlling-Akademie: „Früher hatte ich meine Kostenstruktur im Kopf, heute braucht es ein fundiertes Zahlenwerk, um einer erfolgreichen Finanzkommunikation gerecht zu werden.“

6. Zu hohe Fixkosten

enkelfaehig_0115_scheitern_06Die aus England stammende Unternehmerin Anne Koark musste mit ihrer in München angesiedelten Beratungsfirma „Trust in Business“ Insolvenz anmelden, weil sie durch die hohen laufenden Kosten, vor allem für die Miete von überdimensionierten Büroräumen, in finanzielle Bedrängnis geriet. Nachdem sie das Insolvenzverfahren erfolgreich abgewickelt hatte, verschrieb sie sich der Entstigmatisierung des Scheiterns und gründete den Verein „B.I.G. – Bleib im Geschäft“. Für ihr Bemühen, Insolvenz gesellschaftsfähig zu machen, erhielt Anne Koark den Sonderpreis beim Großen Preis des Mittelstandes.

7. Defizite in der Organisation

enkelfaehig_0115_scheitern_03Eine fehlende Unternehmensorganisation oder unzureichende Strukturen führen bei vielen  Mittelständlern zu Problemen. So auch bei dem auf Trocknungsanlagen und Fördertechnik spezialisierten Unternehmen von Bernd Münstermann in Telgte (40 Millionen Euro  Umsatz, 210 Mitarbeiter). 2003 schrieb er das erste Mal in 25 Jahren rote Zahlen und strukturierte daraufhin den ganzen Betrieb um, etwa durch die Einführung einer zweiten Führungsebene von sechs Abteilungsleitern und von „Kennzahlen-Cockpits“ mit taggenauen betriebswirtschaftlichen Informationen.

 

8. Schlechte Akquise und noch schlechteres Marketing

Fast hätten die Schweizer Brüder Markus und Daniel Freitag hingeschmissen – 1993 hatten sie den genialen Einfall, billig eingekaufte Lkw-Planen in einer Behindertenwerkstatt zu Taschen umfertigen zu lassen. Doch jahrelang warf die Idee kein Geld ab. Erst als sie auch in Öffentlichkeitsarbeit investierten und ihre „Freitag-Taschen“ Kultstatus erreichten, wurden sie auch unternehmerisch erfolgreich. Heute werden jährlich 400 000 Taschen hergestellt, die in zehn eigenen Läden und bei 470 Händlern verkauft werden.

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