Mut

Schrott 
sei Dank

Autor: Elena Brenk-Lücke |
Foto: Dominik Asbach
Bei ELG lauert die Gefahr überall: von versteckter Strahlung über schnell fahrende Kräne bis hin zur richtigen Zusammensetzung von Edelstahl. Doch mit hohen Qualitätsstandards und erfahrenen Mitarbeitern wird das Risiko auf ein Minimum reduziert.

Scheppernd krachen die Schrottteile auf den Platz. Die Klappe des Lastwagens ist weit geöffnet, langsam schüttet er die restlichen Metallteile aus. Benjamin Nolte, Labormitarbeiter bei ELG, rückt seinen Gehörschutz zurecht, während der Schrotthaufen neben ihm immer weiter wächst. Hinter ihm rollen quietschend drei Waggons über die Schienen. Zwei Kräne packen gleichzeitig krachend mit ihren Greifarmen zu, um die Waggons zu beladen. Der 29-jährige Nolte dagegen beobachtet ruhig den Schrotthaufen aus Auspuffen, Rohren und Blechen – eine alltägliche Lieferung für den Haniel-Geschäftsbereich ELG, der die ankommenden Edelstahlschrotte für die Neuverwendung prüft, aufbereitet und weiterverkauft.

Für jemanden, der sich unachtsam zwischen den Kränen und herumfahrenden Waggons bewegen würde, könnte es auf dem Schrottplatz im Duisburger Hafen schnell gefährlich werden. Doch ELG macht viel, um Sicherheit und Gesundheit seiner Mitarbeiter zu schützen. Beim Haniel-Geschäftsbereich gelten eine Reihe von Sicherheitsstandards – angefangen von regelmäßigen Mitarbeiterschulungen bis hin zum Tragen von Schutzkleidung in definierten Sicherheitsräumen. „Wir tauschen uns eng mit den Kollegen und dem Betriebsrat aus, um mögliche Gefahrenquellen schon früh zu eliminieren“, erklärt Rainer Becker, Personalleiter bei ELG. „Das hat dazu geführt, dass es in Duisburg in den vergangenen Jahren keine gravierenden durch Schrott verursachten Unfälle mehr gegeben hat.“

Das Risiko minimieren

Um das Risiko von Arbeitsunfällen in den weltweit 50 Niederlassungen weiter zu reduzieren, hat ELG im Jahr 2013 das Health & Safety-Projekt ins Leben gerufen, dessen Ziel es ist, einen ELG-weiten Sicherheitsstandard zu gewährleisten. Die Herausforderung dabei: Der Standard muss sich trotz aller kultureller und statistischer Besonderheiten in allen 20 Ländern umsetzen lassen, in denen ELG vertreten ist. 2014 wurde dafür zunächst ein weltweites Reportingsystem für schwere Arbeitsunfälle aufgesetzt, das aktuell um international geltende Definitionen sowie Kennzahlen für Krankheitstage und Fluktuation erweitert wurde. Die von Becker und 
seinem Team erfassten Zahlen sind eindrucksvoll: die Dauer der Betriebszugehörigkeit etwa ist überall sehr hoch. „Wir haben viel Erfahrung im Unternehmen“, sagt Becker: „Das mindert das Unfallrisiko.“

Der Schein trügt nicht: Im Labor kann geschmolzenes Metall anhand des reflektierenden Lichts genau auf seine Zusammensetzung untersucht werden

Der Schein trügt nicht: Im Labor kann geschmolzenes Metall anhand des reflektierenden Lichts genau auf seine Zusammensetzung untersucht werden

Doch auf Erfahrung allein kann sich ELG nicht verlassen. Manchmal hilft nur die richtige Technik. Wie bei Strahlung. Die kommt zwar überall vor – zum Beispiel in der Luft oder in bestimmten Gesteinsarten. Eine zu hohe Dosis kann jedoch der Gesundheit schaden. Zwar kennt ELG viele seiner Schrottlieferanten schon lange, doch wo der Schrott eingesetzt oder gelagert war, kann man nie genau wissen. Um die Mitarbeiter, Kunden und Verbraucher vor gefährlicher Strahlung zu schützen, hat ELG deshalb ein System strikter Kontrollen eingeführt.

Kontrolle gegen Radioaktivität

Bevor etwa der Schrottberg, der sich mittlerweile zwischen den Kränen auftürmt, den Platz erreicht hat, haben ihn vier Detektoren an der Waage auf Strahlung untersucht. Die lösen Alarm aus, sobald sie bei einer Lieferung Strahlung messen, die oberhalb der natürlichen Umgebungsstrahlung liegt. Das ist schon bei ganz geringen Werten der Fall. So wurde einmal ein Alarm ausgelöst, der auf eine radiologische Schilddrüsenuntersuchung des Lkw-Fahrers zurückzuführen war. Ist jedoch der Schrott belastet, wird er aus dem Verkehr gezogen und von einem Sachverständigen überprüft und behandelt – nach einem Plan, der mit der Strahlenschutzbehörde abgestimmt ist.

Um auch belasteten Schrott zu finden, der bei  der Anlieferung auf dem Lkw durch andere Teile verdeckt war, setzt ELG Radioaktivitätsdetektoren in den Greifarmen der Bagger ein. „Mit den Kontrollen waren wir Anfang der Neunzigerjahre Pionier der Branche“, erklärt Jürgen Knabe, Laborleiter und Strahlenschutzbeauftragter bei ELG. „Auch in Sachen Arbeitssicherheit.“ In diesem Wissen untersucht Nolte inzwischen den Schrotthaufen. „Es gibt Ware – zum Beispiel Waschmaschinentrommeln – da weiß man genau, wie sie zusammengesetzt ist“, erklärt er. „Den Schrott hier muss ich erst mal überprüfen.“ Dazu hält er ein orangefarbenes Gerät – ähnlich einer Etikettiermaschine – an einen alten Auspuff. Binnen wenigen Sekunden erscheint auf dem Display die Bezeichnung V2A – 17,5 Prozent Chrom, acht Prozent Nickel und der Rest Eisen – eine ideale Edelstahlzusammensetzung.

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Gewährt Schutz: Jürgen Knabe ist als Laborleiter auch zuständig für Arbeitssicherheit bei gefährlicher Strahlung

Doch ob das stimmt, verrät nur die genaue Untersuchung im Labor. Schnellen Schrittes macht sich Nolte auf den Weg. In einem grünen Ofen schmilzt er Stichproben der neuen Ware ein. Das blutrote, flüssige Metall lässt er dann in einer Zylinderform abkühlen. Anhand des Lichts, das die Oberfläche reflektiert, kann im Emissionsspektrometer die genaue Zusammensetzung der Probe gemessen werden.

Qualität steht im Vordergrund

Die Qualitätskontrolle ist eine Kerntätigkeit von ELG, da sie das Risiko im Edelstahlgeschäft verringert. Edelstahl ist legiert, also eine Kombination von verschiedenen Metallen. Die Mischung verleiht dem Material bestimmte Eigenschaften. Ein Chromanteil von mindestens zwölf Prozent sorgt dafür, dass das Stück nicht rostet. Je nachdem, ob später Töpfe, Tanks oder Treppengeländer hergestellt werden sollen, fordert das Stahlwerk die Edelstahlschrotte in bestimmten Zusammensetzungen von ELG an. Der Qualitätscheck ist daher besonders wichtig: ELG muss den Schrott so sortieren, dass nach dem Einschmelzen genau das gewünschte Produkt herauskommt. Dabei müssen Nolte und seine Kollegen auch Edelstahlschädlinge im Auge behalten – etwa Kupfer. In einer zu hohen Dosierung kann es die gewünschten Materialeigenschaften negativ beeinflussen.

Die Ware wird vor der Auslieferung in bis zu 200 Proben analysiert. Bei so viel Kontrolle kann von Risiko beinahe keine Rede mehr sein – weder unternehmerisch noch unfallbedingt.
Noltes Funkgerät meldet sich. Gerade fährt ein Lkw mit neuer Ware auf den Platz. „Ich muss los und alles überprüfen“, sagt er. Er streift seine Jacke über und öffnet die Tür. Draußen hört man bereits den Schrott scheppern.

 

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ELG ist ein weltweit führendes Unternehmen für den Handel mit Rohstoffen und deren Aufbereitung insbesondere für die Edelstahlindustrie mit dem Sitz in Duisburg. Das Produktangebot umfasst im Wesentlichen Edelstahlschrotte und Superlegierungen. Mit mehr als 50 Standorten weltweit bietet ELG seinen Kunden eines der größtmöglichen Netzwerke und kann so zu jeder Zeit individuellen und prompten Service gewährleisten. Das Unternehmen gehört seit 1983 zur Haniel-Gruppe.