Mittelstand

Was macht den Mittelstand aus?

Autor: Janina Groffmann |
Foto: Anne Vagt (Illustration)
Welche Bedeutung hat der Mittelstand? Und wie könnte man ihn noch verbessern? enkelfähig hat sechs Haniel-Mitarbeiter in den Entwicklungs-Workshop geschickt.

Fliehender Wechsel

Fliehender Wechsel

Philip von Le Suire (35) arbeitet als Kategoriemanager im Einkauf bei Haniel in Duisburg

Meine Familie gehörte selbst mal zum Mittelstand. Bis 1990 waren wir Anteilseigner an einer Teppichfabrik in Oberfranken mit 160 Mitarbeitern. Die Teppichproduktion hatte in meiner Familie mütterlicherseits Tradition, so hat mein Ururgroßvater vor etwa 180 Jahren mit der Teppichproduktion in Thüringen begonnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Fabrik meines Großvaters mit damals 680 Angestellten enteignet, und er musste in den damaligen Westen fliehen und dort wieder von Null anfangen. Dies zeigt die persönliche, fast familiäre Beziehung, die in einem solchen Unternehmen herrschen kann. Viele der damaligen Angestellten meines Großvaters haben beispielsweise ihre Heimat verlassen und sind mit ihren Familien in den Westen gezogen, um dort mitzuhelfen, das Unternehmen wieder aufzubauen. Die Mitarbeiter sind der Schlüssel für einen Mittelständler. Wenn diese sich mit dem Unternehmen und dem Unternehmer identifizieren, kann ein Unternehmen auch schon einen Standortwechsel verkraften.


 

Wachstumsprognose

Wachstumsprognose

Alexa Schuster (47) leitet die PREMIUM Kundenbetreuung bei CWS-boco in Dreieich

Welche Branchen werden in Zukunft für den Mittelstand am interessantesten sein?

Food, Beauty und Gesundheit. Allgemein glaube ich, dass jedes Unternehmen eine Zukunft hat, das sich mit Handwerk, kreativen Ideen oder gutem Essen beschäftigt, wo der Chef ein Vorbild für jeden Mitarbeiter ist und nachhaltig produziert und gearbeitet wird. Unternehmen, mit denen sich die Mitarbeiter identifizieren können und in denen man sich im besten Fall mittags zum Essen trifft. Mein persönliches Vorbild sind Menschen wie Michele Ferrero! Sein Unternehmen ist dem Mittelstand zwar schon lange entwachsen, aber er war trotzdem immer nah an den Mitarbeitern und jeden Tag aktiv im Geschäft.

Was braucht ein Produkt, damit ein Mittelständler damit erfolgreich sein kann?

Es muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und Qualität zu einem soliden Preis bieten. Im Idealfall verfügt es über ein Alleinstellungsmerkmal, ein gutes Design und ein smartes Marketingkonzept – dabei reicht manchmal schon ein einprägsamer Slogan!

Wie müsste das ideale mittelständische Unternehmen sein?

Es müsste flache Hierarchien geben und einen bodenständigen, innovativen, neugierigen und aufgeschlossenen Chef, der voller Leidenschaft für sein Produkt oder seine Dienstleistung ist. Das Logo sollte jeden ansprechen, egal wie alt er ist. Das Gleiche gilt für die Verpackung, die zudem möglichst wenig Müll produzieren sollte.


Checkliste für den Mittelständler

 

Die Checkliste für Mittelständler

Stefan Zitterbart (45) leitet bei CWS-boco in Dreieich die Personalentwicklung

Was braucht ein Produkt, damit ein Mittelständler damit erfolgreich sein kann?

Die Mitarbeiter müssen das Produkt verstehen, das Unternehmen muss sich damit identifizieren können, und der Kunde muss es benötigen – vor der Entwicklung sollte also der Bedarf des Kunden abgefragt werden.

Wie sieht für Sie der ideale Mittelständler aus?

Ein idealer Mittelständler zeichnet sich durch den Spagat zwischen „Wir sind ein Familienbetrieb“ und „Wir wollen an die Börse“ aus. Dabei müssen alle Beteiligten jederzeit gut miteinander kommunizieren und die Ziele klar definiert sein.


The American Way of Mittelstand

The American Way of Mittelstand

Mike Brooks (45) ist Human Resource Director bei NBF in Milwaukee, USA

Was ist das Besondere an mittleren Unternehmen wie NBF?

Jeder Mitarbeiter kann einen Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten und bekommt dafür dieselbe Anerkennung – egal in welcher Position. Dadurch sind die Mitarbeiter motiviert, neue Ideen einzubringen. Das ist das Geheimnis unserer Innovationsfähigkeit.

Was für ein Bild haben Sie in Amerika vom deutschen Mittelstand?

Der Mittelstand ist der Rückhalt der deutschen Wirtschaft. Er zeichnet sich besonders durch fokussierte Geschäftsmodelle, ausgereifte Produkte und langfristige Beziehungen mit Mitarbeitern, Kunden und der Gesellschaft aus.

Was können amerikanische Unternehmen vom deutschen Mittelstand lernen?

Mittelständler sind Experten in ihrem Bereich, viele amerikanische Unternehmen sind hingegen zu breit aufgestellt. Sie sollten sich lieber darauf fokussieren, eine Sache richtig gut zu machen. Auch das deutsche Ausbildungssystem wird mehr und mehr zum Vorbild für amerikanische Konzerne.

Und andersherum?

Deutsche Unternehmen scheuen Risiken und verpassen so wichtige Chancen. Beide Kulturen zusammen würden das perfekte Gleichgewicht zwischen schneller Reaktion und langfristiger Planung ergeben.


Risikomanagement

Risikomanagement

Carolin Seelgen (29) ist Produktmanagerin boco bei CWS-boco in der Zentrale in Dreieich

Welche Berührungspunkte haben Sie in Ihrem Job mit Mittelständlern?

In meiner Funktion als Betreuerin des Kundenbindungsprogramms „Unternehmer-Kreis Handwerk“ (UKH) für langjährige Kunden aus kleinen und mittelständischen Unternehmen in verschiedensten Handwerksbranchen habe ich intensiven Kontakt zu Mittelständlern. Das sind häufig Familienunternehmen, in denen der Chef selbst mit anpackt und die Ehefrau das Regiment führt. Der Chef hat engen Kontakt zu seinen Mitarbeitern, und ihre Wünsche liegen ihm am Herzen. Denn er weiß, dass sein Erfolg als Unternehmer stark von seinen Mitarbeitern abhängt. Deshalb setzt er sich auch notfalls persönlich dafür ein, dass bei der Berufskleidung seiner Mitarbeiter alles passt.


App in die Zukunft

App in die Zukunft

Dr. Christian Warns (36) ist Bereichsleiter Finanzen/Investor Relations bei TAKKT in Stuttgart

Erfolgreiche Mittelständler vereinen für mich ausgeprägten Unternehmergeist mit Innovationsfreude und langfristig ausgerichteter Geschäftspolitik. Da gibt es viele Bereiche: Die Energiemärkte werden zunehmend dezentraler. Beispielsweise sind rund um das Thema Kraft-Wärme-Kopplung viele innovative Mittelständler neu entstanden. Aber auch elektrische Mobilität, die digitale Revolution sowie alle Produkte und Dienstleistungen im Bereich „Alterung der Gesellschaft“ werden sicher viele Chancen für Mittelständler mit sich bringen. Wenn ich selbst investieren würde, könnte ich mich an der Firma Otto Bock beteiligen. Das ist ein Unternehmen aus dem Gesundheitssektor, das etwa Prothesen und Rollstühle herstellt. Ich kenne zwar keine Finanzkennzahlen, aber das Unternehmen existiert seit über 90 Jahren und ist in einem trendgestützten Umfeld aktiv. Da ich aber demnächst wieder Vater werde, wäre für mich eine Art „Baby-Übersetzungs-App“ eine tolle Sache: eine App, die das Babygeschrei in verständliche Worte übersetzt. Das würde dem Baby und den Eltern viele schlaflose Nächte ersparen.