Mut

Ruhig Blut – Ein Interview über Mut

Autor: Jakob Schrenk |
Foto: Michael Hudler
Der Politikwissenschaftler, Jurist und Historiker Dietmar Herz ist kein normaler Professor. 
So reiste er auf eigene Faust mehrmals nach 
Afghanistan, um mit den Taliban zu sprechen. Und zwischendurch stieg er auch noch vom Elfenbeinturm der Wissenschaft herab in die Niederungen der thüringischen Landespolitik. Ein Gespräch.

Professor Herz, sind Sie mutig? 


Ich fürchte, ich kann diese Frage nicht beantworten.

Warum nicht?


Mut hat man nicht einfach. Mut erweist sich immer in einer konkreten Situation. Noch dazu erscheinen Handlungen als mutig, die der Handelnde selbst als gar nicht so riskant empfindet. Es kann aber ebenso sein, dass man viel Mut 
für eine Entscheidung braucht, die für Außenstehende nicht besonders spektakulär wirkt.

Ein Beispiel, bitte.


Ich habe 2009 beschlossen, von der Universität in die Politik zu wechseln und Staatssekretär im Justizministerium zu werden. Ich habe lange mit mir gerungen, diesen Schritt zu tun, in meinen Augen war es eine riskante Entscheidung, die Seiten zu wechseln. Ich weiß aber nicht, ob das andere Menschen auch so sehen würden. Umgekehrt fanden es einige sehr mutig, als ich im Frühjahr desselben Jahres nach Afghanistan reiste, um mir ein eigenes Bild von der Situation im Land zu machen. Ich fuhr unter anderem auch in Gebiete, die sich unter der Kontrolle der Aufständischen befanden. Für mich war das keine Heldentat.

Hatten Sie denn nie Angst in Afghanistan?


Es gab Situationen, die unangenehm hätten werden können. So war ich einmal mit einem Fahrer und einer Dolmetscherin auf dem Rückweg von der Stadt Gardez nach Kabul. Wir wurden angehalten und von Aufständischen kontrolliert. In Gardez hatten mir die örtlichen Clanchefs freies Geleit gegeben, aber das galt nicht mehr für diese Gegend. Ich war als Einheimischer verkleidet und trug Pluderhose, weites Hemd, schwarzes Sakko und eine paschtunische Mütze. Ich murmelte dem Mann, der in unser Auto lugte, eine Begrüßung auf Dari zu und ignorierte ihn ansonsten. Hätte der Mann versucht, mit mir ins Gespräch zu kommen, hätte er sofort gemerkt, dass mein Dari vor allem auf einem Intensivkurs der Landessprachenschule der Universität Bochum beruhte.

Was wäre dann passiert?


Ich wäre vermutlich entführt worden. Möglich, dass man mich geköpft hätte. Vielleicht hätte man versucht, Lösegeld für mich zu bekommen oder mich an eine andere Gruppe verkauft.

„Ich kann nicht einfach am Schreibtisch sitzen“

Prof. Dietmar Herz

Dietmar Herz wurde 1958 in Oberbayern geboren und studierte Jura und Politikwissenschaft in München und Harvard. Im Jahr 2000 baute er in Erfurt die Willy Brandt School of Public Policy auf, die von der Haniel Stiftung unterstützt wird. In einem zweijährigen Studium erwerben die Studenten einen Master of Public Policy und qualifizieren sich so für Führungspositionen in Politik, Verwaltung oder NGOs. Dietmar Herz wurde 1958 in Oberbayern geboren und studierte Jura und Politikwissenschaft in München und Harvard. Im Jahr 2000 baute er in Erfurt die Willy Brandt School of Public Policy auf, die von der Haniel Stiftung unterstützt wird. In einem zweijährigen Studium erwerben die Studenten einen Master of Public Policy und qualifizieren sich so für Führungspositionen in Politik, Verwaltung oder NGOs.

Dietmar Herz ist Politik-Professor, fährt aber auch in aufständische Gebiete im Irak, um seine Theorien vor Ort überprüfen zu können. Dietmar Herz ist Politik-Professor, fährt aber auch in aufständische Gebiete im Irak, um seine Theorien vor Ort überprüfen zu können.

Besonders mutig findet er das aber nicht. Besonders mutig findet er das aber nicht.

Zu seinen Schwerpunkten gehören neben den USA auch Israel und der Nahe Osten. Zu seinen Schwerpunkten gehören neben den USA auch Israel und der Nahe Osten.

Gleich am ersten Tag seiner Afghanistan-Reise ging Dietmar Herz’ Brille kaputt. Um weiter einen klaren Blick auf die Verhältnisse zu haben, reparierte er sie notdürftig. Gleich am ersten Tag seiner Afghanistan-Reise ging Dietmar Herz’ Brille kaputt. Um weiter einen klaren Blick
auf die Verhältnisse zu haben, reparierte er sie notdürftig.

Dietmar Herz' Presseausweis aus seiner Zeit als "Embedded Journalist" im Irak und in Afghanistan. Dietmar Herz‘ Presseausweis aus seiner Zeit als „Embedded Journalist“ im Irak und in Afghanistan.

Warum haben Sie dieses Risiko überhaupt auf sich genommen? 


Ich kann nicht einfach am Schreibtisch sitzen, die Nachrichten im Fernsehen verfolgen und dann einen Artikel darüber verfassen, warum der Westen in Afghanistan siegen oder verlieren wird. Ich muss dort hinfahren, selbst mit den Leuten reden, selbst beobachten, selbst analysieren. Wir stellen uns die Taliban zum Beispiel etwas voreilig als Terroristen vor. Tatsächlich bauen sie in ihren Gebieten Schulen, Krankenhäuser, ein Justizsystem, eine Form der politischen Ordnung auf, die man nicht einfach wegbomben kann. Diese vorstaatlichen Strukturen haben mich bei meinen Reisen besonders interessiert.

Sie sind 2007 auch in den Irak gefahren. 


Ich wollte mir damals ein Bild davon machen, wie die asymmetrischen Kriege der Gegenwart geführt werden. Ich habe versucht, dem realen Alltag der amerikanischen Soldaten möglichst nahe zu kommen. Also habe ich „meine Einheit“ auch bei den Fußpatrouillen begleitet, die wesentlich gefährlicher sind als die Fahrten im gepanzerten Fahrzeug. Einmal wurden wir in der Altstadt von Samara aus Häusern heraus von beiden Seiten beschossen. Ein Amerikaner, der in meiner Nähe stand, wurde dabei schwer verletzt.

Wie haben Sie reagiert?


So, wie man es mir beigebracht hatte. Man muss sich auf den Boden knien, um möglichst wenig Fläche zu bieten. Ich habe auch versucht, im Schutz einer Hausmauer eine bessere Deckung zu finden. Nach wenigen Minuten kamen gepanzerte Militärfahrzeuge, die uns evakuierten.

Was hielten eigentlich Ihre Freunde und Ihre Frau von Ihrer Irak-Reise?


Ich muss zugeben, dass ich damit nicht unbedingt auf großes Wohlwollen stieß.

Und was sagten Ihre Universitätskollegen dazu?


Es gab Kollegen, die den Wert meines Vorhabens anerkannten. Aber die meisten haben mein Vorhaben ganz einfach  ignoriert.

Warum? 


Ich weiß es nicht. Vielleicht fühlten sich einige von mir kritisiert. Es ist in Deutschland eben nicht üblich, dass sich ein Politikwissenschaftler vor Ort ein Bild macht.

Ebenfalls unüblich ist es ja, dass Universitätsangehörige allgemein verständlich berichten. Sie haben große Zeitungsreportagen über Ihre Reisen verfasst und schreiben populäre Sachbücher, unter anderem über Palästina oder die USA. Demnächst erscheint beim Verlag C. H. Beck Ihr Buch über die Geschichte Israels. 


Ich halte nichts vom Expertenidiom. Wenn man ein Problem durchdrungen hat, kann man es auch in klaren Worten beschreiben.

Sie haben ja auch wortwörtlich Grenzen überschritten, waren oft in den USA, haben in Israel und in Brasilien gelehrt – woher kommt diese Lust am Fremden?


Vielleicht hängt das damit zusammen, dass ich als Kind und Jugendlicher elf lange Jahre das Internat der Erzabtei 
St. Ottilien besuchte. Da ging es doch recht streng zu, und ich hielt früh nach kleinen und größeren Fluchten Ausschau. Zum Beispiel las ich sehr, sehr viel. Und ich ging als Austauschschüler nach Irland, was damals noch nicht so üblich war wie heute. In den Achtzigerjahren absolvierte ich dann ein Aufbaustudium in den USA. Generell 
interessierten mich alle möglichen Fächer: Politik, Philosophie, Anthropologie, Germanistik. Ich habe auch das zweite Staatsexamen in Jura, obwohl mir immer klar war, dass ich niemals als Jurist arbeiten wollte. Aber ich hielt Jura ganz einfach für ein sehr spannendes Fach.

Wie kamen Sie als Professor nach Erfurt? 


Nach meiner Habilitation 1996 bekam ich relativ schnell eine Professur für politische Wissenschaft in Bonn. Natürlich hätte ich es mir auf diesem Posten auch erst einmal bequem machen können. Aber dann kam im Jahr 2000 eben das Angebot aus Erfurt. Mich reizte die Aufgabe, eine Universität neu und besser zu organisieren, die alten Grenzen zwischen den Fächern aufzuheben. In Erfurt gibt es zum Beispiel eine Staatswissenschaftliche Fakultät, an der Juristen, Wirtschaftswissenschaftler, Politologen und Soziologen zusammen  lehren. Wir hatten bereits früh das 
System von Bachelor und Master umgesetzt, das an den übrigen deutschen Universitäten erst viel später eingeführt wurde. Und wir gründeten die Willy Brandt School of Public Policy – so etwas gab es vorher in Deutschland noch nicht. Die Unterrichtssprache 
ist Englisch, die Studenten kommen aus bis zu 40 Ländern zu uns, vor 
allem auch vom afrikanischen Kontinent. Wir möchten Menschen für internationale Führungspositionen in der Politik, im öffentlichen Sektor oder in NGOs ausbilden.

Sie sind schließlich selbst von der Theorie der Wissenschaft in die Praxis der Politik gewechselt. 


2009 ergab sich für mich die Möglichkeit, Staatssekretär im Justizministerium des Landes Thüringen zu werden. Ich hatte zu Beginn erwähnt, dass ich mir die Entscheidung nicht leicht gemacht habe.

Was war das ausschlaggebende Argument, das Angebot anzunehmen?


Ich unterrichte in Erfurt vergleichende Regierungslehre. Es erschien mir logisch, nicht immer nur darüber zu reden, wie man besser regieren könne, sondern es wahrhaftig selbst zu versuchen.

„Es gibt keinen Trick, um offen zu bleiben für Neues. Man muss es einfach tun“

Prof. Dietmar Herz

Eine ungewöhnliche Entscheidung für einen Wissenschaftler.


Dabei können wir von den Amerikanern lernen. Wechsel zwischen Universität, Politik und freier Wirtschaft sind in den USA ganz normal – tatsächlich kann das für alle Beteiligten auch gewinnbringend sein.

Was war Ihr wichtigstes Projekt als Staatssekretär?


Ich wollte die Verhältnisse im Strafvollzug verbessern. Es gab damals viele Selbstmorde in den thüringischen Gefängnissen, etwa sechs pro Jahr. Dagegen bin ich angegangen. Während meiner gesamten Amtszeit gab es keinen einzigen Suizid mehr. Gleichzeitig fiel mir auf, welche perfide Eigenlogik in der Politik herrscht. Mir wurde mehrmals die Frage gestellt: Wozu Geld ausgeben für Häftlinge, also Menschen, die keine Lobby haben und uns nicht wählen?

Bereuen Sie das Intermezzo in der Politik?


Ich habe zumindest viel gelernt. Außerdem bin ich mir ohnehin nicht sicher, ob es so etwas wie falsche Entscheidungen überhaupt gibt. Natürlich kann man sich irren, aber auch ein Irrtum kann produktiv sein.

Gibt es eine beste falsche Entscheidung Ihres Lebens? 


Nach meinem Harvard-Abschluss hätte ich in der freien Wirtschaft viel Geld verdienen können. Zurück zur Uni hätte ich später immer noch gekonnt. Stattdessen habe ich mich sofort dafür 
entschieden, weiterzustudieren, zu habilitieren und zu lehren. Wirklich rational war das nicht. Aber ich bin jetzt sehr dankbar für diesen Weg.

Welche riskante Entscheidung wollen Sie noch treffen? 


Auf jeden Fall möchte ich noch einmal für längere Zeit ins Ausland und eine Gastprofessur übernehmen. Ob das jetzt eine riskante Entscheidung wäre, weiß ich gar nicht. Aber ich will noch einmal etwas erleben. Bis zur Rente arbeite ich noch etwa zehn Jahre.

Wie schaffen Sie es, so neugierig zu bleiben? 


Ein Beispiel: Ich lese gerade viel über die Quantenphysik und merke, wie mir die Lektüre hilft, mich klarer auszudrücken. Dazu ist es aber auch einfach ungeheuer interessant. Je mehr man liest, je mehr man sieht, desto neugieriger wird man. Es gibt keinen Trick, um offen zu bleiben für Neues. Man muss es einfach tun.

„Morgenland ohne Morgen“ – lesen Sie hierzu einen Artikel von Dietmar Herz auf sueddeutsche.de