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relativ: Risiko und Beruf

Autor: Myrto-Christina Athanassiou |
Foto: Stefan Mosebach (Illustration)
Wie stark hängen Berufsbilder mit Risikoverhalten zusammen? Terry Thomson von Oxford Risk 
über vorsichtige Piloten, Zeitmangel und Persönlichkeitstests.

Sie haben einen Test entwickelt, mit dem Investoren ihr Risikoprofil einschätzen können. Warum braucht man so etwas?


Weil der Mensch dazu neigt, sich selbst verzerrt wahrzunehmen. Wir unterscheiden zum Beispiel die Bereitschaft, Risiken einzugehen, vom Vermögen, mit den möglichen Folgen einer riskanten Entscheidung umzugehen. Risikofreude betrachtet die Forschung als Charakterzug. Ein reicher Mensch kann zum Beispiel sehr viel Angst davor haben, dass sein Vermögen schmilzt, obwohl er größere Einbußen verkraften könnte, ohne dass es Auswirkungen auf seinen Lebensstil hätte. Solche und viele andere Faktoren gilt es zu berücksichtigen, wenn man vernünftige Investitionsentscheidungen treffen will.

Lassen sich mit solchen Tests Risikoprofile von Managern erfassen?


Da bin ich skeptisch, zumal der Umgang mit Risiken ja stark von den Zielen eines Unternehmens und seiner Kultur abhängt. Außerdem würde man so vernachlässigen, dass Menschen durch Erfahrung lernen: Ein Berufsanfänger, der vielleicht persönlich risikobereit ist, kann sich im Verlauf seines Lebens in einen beruflich sehr umsichtigen Profi verwandeln. Nur wenn die Rollen sehr klar sind, haben solche Tests Sinn.

Können Sie ein Beispiel nennen?


Im Cockpit eines Flugzeugs wünschen wir uns alle risiko-aversive Persönlichkeiten, weil ein Pilotenfehler eine Katastrophe auslösen kann. Auch im Projektmanagement sind Spielernaturen eher fehl am Platz. Andererseits wäre ein Börsenhändler mit dem Risikoprofil eines Piloten wahrscheinlich erfolglos. Den Luxus, über eine einzelne Order lange nachzudenken, haben diese Leute einfach nicht. Hauptsache, sie kompensieren Verluste am Ende wieder. Ob Menschen so etwas liegt, lässt sich besser testen als Managementfähigkeiten, die ja sehr komplex sind.

Management bedeutet, immer wieder Entscheidungen zu treffen. Welche Fehler passieren am häufigsten?


Viele schlechte Entscheidungen fallen vor allem, wenn man nicht alle Informationen zur Kenntnis nimmt, sie falsch interpretiert oder zu viel theoretisiert, wo Ausprobieren die bessere Lösung wäre. Aber Vorsicht: Man kann alle Regeln guter Entscheidungsfindung berücksichtigen – und trotzdem eine Niederlage einfahren, ohne dass man etwas falsch gemacht hätte.

Stimmt es eigentlich, dass Amerikaner risikobereiter sind als Deutsche?

Unsere Forschung zeigt, dass es innerhalb solcher Gruppen genauso viel Variation gibt wie zwischen ihnen. Je länger jemand einer Organisation angehört, desto stärker übernimmt er aber die dort herrschenden Standards. Das gilt auch für die interkulturellen Unterschiede: Ein Deutscher, der im Silicon Valley arbeitet, wird sich im Laufe der Zeit an die Kultur dort anpassen. Interessant ist übrigens, dass bei sehr wohlhabenden Menschen solche Faktoren kaum eine Rolle spielen: Ein reicher Inder unterscheidet sich in seinem Umgang mit Risiken kaum von einem reichen Finnen.


Terry Thomson erforscht mit Oxford Risk, einem Spin-off der Oxford-Universität, wie sich Verhaltensökonomie, Risikopsychologie und Mathematik für die Wirtschaft nutzen lassen.