Unternehmer 3.0

In Deutschland ist ein Schatz vergraben

Autor: Michael Moorstedt |
Foto: Michael Hudler
Wer den Schatz heben will, muss sich aber die Hände schmutzig machen und tief bohren – auf den grünen Bergen, unter denen sich unser Abfall verbirgt. Beim Urban Mining erproben Wissenschaftler, wie sich dringend benötigte Rohstoffe wie Eisen und Aluminium aus alten Mülldeponien bergen lassen.

Mit voller Wucht fällt der drei Tonnen schwere Greifarm aus 20 Meter Höhe zu Boden. Er rammt sich in die Erde, es kreischt und kratzt, dann ist die Schaufel voll. Wenig später spuckt der Greifer seine Ladung wieder aus. Es ist: Müll. Plastikfetzen und Metallrohre fallen zu Boden, undefinierbarer Schutt, etwas, das vielleicht mal ein Motorteil gewesen sein könnte, dazwischen überall feiner bräunlicher Stoff und schwarzer Schlamm. Ausgerüstet mit Schaufeln, Harken und Körben und geschützt mit weißen Ganzkörperanzügen, dicken Gummihandschuhen und Mundschutz, machen sich Jörg Nispel und seine Kollegen an die Arbeit, sammeln und sortieren, Halde um Halde, Haufen um Haufen, Proben aus dem Müll, Kompostgeruch liegt in der Luft. Es ist, man muss das so sagen, ein Drecksjob. Doch vielleicht wird so ein Stückchen Zukunft gesichert.

1982 wurde dieser Teil der Deponie Dyckerhoffbruch in der Nähe von Wiesbaden stillgelegt, nachdem Müllwagen hier knapp 20 Jahre lang ihre Ladung abluden. 60 Meter hoch türmt sich der inzwischen wieder begrünte Berg auf. Und hätten die Wissenschaftler rund um Nispel, der in der Projektgruppe für Wertstoffkreisläufe und Ressourcenstrategie des Fraunhofer-Instituts arbeitet, hier nicht ihr Lager aufgeschlagen – ein zufälliger Besucher würde wohl kaum vermuten, dass sich unter seinen Füßen, wo im Sommer Schafe weiden und man einen netten Blick nach Wiesbaden hat, 13 Millionen Kubikmeter Abfall befinden.

Auf Deutschlands Müllhalden sind Metalle im Wert von neun Milliarden Euro vergraben

Doch die Städte und die Hinterlassenschaften ihrer Bewohner werden gerade zu einer einzigen großen Rohstoffmine, um deren effiziente Ausbeutung verschiedene Unternehmen und Institute konkurrieren. In dem Kreis, der so schönen Worten wie Recycling oder auch Wertstoffkreislauf ihren Namen gibt, klaffte bisher eine Lücke, die es nun zu schließen gilt. Die Lücke, das sind die Deponien, auf denen alles landete, was nicht verwertet werden konnte – besonders in den Jahrzehnten, in denen für Umweltschutz und Mülltrennung noch kein sonderlich großes Bewusstsein vorhanden war. Doch die alten Deponien wurden längst mit einer dicken Erdschicht geschlossen. Auf so manchem Müllberg aus der Vergangenheit sind im Sommer Spaziergänger und im Winter Schlittenfahrer unterwegs, ohne zu wissen, welche von der Industrie begehrten Schätze sich unter ihnen befinden.

In Deutschland sind zweieinhalb Milliarden Tonnen unsortierter Hausmüll und Siedlungsabfall in der Erde vergraben. Und allein der Wert der darin lagernden Metalle wie Eisen, Kupfer und Aluminium beläuft sich Studien zufolge auf etwa neun Milliarden Euro. Eine gewaltige Ressource, zu verlockend, um nicht darüber nachzudenken, wie man sie ausbeuten könnte. Überall in Deutschland, das doch eigentlich so arm an natürlichen Ressourcen ist, würden auf einmal Lagerstätten auf der Karte erscheinen. Mit dem bloßen Anhäufen von Müll in der Vergangenheit hat man sich unabsichtlich ein großes Rohstoffdepot für die Zukunft angelegt.

Es gibt beileibe exotischere und unrealistischere Pläne, um weiter an Rohstoffe zu kommen. Gefrorenes Methan auszubeuten etwa oder Metalle vom Boden der Tiefsee zu erschließen. Müll stößt viele eben einfach ab. Doch heißt es nicht auch, Geld stinkt nicht? Und so ist Landfill Mining mittlerweile zu einem angesagten Forschungsthema geworden, deutschlandweit wurden mittlerweile rund 60 Müllhalden angebohrt, in ganz Europa gründen sich Projekte, die den Müll der jeweiligen Länder ausbeuten wollen, es gibt Arbeitsgruppen, Workshops und eigene Kongresse.

Dabei ist Landfill Mining nicht einmal ein neues Konzept, das sich verzweifelte Wissenschaftler in Zeiten schwindender Ressourcen ausgedacht haben. Bereits in den 1950er-Jahren gab es – ausgerechnet – in den USA die Überlegung, alte Deponien wieder zu öffnen und die dort lagernden Abfälle zu verwerten. Doch die Pläne verschwanden in den Schubladen. Aus dem einfachen Grund, dass es trotz lächerlich geringer Erträge aus den natürlichen Lagerstätten immer noch günstiger war, diese Minen auszubeuten – und nicht die Deponien.

Knapp 60 Jahre später hat sich die Lage grundlegend verändert. Die Rohstoffpreise steigen unabhängig von Konjunkturzyklen immer weiter an, während die Industrie über die hohen Kosten klagt – allein der Kupferkurs hat sich in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt: von knapp unter 3000 US-Dollar pro Tonne auf mehr als 7000 US-Dollar. Aluminium legte im gleichen Zeitraum um mehr als 500 Dollar pro Tonne zu. Ähnlich verhält es sich mit Eisen oder Stahl, Zink oder Zinn. So gewaltig ist der Rohstoffboom, dass auch die Unterwelt angelockt wird. In den Medien kursieren Geschichten über Metalldiebe, die ganze Gleisanlagen abmontieren, Gullydeckel aushebeln oder sich gar an Kirchenglocken vergreifen.

Mülldeponien sind Depots für werthaften Müll, meinen Experten

Ende des vergangenen Jahres sind die letzten Bohrungen und Grabungen in der Deponie Dyckerhoffbruch zu Ende gegangen. Mithilfe des Greifarms und einer Bohrschnecke huben Jörg Nispel und seine Kollegen 30 Löcher aus und sammelten mehr als 500 Proben zu etwa einem Kubikmeter. Jetzt wollen die Wissenschaftler wissen: Was steckt drin in der alten Müllkippe? Und vor allem: Wie bekommt man es wieder raus? Mühsam und mit viel Sorgfalt werden die einzelnen Stoffe mit Trommel- und Schwingsieben voneinander getrennt, Magnete ziehen derweil das Metall heraus, zur Feinanalyse kommen die Proben ins Labor.

„Je älter der Abfall ist“, sagt Jörg Nispel, „desto wertstoffreicher ist er auch. Früher wurde eben nicht getrennt. In der Konsumgesellschaft musste die Entsorgung möglichst einfach und möglichst günstig sein.“ Und so spiegelt sich in der alten Deponie auch der Zeitgeist vergangener Tage wider. Immer wieder fanden Nispel und seine Kollegen die Schlagzeilen alter Zeitungsartikel, die noch nicht verrottet waren, oder Plastikteile, auf deren Etiketten man noch lesen konnte, was sie einst verpackt hatten – Hinterlassenschaften der Überflussgesellschaft. Schon damals galt, was heute noch immer gilt: Alles, was den Menschen einmal lieb und teuer war, landet über kurz oder lang im Müll. „Die Deponien sind eine Zeitkapsel“, so Nispel.

„Unsere Deponien sind Minen“, sagt auch Stefan Gäth, „jahrzehntelang haben wir dort wertvolle Rohstoffe gedankenlos entsorgt.“ Gäth ist Professor für Abfall- und Ressourcenmanagement an der Uni Gießen und einer der weltweit führenden Experten in Sachen Landfill Mining, zusammen mit Jörg Nispel leitet er die Ausgrabungen. Von zwei früheren Projekten wissen die beiden Wissenschaftler bereits, dass sich der Abbau lohnen könnte. Allein in Hechingen am Rande der Schwäbischen Alb fand sich in der dortigen Kreismülldeponie unter all dem vermeintlich wertlosen Krempel eine Menge an Eisen, Kupfer und Aluminium, die nach gegenwärtigen Marktpreisen etwa 27 Millionen Euro wert wäre. „Wir sollten die Deponien als Depots betreiben“, sagt Gäth deshalb, „wo wir die werthaften Abfälle lagern, bis die Verwertung sinnvoll ist. Wir brauchen Einfälle für Abfälle“, sagt der Professor. Auch im hessischen Reiskirchen bohrten sie sich 50 Meter tief in eine stillgelegte Deponie.

Die Auswertung ihrer Proben aus Reiskirchen versetzt die deutsche Müllbranche in Goldrauschstimmung: Die Rohstoffe in der Halde seien je nach Marktlage zwischen 25 und 80 Millionen Euro wert. Nur die seltenen Erden, jene raren Treibstoffe der Hightechindustrie, die in heutigen Smartphones oder Flachbildschirmen stecken, finden sich – Überraschung – nur sehr selten in den Proben. Die dicken Röhrenfernseher und Kofferradios, die frühere Generationen dem Müll überantwortet haben, waren nicht komplex genug. Allenfalls ein paar Krümel und Gold und Silber finden sich hier und da. Besonders interessant für die Forscher sind Deponien aus den Jahren zwischen 1970 und 1990. Zu früher aufgeschütteten Lagern existieren keine Aufzeichnungen, was die Ausbeutung stark erschwert. Und in der jüngeren Vergangenheit wurde schlichtweg bereits zu gut recycelt, bevor der Müll schließlich auf der Deponie landete.

Doch es geht nicht nur um Metalle. Auch das gefundene Plastik lässt sich mittlerweile leicht wiederverwerten, Phosphate können der Landwirtschaft als Dünger dienen, organische Materialien zu Treibstoff raffiniert werden. Was dann noch übrig bliebe, Papier und Pappe, Holz und Textilien würden in Verbrennungsanlagen landen und so Energie liefern. Zugleich geht es darum, Boden sprichwörtlich wiedergutzumachen. Indem die Ökosünden der Vergangenheit zurückgebaut werden. „Das Ziel ist es, dass der Berg danach weg ist“, sagt Jörg Nispel. Schließlich wird durch den Rückbau der Deponien auch Fläche gewonnen, die etwa als Gewerbegebiet von Unternehmen genutzt werden kann.

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Bei weiter steigenden Rohstoffpreisen wird Urban Mining in 15 Jahren wirtschaftlich sein

Energie, Rohstoffe und als Bonus noch saubere Böden – Landfill Mining scheint viele Vorteile zu besitzen. Noch bremsen Stefan Gäth und Jörg Nispel jedoch die Euphorie. Denn der Rückbau ist mit enormen Kosten und Problemen verbunden. Wie lassen sich Schadstoffe wie Altöl oder Batterien entsorgen? Wie verhindert man, dass schädliche Gase wie Methan freigesetzt werden, wie trägt man schließlich den ganzen Abfall ab, ohne dass der Müllberg in sich zusammenfällt? Für den kompletten Rückbau der schwäbischen Deponie in Hechingen, so rechneten Gäth und Nispel vor, würden sich so Kosten zwischen 60 und 80 Millionen Euro ergeben.
Es dauert also noch, bis sich Landfill Mining richtig lohnen wird. Für jede Deponie wäre ein eigenes Verfahren nötig. Dafür bräuchte es vor allem Lösungen, wie der Müll in großem Maßstab gehoben werden könnte. Doch der Konsum der Menschen wird weltweit steigen, genau wie die Rohstoffpreise. „Wenn die Entwicklung gleich bleibt“, sagt Jörg Nispel, „wird Landfill Mining in 15 Jahren wirtschaftlich sein.“

Trotzdem ist Landfill Mining auch heute eher Option als Fiktion. Vor Kurzem hat man die nordrhein-westfälische Deponie Pohlsche Heide in der Nähe von Minden wieder geöffnet. Das Entsorgungsunternehmen Tönsmeier arbeitet dort zusammen mit den Universitäten von Aachen, Braunschweig, Clausthal mit schwerem Gerät an der Bergung von 8000 Tonnen Deponat – es ist der bislang größte Feldversuch. Bis 2015 sollen nun Verfahren entwickelt werden, die die Ressourcenrückgewinnung ermöglichen. Das Bundesforschungsministerium fördert das Projekt mit drei Millionen Euro. Und auch in Minden sind die Ausgrabungen abgeschlossen. Jetzt wird sortiert. Und der Schatz vom Müll getrennt.

Stichwort: Urban Mining

Hinter dem Begriff, für den auch Landfill Mining benutzt wird, verbirgt sich nichts anderes als industrieller Bergbau in Abfall, bei dem teuer gehandelte Rohstoffe wie Kupfer, Aluminium oder Plastik auf stillgelegten Müllhalden abgebaut werden. Hierfür wird der Müll zunächst geborgen und anschließend durch Siebe getrennt, während Magnete die Metalle herausgreifen. In Deutschland laufen derzeit etwa 60 Probebohrungen. Weitere Informationen: www.iml.fraunhofer.de