Mut

Auf gute Mutarbeit

Autor: Janina Groffmann und Elena Brenk-Lücke
Ob im Beruf, für den Kick oder beim Spagat zwischen Beruf und Familie: Mutige Entscheidungen können vielen Formen annehmen. Sechs Mitarbeiter aus der Haniel-Gruppe erzählen, wann und wo sie an ihre Grenzen gegangen sind – und noch darüber hinaus.

„Ohne dieses Gefühl kann ich nicht leben

Isabell Rebecca Christiansen (35), IT-Vertragsmanagerin bei CWS-boco in Dreieich

Isabell Rebecca Christiansen (35), IT-Vertragsmanagerin bei CWS-boco in Dreieich

Angefangen hat alles an meinem 18. Geburtstag – mit einem Fallschirmsprung in die Volljährigkeit. Den haben mir meine Eltern geschenkt. Das war schon eine Überwindung, ich war unglaublich aufgeregt und hatte ein mulmiges Gefühl. Doch ich habe mir gesagt: „Was soll schon passieren? Andere haben das ja auch geschafft.“ So habe ich meine Angst überwunden – und es hat sich gelohnt: Als ich aus dem Flugzeug sprang, durchströmte Adrenalin meinen ganzen Körper. Mein Herz raste, ich grinste und hätte die ganze Welt umarmen können.

Ohne dieses Gefühl kann ich seitdem nicht mehr leben. Lange gab mir Fallschirmspringen nicht mehr den richtigen Kick. Den holte ich mir bei anderen Gelegenheiten – frei nach dem Motto: Geht nicht, gibt’s nicht! Zu meinem zehnjährigen Dienstjubiläum bei CWS-boco wurde mir 2007 eine Renntaxifahrt im Porsche auf dem Hockenheimring geschenkt. Drei Runden Vollgas – ein tolles Gefühl.

Doch mein aufregendstes Erlebnis war 2008 bei der Einweihung der Dreieich-Plaza: Damals bin ich zusammen mit anderen Kollegen kopfüber das neue Bürogebäude an der Hauswand heruntergegangen. Als ich über die Kante geschaut habe und den Asphalt direkt unter mir sah, musste selbst ich kurz schlucken. Doch nachdem der erste Schritt getan war, war es einfach nur toll! Ich würde es sofort wieder machen.

Für den „alltäglichen“ Kick springe ich wieder aus dem Flugzeug.

Angst bedeutet für mich Herausforderung. Risiko gibt es schließlich überall – es kann einem immer was passieren. Doch egal, welche Grenze man überwinden möchte, wichtig ist, dass man nie den Respekt verliert. Sonst wird man unvorsichtig – und das ist gefährlich.


Über die chinesische Mauer

Casrten Gries (45), Bereichsleiter Produktmanagement Kaiser+Kraft in Stuttgart

Carsten Gries (45), Bereichsleiter Produktmanagement Kaiser+Kraft in Stuttgart

Seit Mitte August kommen die ersten Sortimente wie Gurtabsperrungen oder Magnettafeln aus China und Taiwan in Deutschland an. Denn K+K lässt seine umsatzstärksten Produkte ab jetzt in Asien produzieren und bezieht sie direkt vom Hersteller. „Mit den Direktimporten sparen wir Kosten und Zwischenhändler. So können wir unsere Margen sichern und bestimmte Produkte im Bedarfsfall auch günstiger verkaufen“, erklärt Carsten Gries, Bereichsleiter Produktmanagement bei K+K EUROPA. Seit 2014 ist er auch für die Einführung der Direktimporte verantwortlich. Eine große Herausforderung. Denn bisher sind die Versuche gescheitert, Produkte von asiatischen Herstellern zu beziehen, weil K+K nicht die richtigen qualitätsorientierten Partner gefunden hatte.

Damit das diesmal nicht passiert, sind Gries und seine Kollegen an ihre Grenzen gegangen. Sie haben Tausende Kilometer auf Chinas Straßen zurückgelegt, Produktionshallen besichtigt und hunderte Gespräche geführt. „In China muss man sich durch die Hierarchien arbeiten und ständig die Qualität verbessern, bis man einen Vertrag abschließt – das braucht Geduld.“ Die hat sich ausgezahlt: Die chinesische Ware ist in einwandfreier Qualität in Deutschland eingetroffen. Im Dezember erwartet man die ersten Lieferungen aus Vietnam.


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Christian Müller (51), Vice President HR Operations, und Fritz Ploier (41), Head of HR Business Partner Management bei Media-Saturn in Ingolstadt

Auf großer Fahrt

In einer untermotorisierten, 17 Jahre alten Klapperkiste quer durch Russland, Kasachstan und Kirgisistan – so sah der Sommerurlaub von Christian Müller und Fritz Ploier aus. Als Team „Blauroter Eichkater“ fuhren sie bei der „Tajik Rally“ von München bis nach Duschanbe in Tadschikistan – mehr als 10 000 Kilometer in knapp drei Wochen. Bei dieser Rallye geht es aber nicht darum, wer als Erster im Ziel ist, sondern darum, Spenden für einen guten Zweck zu sammeln – für die beiden eine wichtige Motivation.

Für „Hänsel und Gretel“ und „Habitat for Humanity“ konnten sie bisher fast 5000 Euro sammeln. Dazu wird noch der Erlös aus der Versteigerung des Autos kommen. Ebenfalls außergewöhnlich: Sie waren eines von nur zwei Teams, die sich für die Route über Russland entschieden hatten. „Viele haben uns gewarnt, dass es keine befestigten Straßen gäbe, die Grenzbeamten korrupt seien und man nirgends tanken könne“, erinnert sich Müller. „Aber es gibt immer Gründe, warum man etwas nicht tun sollte. Doch nur, wenn man ein Risiko eingeht, kann man etwas Neues lernen und sich weiterentwickeln.“ Außerdem waren sie neugierig: „Man kennt Länder wie Kirgisistan nur aus den Nachrichten und hat ein völlig falsches Bild“, sagt Ploier. „Das sind sehr faszinierende Reiseländer: Berge, Wüsten und klare Seen, die Landschaft ändert sich ständig. Die Menschen waren sehr hilfsbereit, und es gab an jeder Tankstelle kostenloses WLAN.“

Die Herausforderungen waren anderer Art: Reparaturen, die Fahrt über den zweithöchsten Bergpass der Welt und die Verständigung ohne Russischkenntnisse. „Wenn wir Leute nach dem Weg gefragt haben, war das, als würde in Hamburg ein Chinese nach dem Weg nach Tirol fragen.“ Doch nach 19 aufregenden Tagen erreichten sie am 27. August ihr Ziel – genau nach Plan. „Wir haben einfach einen Rückflug für den 29. gebucht und gehofft, dass das passt.“


Die Waregem-Globetrotters

Annie Vangampelaere (57), Facility Assistant, und Philippe Claerhout (56), Maintenance Assistant bei Bekaert Textiles in Waregem, Belgien

Annie Vangampelaere (57), Facility Assistant, und Philippe Claerhout (56), Maintenance Assistant bei Bekaert Textiles in Waregem, Belgien

Die Reisepässe von Annie Vangampelaere und ihrem Ehemann Philippe Claerhout sind voller Visa-Stempel. In diesem Jahr waren sie zweieinhalb Wochen in Mexiko, dann für drei Wochen in Argentinien und im Anschluss noch mal zwei Wochen in Mexiko. „Aber das war noch gar nichts, 2010 waren wir nur 62 Tage zu Hause in Belgien“, erzählt Annie schmunzelnd. Und ihr Mann fügt hinzu: „So langsam könnten wir mal wieder los.“ Doch auch wenn die beiden Abenteuerurlaubern ähneln, die sich Länderpunkte im Pass angeln, ist ihre Reiselust rein beruflich: Für ihren Arbeitgeber Bekaert Textiles gehen sie überall dorthin, wo sie gebraucht werden – selbst dann, wenn sie sich kaum verständigen können.

2004 etwa suchte das argentinische Werk jemanden, der Kollegen anlernen konnte. So flog Philippe, der seit 1992 bei dem Stoffhersteller arbeitete, der damals noch in Waregem produzierte, das erste Mal nach Buenos Aires – obwohl er kein Spanisch sprach und seine Lehrlinge vor Ort kein Englisch. Doch Angst hatte der 56-Jährige nicht: „Probleme sind da, um sie zu lösen.“ Mit Händen und Füßen und dank seiner Offenheit klappte es trotzdem. So gut, dass er seitdem regelmäßig unterwegs ist.

Bald kam auch Annie mit, die seit dem Jahr 2000 bei Bekaert Textiles arbeitet. Während Philippe die Kollegen in der Veredelung anlernt, erklärt seine Frau die Qualitätskontrolle. Auch als das Unternehmen 2006 die neue Produktion in der Türkei eröffnete, waren beide von Anfang an dabei. Zu der Sprachbarriere kamen diesmal die kulturellen Unterschiede: „Als Frau hatte ich es manchmal schwer, von den türkischen Kollegen akzeptiert zu werden“, erinnert sich Annie. Doch die freundliche Belgierin brachte nicht nur sehr viel Geduld, sondern auch die nötige Durchsetzungsfähigkeit mit.

Ihre Arbeitseinsätze sind meistens spontan: „Wir sagen immer: Ruft uns an, wenn ihr Probleme habt.“ Wenn der Anruf kommt, sitzen Annie und Philippe oft schon zwei Tage später im Flugzeug. Dann sagen sie nur noch schnell den Nachbarn Bescheid – ihre Koffer stehen meist eh schon gepackt in der Ecke.

Christina Godoy Tenter

"Wir müssen Entscheidungen treffen, ohne zu wissen, was auf uns zukommt"

Christina Godoy Tenter

Kinder und Job unter einen Hut bringen? Das ist für viele eine Herausforderung. Die Haniel-Mitarbeiterin und dreifache Mutter Christina Godoy Tenter entschied sich zusätzlich für eine Kita, die von den Eltern selbst verwaltet wird, und engagiert sich im Vorstand des Vereins.

Warum haben Sie sich für eine elternverwaltete Kita entschieden?

Ausschlaggebend war für uns das Herzblut der Erzieherinnen, das frische Bio-Essen und die Möglichkeiten, die eigene Turnhalle und das große Außengelände direkt am Krefelder Stadtwald nutzen zu können. Hier weiß ich unseren Jüngsten in der Ganztagsbetreuung gut aufgehoben und kann beruhigt arbeiten gehen. Eltern dürfen mitentscheiden, dafür wird aber auch Mitarbeit erwartet. Wir haben zum Beispiel keinen Gärtner, sondern kümmern uns selbst um den Garten. Die Kinder sind immer dabei und lernen gleich, dass es sich lohnt, sich zu engagieren. Am Ende muss jemand die Entscheidungen treffen und sie umsetzen, schließlich tragen wir auch Verantwortung für unsere Erzieherinnen. Deshalb habe ich mich für den Vorstand aufstellen lassen.

Was war die größte Herausforderung bei der Vorstandstätigkeit?

In den letzten Jahren ist der Bedarf an Kinderbetreuung stetig gewachsen, vor allem für Kinder unter drei Jahren. Um das Konzept zu erhalten, musste die Kita wachsen. 2013 fiel die Entscheidung, eine Gruppe für jüngere Kinder einzuführen. Doch um den Kindergarten zu erweitern, waren Umbauarbeiten und Anpassungen des 110 Jahre alten Gebäudes an gesetzliche Vorschriften notwendig. Wir mussten Baugenehmigungen einholen, Fördergelder beantragen und mit der Stadt verhandeln. Dauernd passierten unvorhergesehene Dinge, deshalb mussten wir oft Entscheidungen treffen, ohne zu wissen, was auf uns zukommt. Insgesamt hat der Umbau fast eineinhalb Jahre gedauert.

Wie haben Sie das mit Ihrem Job vereinbart?

Ich arbeite in Teilzeit. Es war zwar oft stressig, aber gleichzeitig habe ich viel gelernt, was ich auch im Beruf nutzen kann. Man lernt Unternehmertum. Bei Haniel war ich etwa in die Nutzungsplanung für das historische Gemeindehaus eingebunden und organisiere die Kinderbetreuung bei verschiedenen Veranstaltungen.