Unternehmer 3.0

„Die Verbraucher sehen immer genauer hin”

Autor: Marija Latkovic (Interview)
„Cradle to Cradle“-Experte Michael Braungart über ernstgemeinte Versuche, Kreislaufwirtschaft und neue Unternehmensziele.

Wofür steht die Formulierung „Cradle To Cradle“?

Übersetzt heißt das „Von der Wiege zur Wiege“. Gemeint ist eine Kreislaufwirtschaft: Wenn etwas nicht mehr gebraucht wird oder abgenutzt ist, landet es auf dem Müll. Bei C2C werden Produkte so gestaltet und hergestellt, dass sie nicht nur ungiftig sind, sondern die Biosphäre sogar unterstützen.

Autos oder Waschmaschinen, die der Umwelt nützen – ist das möglich?

Wir unterscheiden zwischen zwei Produktkategorien. Einmal sind da Verbrauchsgüter wie Nahrungsmittel oder Sitzbezüge. Sie sollten kompostierbar sein und als Nährstoffe in die Biosphäre zurückkehren. Autos oder Waschmaschinen gehören zur Technosphäre: Nach der Nutzung gehen sie an den Hersteller zurück, der die nicht kompostierbaren Bestandteile für andere Geräte verwendet.

Was haben die Unternehmen davon?

Sie sparen die Milliarden, die sie heute ins Marketing stecken, um Produkte schön zu reden, die Mensch und Natur schaden. Oder im Arbeitsschutz: Wenn ich keine giftigen Chemikalien in meine Produkte packe, muss ich auch keinen Riesenaufwand betreiben, um meine Angestellten vor diesen Chemikalien zu schützen. Dadurch wird die Produktion um bis zu 20 Prozent günstiger.

Bis es so weit ist, muss man aber erst mal viel Zeit und Geld investieren …

Man muss das Produkt quasi neu erfinden. Wir haben 18 Jahre an kompostierbarem Leder gearbeitet, heute wird es für die Sitzbezüge im BMW i3 verwendet. Ein niederländischer Teppichfliesenhersteller hat lange an einem Bodenbelag getüftelt, der die Luft reinigt, indem er Feinstaub filtert. Innerhalb eines Jahres konnte er den Umsatz damit um acht Prozent steigern. Die Verbraucher sehen immer genauer hin.

Viele Unternehmen schmücken sich gerne mit „Cradle To Cradle“. Woran erkennt man, ob es ein Unternehmen ernst meint?

Ein Blick in die Unternehmensziele genügt. Pauschale Formulierungen wie Nachhaltigkeit, Öko-Effizienz und Müllvermeidung sind ein schlechtes Zeichen. Ein Unternehmen, das angibt „In fünf Jahren sollen die Verschleißteile bei unseren Geräten kompostierbar sein“, darf man dagegen ernst nehmen.


Michael Braungart ist Miterfinder des „Cradle To Cradle“-Konzepts. 2002 veröffentlichte er gemeinsam mit William McDonough „Einfach intelligent produzieren“. Das Buch gilt als Standardwerk im Bereich Nachhaltigkeit und Öko-Effizienz. Der 56-Jährige ist Inhaber mehrerer „Cradle To Cradle“-Lehrstühle, Geschäftsführer der EPEA Internationale Umweltforschung sowie wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Umweltinstituts.

Wie ernstgemeinte Nachhaltigkeits-Versuche in der Haniel-Praxis aussehen können, lesen Sie in unserem Artikel „Spa für Spender“.