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„Unternehmen werden um Ältere kämpfen müssen“

Autor: David Mayer |
Foto: Julian Rentzsch (Zeichnung)
Immer mehr alte Menschen, immer weniger Rente: Der demografische Wandel bedroht den Ruhestand. Was das für die Wirtschaft bedeutet, erklärt der Soziologe Stephan Lessenich.

Herr Lessenich, einen Gang zurückschalten, das Leben genießen und sich vielleicht noch ein paar Wünsche erfüllen – so stellen sich viele Menschen ihren Ruhestand vor. Werden heutige Berufsanfänger überhaupt noch die Chance dazu bekommen?

Kaum. Die meisten werden es sich schlicht nicht leisten können. Nach dem Rentenplan der Bundesregierung sinken die Pensionen schon bis 2027 von heute 70 auf dann 55 Prozent des Durchschnittseinkommens. Die Abschläge für Frühverrentungen werden schmerzhafter, langfristig wird das Renteneintrittsalter wieder steigen. Alleine um nicht unter die Armutsgrenze zu rutschen, werden immer mehr Menschen im Rentenalter arbeiten müssen. Der klassische Ruhestand, wie wir ihn heute noch kennen, wird bald Symbol einer vergangenen Zeit sein.

Ursache ist vor allem der demografische Wandel. Wie konnte es zu dieser Verschiebung kommen?

Seit Ende der Sechzigerjahre bekommen Frauen in Deutschland weniger Kinder – vor allem dank moderner Verhütungsmethoden und besserer Karrieremöglichkeiten. Gleichzeitig werden die Menschen aufgrund des medizinischen Fortschritts immer älter. Horrorszenarien, in denen ein Erwerbstätiger bald mehrere Rentner versorgen muss, sind allerdings maßlos übertrieben. Heute kommen auf einen Rentner etwa zwei Erwerbstätige. Dieses Verhältnis wird sich noch etwas weiter
zuungunsten der Erwerbstätigen verschieben, aber selbst 2070 nicht annähernd eins zu eins sein. Dennoch müssen wir uns natürlich auf eine älter werdende Gesellschaft einstellen.

Worin liegen die Chancen dieser Entwicklung?

Die Frage impliziert ja, dass eine alte Gesellschaft eine negative Entwicklung bedeutet, weswegen wir jetzt die positiven Seiten hervorkehren müssen. Warum eigentlich? Unser Ideal scheint die Alterspyramide Anfang des 20. Jahrhunderts zu sein. Dass es damals so viele junge Menschen gab und so wenig alte, lag aber an einer in Deutschland historisch einmaligen Verknüpfung einer hohen Geburtenziffer mit einer hohen Sterberate durch Krankheit und Krieg. Warum nun ausgerechnet diese Ausnahmekonstellation die beste für unsere Gesellschaft sein soll, leuchtet mir überhaupt nicht ein. Wir könnten ja auch den Tatsachen ins Gesicht sehen und gute Bedingungen für eine alte Gesellschaft schaffen – etwa indem wir den Pflegesektor stärken.

Für ein Forschungsprojekt haben Sie mit Ihrem Team 55 verrentete Frauen und Männer zwischen 62 und 75 Jahren befragt. Was verbindet die älteren Menschen heute?

Zunächst, dass sie sich selbst nicht als alt bezeichnen würden. „Richtiges“ Alter beginnt in ihrer Wahrnehmung erst ab 80. Mit den Klischees der strickenden Oma und des Opas im Lehnstuhl können die heute 60- bis 75-Jährigen wenig anfangen. Sie fühlen sich fit und entscheiden sich für ganz verschiedene Lebensmodelle. Während die einen ein eher ruheständlerisches Dasein bevorzugen und sich ins Private zurückziehen, wollen die anderen weiter aktiv an der Gesellschaft teilhaben und engagieren sich ehrenamtlich oder bleiben erwerbstätig. Manche, weil sie aus wirtschaftlichen Zwängen müssen, andere, weil sie es wollen. Viele Forscher arbeiten zum Beispiel freiwillig als Senior-Professoren bis weit über 70 an ihrer Universität.

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Solchen Einsatz fordern Politiker und Wissenschaftler immer häufiger. Weil unsere Lebenserwartung steigt und ältere Menschen fitter sind denn je, sollten sie weiter ihren Teil zur Gemeinschaft beitragen, lautet die Argumentation …

… die ich nicht ganz verstehe. Wer zum Beispiel 40 Jahre gearbeitet hat, sollte in meinen Augen seinen Ruhestand verbringen dürfen, wie er möchte. Tatsächlich werden die meisten Älteren aber, wie eingangs erwähnt, schon wegen des finanziellen Drucks keine Wahl haben. Die Unternehmen übrigens auch nicht. Wenn in den kommenden Jahren Millionen Babyboomer das Rentenalter erreichen, verlieren die Konzerne mehr Fachkräfte, als sie neu einstellen können. Dann werden sie um die Älteren kämpfen müssen.

Wie kann die Wirtschaft reagieren?

Wenn die Menschen länger arbeiten sollen, müssen die Unternehmen dafür sorgen, dass ihre Mitarbeiter überhaupt gesundheitlich dazu in der Lage sind. Selbst manche Experten tun so, als stellten viele Berufe heute keine Belastung mehr dar, nur weil sie zum Beispiel hauptsächlich am Computer stattfinden. Dabei hat sich gerade der psychische Stress in den letzten Jahren stark erhöht, und körperlich anspruchsvolle Jobs wie Dachdecker und Co. sind ja nicht ausgestorben. Wenn der Ruhestand schon abgeschafft oder verkürzt wird, dann können Unternehmen ihren Mitarbeitern etwa regelmäßige einjährige Sabbaticals zur körperlichen und geistigen Erholung anbieten. Auch Berufswechsel sollten erleichtert werden. Wenn ein Fliesenleger mit 50 in der Altenpflege arbeiten will, sollte eine entsprechende Umschulung ohne Weiteres möglich sein.

Und was könnte sich im Job selbst ändern?

Führungskräfte sollten vermeiden, das Können älterer Beschäftigter auf bestimmte Stereotype zu reduzieren. Klassischerweise stecken Unternehmen ältere Mitarbeiter in gemischte Teams, wo sie junge Kollegen mit Kompetenzen wie Erfahrung, Übersicht und Zuverlässigkeit unterstützen sollen. Dabei gibt es keine Erkenntnis, warum Ältere nicht auch vermeintlich junge Eigenschaften wie Kreativität, Innovationsgeist oder Dynamik einbringen könnten. Dass heute so viele Menschen in den Vorruhestand gehen, liegt ja nicht daran, dass sie nicht mehr arbeiten wollen. Im Gegenteil: In unseren Interviews wünschen sich viele Rentner eine Aufgabe. Aber in ihren Unternehmen fühlten sie sich oft nicht mehr akzeptiert.

Was wären konkrete Gegenmaßnahmen?

Um das Management zum Umdenken zu bewegen, wären Demografie-Taskforces vorstellbar. In denen könnten Experten den Führungskräften Studien präsentieren, die gängige Vorurteile gegenüber älteren Beschäftigten widerlegen. Im Arbeitsalltag sollten die Mitarbeiter, unabhängig von ihrem Alter, gleichbehandelt werden. Das bedeutet selbstverständlich auch, dass sich ältere Kollegen regelmäßig weiterbilden dürfen. Vieles, worüber wir hier reden, wird sich aber allein schon durch die Kraft des Faktischen regeln.

Wie meinen Sie das?

Nun ja, wir werden bald mit immer mehr älteren Menschen konfrontiert sein. Auf der Straße genauso wie in Unternehmen. Und alleine schon durch die Tatsache, dass sie da sein werden, wird sich ihre Umwelt anpassen.

Und was wünschen Sie sich für Ihren eigenen Ruhestand?

Als Beamter werde ich zu jenen weniger werdenden Privilegierten ohne große finanzielle Sorgen zählen. Dafür gehe ich davon aus, dass für meine Generation der heute um die 50-Jährigen das gesetzliche Renteneintrittsalter bereits bei 70 Jahren liegen wird. Bleiben mir also noch etwa zehn hoffentlich gesunde Jahre nach der Erwerbstätigkeit. In denen möchte ich gerne in verringertem Umfang weiterforschen und mir währenddessen mehr Zeit zum
Lesen nehmen, als es im Moment möglich ist. Ansonsten wünsche ich mir eigentlich nur, dass ich diese Zeit gemeinsam mit den Menschen verbringen kann, die mir auch heute nah sind. Ob das klappt, lässt sich leider am wenigsten planen.


Prof. Dr. Stephan Lessenich lehrt Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und ist einer der Direktoren der DFG-Kollegforschergruppe „Postwachstumsgesellschaften“. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern veröffentlichte er 2014 den Band: „Leben im Ruhestand – Zur Neuverhandlung des Alters in der Aktivgesellschaft“.