Mut

Mehr Disruption wagen

Foto: Michael Hudler
Die Digitale Revolution ist im vollen Gange. Doch wie lassen sich die damit verbundenen Chancen für das eigene Unternehmen nutzen? Michael Nilles, CIO Schindler und CEO Schindler Digital Business, kennt den Weg:

Digitalisierung – im privaten Alltag ist sie längst angekommen. Das Trendthema beherrscht aber auch die strategische Agenda von Unternehmen. Konzernlenker sehen hier die Chance für neue Geschäftsmodelle und brechen zu regelrechten Pilgerfahrten ins Silicon Valley auf, um Inspiration bei Apple, Google, Tesla und Co. zu suchen. Vor allem den so genannten traditionellen Branchen eröffnen sich neue Chancen für Innovation, Wachstum und Wettbewerbsvorteil.

Die Digitale Revolution ist bereits im vollen Gange, es gilt nun, die damit verbundenen Chancen für das eigene Unternehmen zu nutzen. Es gibt sie auch schon, die neuen „Digital Champions“ aus den traditionellen Industrien, die ihr Geschäft durch die enge Verzahnung von Produkt, Technologie, Prozess und Mensch in integrierte digitale Ökosysteme transformiert haben und nachhaltiges Wachstum generieren.
Der Erfolg dieser digitalen Champions liegt darin, dass sie die digitale Transformation nicht nur als Optimierung des bestehenden Geschäfts mithilfe von digitalen Technologien begreifen, sondern als Transformation des bestehenden Geschäftsmodells oder den Aufbau neuer Geschäftsfelder. Dabei steht stets eine radikale Kundenorientierung im Fokus. Erfolgreiche digitale Transformation gelingt nicht durch evolutionäre Innovation oder kontinuierliche Verbesserung – Digitalisierung erfordert disruptive Innovation, und das geht nicht ohne Unternehmertum und Mut. Uns sind die vielen Beispiele von Unternehmen wie Blackberry oder Blockbuster bekannt, denen genau dieser Mut zu disruptiver Innovation gefehlt hat. So sah etwa Kodak zwar 
die Entwicklung der Digitalfotografie voraus, brachte aber seine Innovation wegen seines Quasi-Monopols bei der Filmherstellung und Angst vor Kannibalisierung des Kerngeschäfts nicht an den Markt. Am Ende musste das Unternehmen dabei zusehen, wie es von anderen am Markt überrollt wurde.

Die fünf wichtigen Erfolgsetagen für die Digitale Transformation

Radikal an Kundenbedürfnissen ausrichten

Stets aus Kundenperspektive denken: Was sind unerfüllte Kundenwünsche? Innovation muss ein Bedürfnis abdecken oder gar erzeugen. Disruptive Innovationen adressieren häufig Bedürfnisse, die der Nutzer selbst nicht artikulieren kann gemäß des Bonmots von Henry Ford: „Hätte ich die Kunden befragt, hätten sie sich schnellere Pferde gewünscht.“

Bisheriges radikal 
in Frage stellen

Das eigene Geschäftsmodell muss kritisch hinterfragt werden, bevor es jemand anderes tut. Dabei gilt es, nicht nur die Wertschöpfungskette anzuschauen, sondern das gesamte Ökosystem. Es stellt sich nicht mehr die Frage, ob das nächste „Uber“ meine Industrie aufrollen wird, sondern wann.

Time-to-Market ist entscheidend

Durch enge Einbindung des späteren Nutzers und schnelle Zyklen der Prototypenentwicklung wird das Produkt frühzeitig optimiert. Kostenintensive spätere Anpassungen entfallen. Der Markteintritt erfolgt früh nach der „Minimum Viable Product (MVP)“-Idee.

Baue digitale Fähigkeiten auf
Gründermentalität ist essenziell. Dazu muss neues Wissen etabliert werden, etwa für die User Experience (UX). Besonders wichtig ist die fachübergreifende Kooperation („Unity of Effort“).

Inkubation als separate Einheit
Disruptive Ideen stellen oft das bestehende Geschäft in Frage und können zur Kannibalisierung führen. Ein geschützter Raum ist entsprechend unabdingbar.


Michael Nilles studierte Wirtschaftsinformatik an der Universität Köln und machte seinen MBA an der Kellogg School of Management in den USA. Er hat die verschiedenen Phasen der Digitalisierung etwa bei Mannesmann und Bosch Rexroth miterlebt und gestaltet. Seit 2009 ist er CIO beim Schweizer Aufzugs- und Fahrtreppenhersteller Schindler, wo er auch der Unit Schindler Digital Business AG als CEO vorsteht.